Ein Vorbild für die regionale Energiewende
Die Stadt Heringen (Werra) im osthessischen Landkreis Hersfeld-Rotenburg hat sich zu einem bemerkenswerten Akteur der Energiewende entwickelt. Mit einer Stromproduktion, die im Jahr 2025 mehr als das Doppeltes des eigenen Bedarfs deckte, nimmt die Kommune eine Vorreiterrolle ein. Laut einer Energiemengenbilanz des Netzbetreibers EAM Netz lag die Eigenversorgungsquote der Stadt bei 252,7 Prozent. Dieser Erfolg basiert auf einem massiven Ausbau der erneuerbaren Energien innerhalb der letzten zwei Jahre.
Dynamischer Ausbau von Wind und Sonne
Der Anstieg der erzeugten Energiemengen ist signifikant. Während im Jahr 2023 noch 7,3 Millionen Kilowattstunden (kWh) aus Windkraft stammten, stieg dieser Wert bis 2025 auf 26,3 Millionen kWh an. Aktuell sind 17 Windkraftanlagen im Stadtgebiet in Betrieb, weitere neun sind bereits genehmigt oder befinden sich in der Bauphase. Parallel dazu wurde die Solarenergie massiv ausgebaut: Mit 227 neu errichteten Anlagen verfügt Heringen heute über insgesamt 669 Solareinheiten, die sich auf private, gewerbliche und städtische Flächen verteilen.
Insgesamt konnte die Stadt ihre Stromerzeugung von 15,8 Millionen kWh auf 35,6 Millionen kWh steigern. Da der Eigenverbrauch der rund 5.500 Einwohner lediglich 14,1 Millionen kWh beträgt, wird der Überschuss in das öffentliche Netz eingespeist. Dies führt zu einer jährlichen CO₂-Einsparung von etwa 12.220 Tonnen.
Wirtschaftliche Vorteile für den Haushalt
Für die Stadtverwaltung ist die Energiewende nicht nur ein ökologisches Projekt, sondern auch ein wirtschaftlicher Faktor. Heringen profitiert auf mehreren Ebenen:
* **EEG-Beteiligung:** Gemäß dem Erneuerbare-Energien-Gesetz erhalten Kommunen 0,2 Cent pro erzeugter Kilowattstunde von den Anlagenbetreibern.
* **Pachteinnahmen:** Die Stadt verpachtet Flächen für die Errichtung der Anlagen.
* **Gewerbesteuer:** Die Betreibergesellschaften tragen durch ihre Präsenz vor Ort zum Steueraufkommen bei.
Im vergangenen Jahr flossen auf diese Weise rund 250.000 Euro in die Stadtkasse. Bürgermeister Daniel Iliev (SPD) betont, dass diese Mittel dabei helfen, den Haushalt zu stabilisieren und Gebührenerhöhungen zu vermeiden. Zukünftig sollen die Einnahmen verstärkt in konkrete Investitionsprojekte fließen, sobald sich die finanzielle Gesamtsituation der Kommune weiter entspannt.
Kontext: Hessen auf dem Weg zur Klimaneutralität
Das Ziel des Landes Hessen ist es, den Bedarf an Strom und Wärme bis zum Jahr 2045 vollständig aus erneuerbaren Quellen zu decken. Im Jahr 2024 machten erneuerbare Energien knapp 13 Prozent des gesamten Primärenergieverbrauchs aus, wobei die Windkraft mit 2,4 Prozent einen Teil dazu beitrug. Heringen ist dabei kein Einzelfall. Auch andere Kommunen, wie beispielsweise die Gemeinde Diemelsee, setzen verstärkt auf Windkraft.
Einige Gemeinden erzielen sogar noch höhere Erträge als Heringen. So berichtet die Gemeinde Heidenrod von jährlichen Einnahmen in Höhe von rund 1,3 Millionen Euro. Dies liegt unter anderem daran, dass die Gemeinde selbst Anteile an ihrem Windpark hält und somit direkt an den Gewinnen partizipiert.
Politische Weichenstellungen
Bisher ist die finanzielle Beteiligung der Kommunen durch das EEG lediglich eine Ermessensentscheidung der Anlagenbetreiber. Um die Teilhabe der Städte und Gemeinden verbindlicher zu gestalten, hat Wirtschaftsminister Kaweh Mansoori (SPD) im Juni einen Entwurf für ein neues Hessisches Gemeinde-Energie-Beteiligungsgesetz vorgelegt. Ein solches Gesetz könnte die Planungssicherheit für Kommunen erhöhen und den Anreiz für den weiteren Ausbau erneuerbarer Energien landesweit verstärken.