News aus aller Welt
Start
Geschichte der Rätebewegung: Wo der Staat versagt, da entstehen Räte
Kultur · 05.03.2026 18:38

Geschichte der Rätebewegung: Wo der Staat versagt, da entstehen Räte

Kurz: Die Rätebewegung zeigt, wie Selbstverwaltung in Krisenzeiten entsteht und welche Lehren daraus gezogen werden können.

Die Rätebewegung: Entstehung und Entwicklung

Krisenzeiten sind oft Zeiten der Selbstorganisation. Historiker Christoph Wimmer untersucht in seinem Buch die Rätebewegung, die von der Pariser Kommune bis in die kurdischen Gebiete reicht. Er zeigt auf, wie in Zeiten des Staatsversagens Basisdemokratie und Selbstverwaltung entstehen.

Ursprung der Rätebewegung

Die Rätebewegung hat ihre Wurzeln in Krisensituationen, in denen der Staat versagt. Wimmer beginnt seine Analyse im Kurdistan der Gegenwart, wo er ein deutliches Demokratiedefizit feststellt. Dies ist keineswegs ein Einzelfall; auch in der Ukraine sind aufgrund des Krieges Wahlen verschoben worden. Diese Umstände werfen die Frage auf, ob Räte unter solchen Bedingungen überhaupt funktionieren können.

Die Pariser Kommune als Vorbild

Ein zentrales Beispiel für die Rätebewegung ist die Pariser Kommune von 1871. Angesichts äußerer Bedrohungen und innerer Verrats übernahmen die Einwohner von Paris die Verteidigung ihrer Stadt selbst. Diese Bewegung war jedoch mehr als nur ein militärisches Bündnis; sie revolutionierte auch die Wirtschaft, indem sie Betriebe kollektivierte und basisdemokratische Strukturen einführte. Diese Prinzipien beeinflussten später die russischen Revolutionäre von 1917.

Selbstverwaltung in der Geschichte

Wimmer beschreibt, dass die Pariser Kommune nicht das einzige Beispiel für Selbstverwaltung in Krisenzeiten ist. So führte die Selbstverwaltungsbewegung auch zum Sturz der Hohenzollern-Monarchie in Deutschland. Während des Winters 1918/19 gab es in vielen deutschen Städten und Betrieben Räte, die die Selbstverwaltung praktizierten.

Die Rolle der Selbstverwaltung

In seinem Buch „Alles muss man selber machen“ skizziert Wimmer, wie Räte nicht nur politische, sondern auch ökonomische Dimensionen erlangten. Insbesondere in Jugoslawien wird deutlich, wie aus dem Ideal der Selbstverwaltung schnell Selbstsucht entstehen kann. Der „Manager-Sozialismus“ zeigte, dass Kollektivbetriebe oft als gewöhnliche Unternehmen auf dem Weltmarkt agierten, was die ursprünglichen Ideen der Selbstverwaltung untergrub.

Philosophische Überlegungen

Wimmers Analyse geht über die historischen Aspekte hinaus und berührt auch philosophische Fragestellungen. Er verweist auf Hannah Arendt, die trotz ihrer kritischen Haltung gegenüber dem Marxismus die sozialistischen Räte in Ungarn 1956 als Freiheitserlebnis ansah. Nach Arendt liegt die Freiheit im gemeinsamen Handeln, und Räte könnten die ideale Organisationsform für diese Vorstellung sein.

Globale Perspektiven der Rätebewegung

Wimmers Reise durch die Geschichte der Rätebewegung führt ihn von Europa nach Mexiko und Tansania, bevor er zurück nach Syrien kommt. In Damaskus wurde 2012 eine Kommune gegründet, nachdem die Bevölkerung Assads Truppen vertrieben hatte. Diese Kommune hatte zwar kein festes politisches Programm, war jedoch in der Lage, wichtige Dienstleistungen wie die Gesundheitsversorgung aufrechtzuerhalten. Wimmer hebt hervor, dass Veränderungen oft nicht den Theorien folgen, sondern sich aus der Praxis heraus entwickeln.

Die Rätebewegung bietet wertvolle Einblicke in die Möglichkeiten und Herausforderungen der Selbstverwaltung in Krisensituationen. Sie zeigt, dass in Zeiten, in denen staatliche Strukturen versagen, alternative Formen der Organisation und Selbstverwaltung entstehen können. Diese historischen Beispiele sind nicht nur für die Gegenwart von Bedeutung, sondern auch für zukünftige gesellschaftliche Entwicklungen.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/berlin-deutschland-museum-sicherheit-20246396/ · Foto: Miguel Cuenca
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/sachbuch/von-paris-bis-kurdistan-christoph-wimer-erzaehlt-die-geschichte-der-raete-110844069.html