Prävention durch Fahrzeugtechnik
Das Auto der Zukunft könnte weit mehr sein als ein reines Fortbewegungsmittel: Es könnte zu einem mobilen Gesundheitswächter werden. Ein gemeinsames Forschungsprojekt der Technischen Universität Braunschweig und der Medizinischen Hochschule Hannover arbeitet derzeit an Systemen, die Vitaldaten von Fahrern kontinuierlich während der Fahrt erfassen. Ziel ist es, kritische gesundheitliche Ereignisse wie Herzinfarkte oder Schlaganfälle frühzeitig zu identifizieren und so lebensrettende Maßnahmen einzuleiten.
Die technologische Herausforderung besteht darin, die Messungen so in den Fahrzeuginnenraum zu integrieren, dass sie den Fahrer nicht beeinträchtigen. Die Nutzer sollen sich nicht umstellen müssen; die Datenerhebung erfolgt passiv und unauffällig im Hintergrund.
Sensorik im Alltag integriert
Um ein umfassendes Bild der körperlichen Verfassung zu erhalten, setzen die Forscher auf eine Kombination verschiedener Sensoren, die an zentralen Kontaktpunkten im Fahrzeug platziert sind:
* **EKG-Lenkrad:** Integrierte Elektroden ermöglichen die Aufzeichnung eines Elektrokardiogramms direkt über die Hände des Fahrers.
* **Smarte Sicherheitsgurte:** Ausgestattete Mikrofone erfassen die Herztöne, während Lichtsensoren den Puls messen und Unregelmäßigkeiten im Herzrhythmus detektieren können.
* **Innenraumkameras:** Diese überwachen die Gesichtsfarbe und analysieren Körperbewegungen, um Rückschlüsse auf den Gesundheitszustand zu ziehen.
Die Rolle der Künstlichen Intelligenz
Die bloße Erfassung der Vitaldaten reicht für eine medizinische Diagnose nicht aus, da äußere Einflüsse die Messergebnisse verfälschen können. Hier kommt eine Künstliche Intelligenz (KI) zum Einsatz. Sie setzt die Körperdaten in direkten Kontext zu den Fahrdaten. Faktoren wie Bremsmanöver, Kurvenfahrten, Beschleunigung und Fahrzeugvibrationen beeinflussen die physiologischen Messwerte maßgeblich.
Erst durch die Verknüpfung dieser Informationen mit den Vitalparametern kann die KI präzise Aussagen über den Zustand des Fahrers treffen. Laut Professor Thomas Deserno vom Peter L. Reichertz Institut für Medizinische Informatik (PLRI) ermöglicht dieser Ansatz nicht nur die Akutdiagnostik, sondern auch die Früherkennung chronischer Leiden wie Parkinson oder COPD. Eine frühzeitige Diagnose kann die Erfolgschancen von Therapien deutlich verbessern und langfristig medizinische Kosten senken.
Mögliche Auswirkungen auf Fahrassistenz und Komfort
Die gewonnenen Daten könnten weit über die reine Gesundheitsüberwachung hinausgehen. Die Forscher untersuchen, wie sich die Informationen für personalisierte Fahrzeugfunktionen nutzen lassen. Sollte das System körperliche Probleme oder eine beginnende Schwäche beim Fahrer registrieren, könnten die Fahrassistenzsysteme proaktiv angepasst werden, um die Sicherheit zu erhöhen.
Auch der Komfort könnte von dieser Technologie profitieren. Denkbar ist beispielsweise eine automatische Anpassung der Klimatisierung oder anderer Innenraumfunktionen, die auf das Wohlbefinden des Fahrers abgestimmt sind.
Ausblick auf die nächste Phase
Die Entwicklung befindet sich in einem fortgeschrittenen Stadium, in dem bereits zwei voll funktionsfähige Testfahrzeuge existieren. Um die Technologie einem breiteren Fachpublikum und Interessierten vorzustellen, planen die beteiligten Hochschulen eine Präsentation auf der Messe Automechanika in Frankfurt im September 2026. Dort wird es möglich sein, die integrierten Funktionen in der Praxis zu erleben und die Fortschritte der medizinischen Fahrzeugüberwachung zu evaluieren.