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Geschichte des Applauses: Zwangsklatschen gab es nicht nur unter Stalin
Technik · 31.07.2026 06:23

Geschichte des Applauses: Zwangsklatschen gab es nicht nur unter Stalin

Kurz: Warum klatschen wir eigentlich? Judith Pietrecks Kulturgeschichte beleuchtet die Macht, den Zwang und die Rituale hinter dem Beifall – von Nero bis heute.

Ein urmenschliches Ritual mit vielen Facetten

Das Klatschen ist weit mehr als nur ein Geräusch. Es ist ein universelles Kommunikationsmittel, das in fast allen Kulturen als Ausdruck von Anerkennung, Begeisterung oder Zustimmung dient. In ihrem Buch „Zwischen Klatschen und Klickzahl“ unternimmt Judith Pietreck den Versuch, die Kulturgeschichte dieser Publikumsgeste aufzuarbeiten. Dabei zeigt sich, dass das rhythmische Zusammenschlagen der Hände eine komplexe soziale Funktion erfüllt: Es stiftet Gemeinschaft, fungiert als rituelles Feedback und dient als körperlicher Ausdruck von Emotionen, die sich verbal oft nur schwer vermitteln lassen.

Obwohl das Klatschen als urmenschliches Verhalten gilt – bereits Kleinkinder zeigen diese Regung –, ist das Phänomen wissenschaftlich bisher erstaunlich wenig erforscht. Pietreck definiert Applaus als eine Geste, die erst durch Wiederholung und zeitliche Dauer ihre Bedeutung als Beifall entfaltet. Dabei ist die Geste stets performativ: Sie überbrückt die Distanz zwischen Bühne und Zuschauerraum und fungiert in manchen Kontexten sogar als Ersatzhandlung für körperliche Nähe, die im professionellen Rahmen nicht möglich ist.

Von antiken Claqueuren bis zum Sport-Ritual

Die Geschichte des Beifalls ist eng mit der Geschichte der Manipulation verbunden. Bereits in der Antike war das spontane Klatschen nicht immer so freiwillig, wie es den Anschein hatte. Kaiser Nero etwa heuerte gezielt Claqueure an, um seine Auftritte mit künstlichem Jubel zu untermauern. Diese Praxis der Steuerung zieht sich durch die Jahrhunderte. Das Publikum wurde in Theatern über lange Zeit hinweg erzogen und diszipliniert, bis das Applaudieren zu einem festen, erwartbaren Bestandteil des Theaterbesuchs wurde.

Interessanterweise findet das Klatschen auch in der Sportwelt Anwendung, wo es als Mittel der Selbstmotivation und der kollektiven Machtdemonstration dient. Ein Beispiel ist der Dreispringer Willie Banks, der in den 1980er Jahren das rhythmische Klatschen vor seinen Sprüngen als festes Ritual etablierte. Was als individuelle Vorbereitung begann, entwickelte sich durch die Nachahmung der Zuschauer zu einer stadionweiten Dynamik, die den Athleten bei seinen sportlichen Höchstleistungen unterstützte.

Politische Inszenierung und Zwang

Besonders kritisch betrachtet Pietreck die politische Dimension des Beifalls. Die These, dass das Ausmaß des Applauses in direktem Zusammenhang mit der Totalität eines politischen Systems steht, zieht sich als roter Faden durch die Analyse. Wo Freiheit eingeschränkt ist, wird der Beifall oft zur Pflichtübung. Beispiele wie die Feierlichkeiten in Nordkorea zeigen, dass Zwangsklatschen keineswegs ein historisches Relikt der Stalin-Ära ist.

Doch auch in westlichen Demokratien ist die Beobachtung des Applauses ein politisches Instrument. Auf Parteitagen wird die Dauer des Beifalls für Redner oft penibel registriert und medial ausgewertet. Hier verschwimmen die Grenzen zwischen freiwilliger Zustimmung und sozialem Druck, unter dem sich Delegierte in einer beobachteten Umgebung befinden. Der Applaus wird so zur Währung für politische Rückendeckung und Machtanspruch.

Die Grenzen der Analyse

Obwohl Pietreck eine fundierte Grundlage für das Verständnis des Applauses liefert, bleiben einige Aspekte offen. Das Phänomen des „einsamen Klatschens“, das in Talkshows oft peinlich berührt und verebbend wahrgenommen wird, oder der Applaus an der falschen Stelle – etwa vor dem Ende eines Musikstücks – hätten eine noch tiefere Untersuchung verdient. Auch der Vergleich zwischen verschiedenen kulturellen Räumen steht in der Forschung noch am Anfang.

Dennoch gelingt es dem Werk, den Applaus als ein zentrales Element menschlicher Interaktion zu würdigen, das weit über das bloße Geräusch hinausgeht. Es markiert den Übergang von der theatralen Versenkung zurück in die Realität und kehrt für einen kurzen Moment die Hierarchie zwischen Bühne und Publikum um. In einer Welt, die zunehmend von digitalen Klickzahlen geprägt ist, bleibt das physische Klatschen ein archaisches, aber hochrelevantes Symbol menschlicher Verbundenheit.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/vintage-quantum-prodrive-festplattenspeicher-38007656/ · Foto: Nicolas Foster
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/sachbuch/geschichte-des-applauses-zwangsklatschen-gab-es-nicht-nur-unter-stalin-200909388.html