Ein Neuanfang nach dem Debakel
Das Entwicklerstudio Wolcen Studio hat auf der Gamescom in Köln offiziell die Arbeit an „Wolcen 2“ angekündigt. Diese Ankündigung kommt nicht ohne eine gehörige Portion Selbstreflexion daher, denn die Entwickler räumten offen die massiven Fehler ein, die den ersten Teil der Reihe belastet hatten. Die Liste der Mängel ist lang und reicht von technischen Problemen über gebrochene Versprechen bis hin zu einer unvollständigen Geschichte. Zudem gab es monatelanges Schweigen seitens der Entwickler, was schließlich in der Abschaltung der Server gipfelte. Mit dem Nachfolger möchte das Studio nun einen kompletten Neuanfang wagen und das Vertrauen der Spieler zurückgewinnen. Dass dies ein schwieriges Unterfangen wird, ist dem Team bewusst, doch die Ambitionen sind hoch. Auf der Messe konnten erste Eindrücke gesammelt werden, die jedoch ein zwiespältiges Bild zeichnen. Während die technische Basis durch den Wechsel der Engine modernisiert wurde, bleibt die spielerische Substanz derzeit noch hinter den hohen Erwartungen zurück, die an einen modernen Vertreter des Genres gestellt werden. Die Herausforderung für Wolcen Studio besteht nun darin, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen und ein Produkt zu liefern, das sich gegen die etablierte Konkurrenz behaupten kann.
Die Geschichte des gescheiterten Erstlings
Die Historie von „Wolcen“ ist eng mit der Crowdfunding-Kultur der vergangenen Jahre verknüpft. Ursprünglich startete das Projekt im Jahr 2015 unter dem Namen „Umbra“ als Kickstarter-Kampagne. Damals gelang es den Entwicklern, über 400.000 US-Dollar von mehr als 11.000 Unterstützern einzusammeln, was die hohen Erwartungen der Community unterstrich. Ein Jahr später, 2016, ging das Spiel in den Early Access. Der offizielle Release der Version 1.0 erfolgte schließlich im Februar 2020. Besonders die visuelle Gestaltung des Titels sorgte im Vorfeld für einen enormen Hype, da das Spiel grafisch beeindruckend wirkte. Die Realität nach der Veröffentlichung sah jedoch anders aus: Die Server brachen unter dem Ansturm der Spieler zusammen, und eine Vielzahl von Bugs beeinträchtigte das Spielerlebnis in den ersten Wochen massiv. Dieser Fehlstart prägte das Image des Studios nachhaltig. Die nun angekündigte Fortsetzung soll als Wiedergutmachung dienen und beweisen, dass das Team aus den schmerzhaften Lektionen der Vergangenheit gelernt hat, um den Spielern diesmal ein stabiles und ausgereiftes Erlebnis zu bieten.
Das Spielkonzept und die mechanischen Grundlagen
In Bezug auf das grundlegende Spieldesign bleibt „Wolcen 2“ seinem Vorgänger treu, indem es auf ein starres Klassensystem verzichtet. Stattdessen wird die Charakterentwicklung durch die gewählte Ausrüstung und die Waffen bestimmt. Jede Waffe schaltet spezifische Fähigkeiten frei, die durch Passivbäume und individuelle Spezialisierungen weiter angepasst werden können. Game Director Cristian Tudor betont dabei die Bedeutung von Synergien innerhalb des Systems. Das Ziel ist es, dass Waffen, Fähigkeiten und die passiven Fertigkeiten nahtlos ineinandergreifen, anstatt isoliert voneinander zu funktionieren. Durch diese Kombinationen soll sich im Laufe des Spiels ein individueller Archetyp herauskristallisieren, der von einem klassischen Nahkampf-Magier bis hin zu einem spezialisierten Revolverhelden reicht. Diese Flexibilität soll den Spielern ermöglichen, ihren eigenen Spielstil zu finden und zu verfeinern. Ob dieses komplexe System in der Praxis tatsächlich die gewünschte Tiefe bietet, bleibt abzuwarten, da es im direkten Vergleich mit Genre-Größen wie „Path of Exile 2“ noch an der nötigen spielerischen Wucht fehlt, um die Spieler langfristig an den Bildschirm zu fesseln.
Der technische Wechsel zur Unreal Engine 5
Ein wesentlicher technischer Schritt für die Fortsetzung ist der Wechsel von der hauseigenen CryEngine zur Unreal Engine 5. Game Director Cristian Tudor begründet diesen Schritt vor allem mit praktischen Erwägungen. Die neue Engine biete dem Team deutlich mehr Flexibilität sowie verbesserte Werkzeuge für das Design und das Prototyping, was eine schnellere Iteration der Spielinhalte ermöglicht. Ein weiterer strategischer Vorteil ergibt sich aus der Tatsache, dass das Studio derzeit parallel an einem weiteren Projekt arbeitet, dem Extraction-Action-Rollenspiel „Gods, Death & Reapers“. Durch die Nutzung derselben Engine können beide Teams von einem gemeinsamen Wissenspool profitieren, Technik austauschen und im Bedarfsfall Personal flexibler einsetzen. Das Ergebnis in der Unreal Engine 5 wirkt solide, erreicht jedoch nicht mehr den Status als grafisch aufwendigstes Spiel am Markt, den der Vorgänger 2020 für sich beanspruchen konnte. Die optische Gestaltung von Gegnern und Rüstungen wirkt derzeit noch recht generisch, mit einer Fülle an Stacheln, Hörnern und Totenköpfen, die eher an ein klassisches Metal-Albumcover erinnern als an eine eigenständige, innovative Ästhetik.
Eindrücke aus der Messe-Demo
Beim Anspielen auf der Gamescom zeigte sich, dass das kämpferische Kerngeschäft von „Wolcen 2“ noch deutliche Schwächen aufweist. Die Auseinandersetzungen wirkten in der Demo-Version schwammig, und die Gegner zeigten sich übermäßig widerstandsfähig, was den Spielfluss bremste. Oftmals reduzierten sich die Kämpfe darauf, einfach an einer Stelle zu verharren, die Angriffstaste zu drücken und gelegentlich auszuweichen, um gegnerischen Attacken zu entgehen. Es fehlte das befriedigende Feedback, das man von Genre-Referenzen wie „Diablo 4“ kennt. Auch die Bossgegner konnten in der kurzen Demo nicht überzeugen, da sie lediglich über ein begrenztes und eher langweiliges Repertoire an Angriffsmustern verfügten. Zwar ist bekannt, dass ein kurzes Anspielen auf einer Messe oft nur einen begrenzten Einblick gewährt, doch der Gesamteindruck lässt vermuten, dass dem Spiel noch das gewisse Etwas fehlt, um sich aus der Masse der Action-Rollenspiele hervorzuheben. Die Entwickler haben noch Zeit, an diesen Aspekten zu feilen, doch der aktuelle Zustand lässt noch keinen Schluss auf ein wirklich packendes Spielerlebnis zu.
Die Marktsituation und der harte Wettbewerb
Die Ausgangslage für das Comeback von Wolcen Studio ist äußerst schwierig. Der Markt für Action-Rollenspiele wird derzeit von Schwergewichten wie „Diablo 4“ und den beiden Teilen von „Path of Exile“ dominiert. Insbesondere „Path of Exile 2“ steht kurz vor der Veröffentlichung seiner Version 1.0 und bindet einen großen Teil der Zielgruppe an sich. Hinter diesen Titeln stehen große Entwicklerteams mit enormen Budgets und jahrelanger Erfahrung in der Pflege und Erweiterung ihrer Spiele. Wer sich in diesem umkämpften Umfeld behaupten möchte, muss durch Innovationen oder eine außergewöhnliche Qualität auffallen. „Wolcen 2“ ist es bisher nicht gelungen, dieses Alleinstellungsmerkmal zu präsentieren. Die Konkurrenz schläft nicht, und die Erwartungshaltung der Spieler ist nach den Erfahrungen mit dem ersten Teil entsprechend niedrig. Das Studio muss beweisen, dass es nicht nur technisch aufrüsten kann, sondern auch in der Lage ist, ein Spielgefühl zu erzeugen, das mit den etablierten Größen mithalten kann, um überhaupt eine Chance auf dem Markt zu haben.
Offene Fragen zur Entwicklung
Trotz der Ankündigung und der Präsentation auf der Gamescom bleiben zahlreiche Fragen zur weiteren Entwicklung von „Wolcen 2“ unbeantwortet. Der Quelltext gibt beispielsweise keine Auskunft darüber, wie das Studio die Finanzierung des Projekts sicherstellt, insbesondere nach dem schwierigen Verlauf des ersten Teils. Auch Details zur inhaltlichen Ausrichtung der Geschichte oder zum Umfang der Spielwelt sind bisher nicht bekannt. Es bleibt zudem unklar, wie das Studio konkret auf die Kritik der Community reagieren will, um das verlorene Vertrauen langfristig zurückzugewinnen. Welche spezifischen Maßnahmen zur Qualitätssicherung ergriffen werden, um die technischen Probleme des Vorgängers zu vermeiden, wird im Quelltext nicht weiter ausgeführt. Ebenso wenig ist bekannt, wie sich die parallele Entwicklung von „Gods, Death & Reapers“ auf die Ressourcenverteilung und die Prioritäten innerhalb des Studios auswirkt. Die Lücke zwischen den ambitionierten Versprechen der Entwickler und dem derzeitigen spielerischen Zustand der Demo lässt viele Fragen offen, die erst in den kommenden Monaten und Jahren beantwortet werden können.
Ausblick auf den Zeitplan
Der Weg bis zur Veröffentlichung von „Wolcen 2“ ist noch lang. Wolcen Studio hat den Start des Early Access für das Jahr 2027 angekündigt. Dieser Zeitraum bietet den Entwicklern die notwendige Zeit, um aus den selbstkritischen Versprechen ein tatsächlich überzeugendes und ausgereiftes Spiel zu formen. Bis zu diesem Termin müssen die Entwickler beweisen, dass sie die Kritikpunkte der Spieler ernst nehmen und die spielerischen Defizite, die auf der Gamescom sichtbar wurden, beheben können. Es steht eine Phase der intensiven Arbeit bevor, in der das Studio zeigen muss, ob es den Sprung vom gescheiterten Erstling zum erfolgreichen Nachfolger schaffen kann. Die Branche wird genau beobachten, ob die Unreal Engine 5 und die neuen internen Strukturen ausreichen, um ein Spiel zu liefern, das sowohl technisch stabil als auch spielerisch motivierend ist. Bis 2027 bleibt jedoch zunächst nur die Hoffnung, dass die Entwickler die Zeit effektiv nutzen, um das Fundament für ein Comeback zu legen, das den Namen „Wolcen“ rehabilitieren kann.