Ein neuer Zufluchtsort in Südhessen
In Südhessen ist ein bedeutender Schritt zur Unterstützung männlicher Opfer häuslicher Gewalt vollzogen worden: Mit der Eröffnung der ersten anonymen Schutzwohnung des Bundeslandes bietet Hessen betroffenen Männern und deren Kindern einen sicheren Rückzugsort. Das Projekt, das vom Verein Flexible Jugendhilfe getragen wird, soll Männern helfen, die in ihrem häuslichen Umfeld körperliche oder psychische Gewalt erfahren haben.
Die Wohnung ist funktional und wohnlich gestaltet und bietet Platz für zwei Männer sowie deren Kinder. Ziel ist es, den Betroffenen für einen Zeitraum von zunächst drei Monaten – mit der Option auf eine Verlängerung um weitere drei Monate – einen sicheren Raum zu bieten, in dem sie psychosoziale Unterstützung erhalten und Stabilität für ein eigenständiges Leben finden können.
Gewalt gegen Männer: Ein oft unterschätztes Problem
Obwohl die Mehrheit der Opfer häuslicher Gewalt Frauen sind, zeigen offizielle Statistiken, dass auch Männer in erheblichem Maße betroffen sind. Nach Angaben des Bundeskriminalamts (BKA) waren 2024 bundesweit rund 20 Prozent der Opfer partnerschaftlicher Gewalt männlich. Betrachtet man den Bereich der häuslichen Gewalt, der auch familiäre Kontexte einschließt, liegt der Anteil sogar bei knapp 30 Prozent.
Experten wie Boris von Heesen, Sozialmanager und Männerberater, betonen, dass Gewalt gegen Männer gesellschaftlich noch immer stark tabuisiert wird. Traditionelle Rollenbilder, die von Männern Stärke und Durchsetzungsvermögen fordern, führen häufig dazu, dass Betroffene aus Scham schweigen oder ihre Erfahrungen als weniger schwerwiegend abtun. Dabei umfasst die Gewalt ein breites Spektrum: von körperlichen Übergriffen über psychische Demütigungen bis hin zu Kontrolle und der Vorenthaltung finanzieller Mittel.
Solidarität statt Konkurrenz
Die Initiatoren der Schutzwohnung unterstreichen ausdrücklich, dass das neue Angebot keine Konkurrenz zur bestehenden Frauenhaus-Struktur darstellt. Vielmehr wird es als notwendige Ergänzung verstanden. Sozialministerin Heike Hofmann (SPD) betont, dass das Ausmaß und die Intensität der Gewaltbetroffenheit zwischen den Geschlechtern zwar nicht direkt vergleichbar seien, die Daten jedoch belegten, dass es sich bei männlichen Opfern keineswegs um Einzelfälle handele. Hessen setzt damit zudem eine EU-Richtlinie um, die häusliche Gewalt als ein Problem anerkennt, das alle Menschen betreffen kann.
Hintergrund und wissenschaftliche Begleitung
Die Idee für das Schutzangebot entstand bereits 2021 während der Corona-Pandemie im Rahmen eines virtuellen Runden Tisches, an dem Vertreter der Kirche, der Justiz und der Polizei teilnahmen. Hessen ist damit das sechste Bundesland in Deutschland, das ein solches Angebot bereitstellt. Bundesweit gibt es aktuell 18 Männerschutzwohnungen mit insgesamt 55 Plätzen.
Das hessische Projekt ist als dreijähriges Pilotvorhaben angelegt und wird wissenschaftlich evaluiert. Die Finanzierung erfolgt durch eine Landesförderung in Höhe von 35.000 Euro für die zweite Jahreshälfte, ergänzt durch Spenden und Eigenmittel des Trägervereins. Um eine professionelle Betreuung sicherzustellen, erfolgt die Aufnahme der Bewohner nach einem strukturierten Screening-Prozess durch Fachstellen.
Hilfe für Betroffene
Für Männer, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, stehen verschiedene Anlaufstellen zur Verfügung:
* **Hilfetelefon Gewalt an Männern:** 0800-1239900 oder [www.maennerhilfetelefon.de](http://www.maennerhilfetelefon.de)
* **Flexible Jugendhilfe:** 06151-3946610 oder [www.flexiblejugendhilfe.de](http://www.flexiblejugendhilfe.de)
* **Bundesfach- und Koordinierungsstelle:** [www.maennergewaltschutz.de](http://www.maennergewaltschutz.de)
Die Eröffnung der Wohnung wird vom Landeskriminalamt (LKA) begrüßt, da sie eine bestehende Versorgungslücke für Männer in akuten Gefährdungslagen schließt. Die Verantwortlichen hoffen, dass der Erfolg dieses Pilotprojekts den Weg für weitere Schutzangebote ebnen wird.