News aus aller Welt
Start
Freie Tankstellen fordern Ende der 12-Uhr-Regel
Technik · 14.08.2026 19:12

Freie Tankstellen fordern Ende der 12-Uhr-Regel

Kurz: Der Branchenverband bft fordert das Ende der 12-Uhr-Regel für Tankstellen. Umfragen belegen massive Probleme bei der technischen Umsetzung und Kritik am Nutzen.

Die Forderung nach dem Aus für die 12-Uhr-Regel

Die Kritik an der im April eingeführten 12-Uhr-Regel für Tankstellen in Deutschland nimmt massiv zu. Der Branchenverband bft, der die Interessen freier Tankstellen vertritt, hat sich nun offiziell für eine vollständige Abschaffung dieser Regelung ausgesprochen. Die Maßnahme, die ursprünglich dazu dienen sollte, die durch geopolitische Spannungen wie den Iran-Krieg gestiegenen Kraftstoffpreise für Benzin und Diesel zu deckeln und transparenter zu gestalten, steht zunehmend in der öffentlichen und wirtschaftlichen Kritik. Eine aktuelle Umfrage unter den Mitgliedsunternehmen des Verbandes zeigt ein deutliches Bild: Eine große Mehrheit der befragten Betreiber sieht in der starren Vorgabe, Preise nur noch einmal täglich um genau 12.00 Uhr erhöhen zu dürfen, ein ineffektives Instrument. Die Forderungen reichen von einer kompletten Streichung der Regelung bis hin zu einer grundlegenden Überarbeitung, um die täglichen betrieblichen Abläufe nicht weiter durch bürokratische und technische Hürden zu belasten. Die Branche sieht sich durch die aktuelle Regelung in ihrer unternehmerischen Freiheit eingeschränkt, ohne dass der gewünschte wettbewerbsfördernde Effekt für die Verbraucher an den Zapfsäulen tatsächlich eingetreten wäre.

Detaillierte Einblicke in die Umfrageergebnisse

Die Erhebung des bft liefert fundierte Daten zur aktuellen Stimmungslage unter den Tankstellenbetreibern. Insgesamt beteiligten sich 132 Unternehmen an der Umfrage, die gemeinsam mehr als 850 Tankstellen betreiben. Dies entspricht etwa einem Viertel der gesamten Verbandsmitglieder. Die Ergebnisse sind eindeutig: Gut zwei Drittel der Teilnehmer plädieren für eine sofortige und vollständige Abschaffung der 12-Uhr-Regel. Ein weiteres knappes Siebtel der Befragten fordert zumindest eine tiefgreifende Modifikation der bestehenden Vorgaben. Die praktischen Probleme bei der Umsetzung sind gravierend. Nur 45,5 Prozent der teilnehmenden Unternehmen sind in der Lage, die Preisanpassungen an allen ihren Stationen vollständig automatisiert und punktgenau um 12 Uhr durchzuführen. Fast zwei Drittel der Betreiber berichten zudem von zeitlichen Diskrepanzen zwischen den verschiedenen beteiligten Systemen, was zu ungewollten Abweichungen führt. Diese technischen Schwierigkeiten haben bereits dazu geführt, dass etwa jedes achte Unternehmen von den zuständigen Behörden kontaktiert wurde. Insgesamt wurden mindestens 423 einzelne Vorgänge beanstandet, was den hohen bürokratischen Druck auf die mittelständischen Betreiber unterstreicht.

Der historische Kontext und die Intention der Regelung

Die Einführung der 12-Uhr-Regel erfolgte im April durch die Bundesregierung als direkte Reaktion auf die stark schwankenden und angestiegenen Kraftstoffpreise, die infolge des Iran-Krieges die Verbraucher belasteten. Ziel war es, durch eine zeitliche Begrenzung der Preiserhöhungen auf einen einzigen Termin am Tag mehr Preisstabilität und Vergleichbarkeit für die Kunden zu schaffen. Die Regelung sieht vor, dass Tankstellen ihre Preise nur noch einmal täglich um 12.00 Uhr nach oben korrigieren dürfen. Verstöße gegen diese Vorgabe können mit empfindlichen Bußgeldern von bis zu 100.000 Euro geahndet werden. Doch schon kurz nach der Implementierung zeigten sich die ersten Risse in diesem Konzept. Kritiker bemängelten von Beginn an, dass eine solche künstliche Marktsteuerung nicht die gewünschten Ergebnisse liefern würde. Statt den Wettbewerb zu beleben, habe die Regelung lediglich zu einer Verschiebung der Tankgewohnheiten geführt, bei der Kunden ihr Verhalten gezielt auf die Zeit vor oder nach der Preisanpassung ausrichten, was wiederum künstliche Spitzen und Leerzeiten an den Tankstellen provoziert.

Die Akteure im Fokus der Debatte

Die Debatte um die 12-Uhr-Regel wird von verschiedenen Seiten befeuert. Auf der einen Seite stehen die Tankstellenbetreiber, repräsentiert durch den bft-Vorstandsvorsitzenden Carsten Müller und den Hauptgeschäftsführer Daniel Kaddik, die vor allem die Unverhältnismäßigkeit der Sanktionen bei minimalen technischen Abweichungen anprangern. Müller betont, dass der Gesetzgeber durch die Regelung künstliche Engpässe schaffe, anstatt den Markt zu entlasten. Auf der anderen Seite äußern sich auch externe Beobachter kritisch. Der ADAC etwa warnt, dass die Regelung eher preistreibend wirke, da Mineralölkonzerne dazu neigten, Risikoaufschläge in ihre Preise einzukalkulieren, um die eingeschränkte Flexibilität auszugleichen. Auch diverse Ökonomen teilen diese Einschätzung und bezweifeln die Wirksamkeit des Instruments. Selbst aus der Politik kommt Gegenwind: CSU-Chef Markus Söder äußerte bereits Anfang August im ARD-Sommerinterview Zweifel an der Funktionalität der Regelung und forderte eine dringende Überprüfung, da sie seiner Ansicht nach keine nennenswerte Wirkung auf das Preisniveau habe.

Einordnung der aktuellen Situation

Einzuordnen ist die aktuelle Situation als ein Konflikt zwischen ordnungspolitischer Marktsteuerung und der praktischen Realität des Tankstellenbetriebs. Den Berichten zufolge hat die Regelung zu einer erheblichen Belastung der Betreiber geführt, ohne die erhoffte Entlastung für Verbraucher zu bringen. Die hohe Zahl an potenziellen Verstößen – allein in Schleswig-Holstein wurden über 21.000 Fälle geprüft, in Berlin gab es im April und Mai 6.600 Abweichungen – deutet darauf hin, dass die technische Umsetzung für viele Betreiber kaum fehlerfrei zu leisten ist. Die Kritik des bft an der Verhältnismäßigkeit von Bußgeldern bei Abweichungen von nur wenigen Minuten ist aus betriebswirtschaftlicher Sicht nachvollziehbar. Die Tatsache, dass das Bundeskartellamt von steigenden Abweichungszahlen berichtet, unterstreicht, dass das System an seine Grenzen stößt. Es stellt sich die Frage, ob die regulatorischen Kosten, die durch die Überwachung und Sanktionierung entstehen, in einem angemessenen Verhältnis zum angestrebten Ziel der Preisstabilität stehen. Die Debatte zeigt, dass staatliche Eingriffe in komplexe Preismechanismen oft unvorhergesehene negative Auswirkungen auf die Marktteilnehmer haben können.

Offene Fragen und die Zukunft der Regelung

Trotz der klaren Positionierung der Verbände und der vorliegenden Zahlen bleiben zentrale Fragen unbeantwortet. Es gibt beispielsweise keine zentralen Statistiken darüber, wie viele Bußgeldverfahren tatsächlich erfolgreich abgeschlossen wurden und wie hoch die verhängten Summen insgesamt sind. Die Zuständigkeit liegt bei den einzelnen Bundesländern, was zu einer uneinheitlichen Datenlage führt. Zudem bleibt unklar, wie der Gesetzgeber auf die massiven Forderungen nach einer Abschaffung reagieren wird und ob eine Evaluierung der Maßnahme durch die Bundesregierung bereits in Planung ist. Die Zukunft der 12-Uhr-Regel bleibt somit ungewiss. Während die Branche auf eine baldige Aufhebung drängt, steht eine offizielle Entscheidung über eine Änderung oder gar ein Ende der Regelung derzeit noch aus. Die betroffenen Unternehmen müssen sich vorerst weiterhin an die geltenden Vorschriften halten, während die politische Diskussion über den Sinn und Zweck der täglichen Preisanpassung weiter an Fahrt gewinnt. Es bleibt abzuwarten, ob die Politik dem wachsenden Druck der Branche nachgeben wird oder an dem Instrument festhält.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/hande-smartphone-laptop-arbeiten-20044367/ · Foto: Airam Dato-on
Quelle: https://www.heise.de/news/Freie-Tankstellen-fordern-Ende-der-12-Uhr-Regel-11415003.html?wt_mc=rss.red.ho.ho.atom.beitrag.beitrag