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Erzählungen von Ádám Bodor: Mystische Reiseberichte aus den Landschaften der Seele
Schlagzeilen · 24.07.2026 11:46

Erzählungen von Ádám Bodor: Mystische Reiseberichte aus den Landschaften der Seele

Kurz: Der Erzählungsband „Waldohreule“ von Ádám Bodor versammelt 54 mystische, zynische und tiefgründige Geschichten, die in der karpatischen Provinz angesiedelt sind

Ein literarischer Blick in die Abgründe

Der ungarische Schriftsteller Ádám Bodor, der in diesem Jahr seinen neunzigsten Geburtstag feierte, gilt als einer der scharfsinnigsten Beobachter der menschlichen Psyche. Mit seinem neuen Erzählungsband „Waldohreule“, der nun in einer Übersetzung von Timea Tankó im Züricher Secession Verlag erschienen ist, legt er eine Sammlung von 54 Kurzgeschichten vor. Diese Texte fungieren als mystische Reiseberichte aus den entlegenen Gebieten der Karpaten und als düstere Zeugnisse eines autoritären Jahrhunderts.

Die Erzählungen bewegen sich in einer literarischen Tradition, die von Franz Kafka bis zu László Krasznahorkai reicht. Bodor versteht es dabei meisterhaft, die existenziellen Nöte seiner Figuren in eine Atmosphäre aus rätselhaften Landschaften und undurchschaubaren gesellschaftlichen Strukturen einzubetten.

Zwischen Absurdität und autoritärer Kontrolle

Ein zentrales Motiv in Bodors Werk ist die Konfrontation des Einzelnen mit einem System, dessen Logik sich dem Verständnis entzieht. In einer der Geschichten tritt beispielsweise ein Mann namens Benedek auf, der sich öffentlich als „Fuchs“ bezeichnet und damit eine absurde Kettenreaktion auslöst, die schließlich in seiner Abholung durch einen Krankenwagen endet. Solche Szenen erinnern an das Instrumentarium Kafkas: Die Gefahr ist zwar spürbar, doch die Akteure, die sie ausüben, bleiben oft gesichtslos oder in bürokratische Unklarheiten gehüllt.

Bodor verzichtet dabei auf moralische Zeigefinger. Wie er selbst durch seine lakonische Erzählweise andeutet, ist die Wahrheit oft hinter einer verständlichen Lüge verborgen. Die Figuren in seinen Texten – seien es Restaurantbesitzer, die ohne Begründung schließen müssen, oder Bewohner der Provinz – navigieren durch eine Welt, in der das Unheil jederzeit aus dem Nichts auftauchen kann.

Historische Echos und die Last der Vergangenheit

Die Geschichten sind tief in der mitteleuropäischen Geschichte verwurzelt. Bodor, der in Cluj geboren wurde und als Jugendlicher selbst politische Repressionen erlebte, verarbeitet in seinen Texten die traumatischen Erfahrungen der kommunistischen Ära. Eine längere Erzählung, die im Frühjahr 1952 spielt, thematisiert die Verhaftung eines Vaters durch einen Nachbarn. Der Sohn reagiert darauf mit einer beklemmenden, fast surrealen Gleichgültigkeit, die den Leser unmittelbar mit der Bitterkeit und Ironie des Überlebens in einem totalitären System konfrontiert.

Die Einflüsse seiner Biografie sind unübersehbar: Von der Zeit, als Städte umbenannt wurden und die Securitate ihr Unwesen trieb, bis hin zu seiner Emigration nach Budapest im Jahr 1982, spiegelt sich die europäische Geschichte in den Waldhütten, Müllhalden und Tavernen seiner Erzählungen wider. Es sind Fragmente einer Epoche, die zwar vergangen ist, deren menschliche Muster jedoch universell bleiben.

Eine Einladung zur Spurensuche

Der Erzählungsband verzichtet bewusst auf explizite Einordnungen. Der Leser findet sich in einer Welt wieder, in der nur geografische Bezeichnungen oder flüchtige Hinweise auf Zeit und Raum als Anker dienen. Diese Offenheit ist jedoch kein Mangel, sondern eine bewusste Stärke der Texte. Bodor zwingt den Leser dazu, sich auf die Stimmung und die psychologische Tiefe einzulassen, anstatt einfache Antworten zu suchen.

Wer sich auf die „Waldohreule“ einlässt, begegnet einer Literatur, die das Bekannte im Fremden sucht. Ob in den verregneten Tälern oder den verfallenden Kleinstädten – Bodor gelingt es, die großen Gefühle und die beklemmenden Wahrheiten der menschlichen Existenz in eine präzise, dunkle Sprache zu übersetzen. Es bleibt die Erkenntnis, dass die Grenzen zwischen Wahnsinn, Geschichte und Alltag oft fließender sind, als man wahrhaben möchte.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/mann-strand-kuste-hut-7539487/ · Foto: Anastasia Shuraeva
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/literatur/adam-bodors-ungarische-kurzgeschichten-201046502.html