Ein Klimaphänomen mit globaler Tragweite
Im Pazifik zeichnet sich derzeit ein außergewöhnlich starkes El-Niño-Ereignis ab. Meteorologen beobachten einen raschen Anstieg der Wassertemperaturen im Ostpazifik, der weit über dem üblichen saisonalen Verlauf liegt. Andreas Fink, Leiter der Arbeitsgruppe Tropische Meteorologie am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), stuft die aktuelle Entwicklung als besorgniserregend ein. Prognosen deuten darauf hin, dass dieser El Niño zu den stärksten Ereignissen des letzten Jahrhunderts gehören könnte. Einige Modelle berechnen Abweichungen von der Normaltemperatur, die die bisherigen Rekordwerte aus den Jahren 2015 und 2016 sogar übertreffen könnten.
Verschiebung der Niederschlagsmuster
El Niño ist ein unregelmäßiges Klimaphänomen, das sich über das Jahr hinweg aufbaut und seinen Höhepunkt typischerweise in den Wintermonaten erreicht. Durch die veränderten Bedingungen im Pazifik geraten weltweite Wettersysteme aus dem Takt. Während Regionen an der südamerikanischen Pazifikküste, wie Peru oder Ecuador, mit heftigen Regenfällen und Überschwemmungen rechnen müssen, droht in anderen Teilen der Welt das Gegenteil: extreme Trockenheit.
Kirsten Thonicke vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) betont die drastischen Folgen: „In der Wüste regnet es, im Amazonas ist es trocken.“ Neben dem Amazonasbecken sind auch Länder wie Australien, Indonesien und die Philippinen von einer erhöhten Dürregefahr betroffen.
Trockenheit als Brandbeschleuniger
Die durch El Niño verursachte Trockenheit wirkt in betroffenen Gebieten wie ein Katalysator für Waldbrände. Wenn Böden austrocknen und Pflanzen absterben, entsteht eine hochgradig entzündliche Umgebung. In der Amazonasregion haben vergangene El-Niño-Jahre gezeigt, dass bereits ein kleiner Funke – sei es durch menschliche Unachtsamkeit oder gezielte Brandrodung – in Kombination mit starken Winden verheerende Feuer auslösen kann.
Auch in Südostasien, etwa auf Borneo, sind die Auswirkungen bekannt. Dort führen großflächige Waldbrände regelmäßig zu einer massiven Verschlechterung der Luftqualität, die weit über die unmittelbaren Brandgebiete hinausreicht und sogar Metropolen wie Singapur oder Jakarta belastet. Auch für Teile Afrikas, insbesondere die Sahelzone, wird eine Verschärfung der Feuersaison befürchtet.
Die Rolle der menschengemachten Erderwärmung
Die aktuelle Sorge der Wissenschaftler speist sich aus der Tatsache, dass sich das El-Niño-Phänomen in einer Atmosphäre entfaltet, die durch den Klimawandel bereits grundlegend erwärmt ist. Während der Zusammenhang zwischen El Niño und Bränden in Indonesien oder Australien wissenschaftlich gut belegt ist, gestaltet sich die Einordnung für europäische Regionen wie Frankreich oder Spanien komplexer.
Dennoch könnten Fernwirkungen des Klimaphänomens auch Europa erreichen. Laut PIK-Expertin Thonicke verändern sich durch die Zirkulationssysteme im Pazifik auch die Verbindungen zwischen Ozean und Atmosphäre. Diese Prozesse können Wärme aus den Tropen in nördlichere Breiten transportieren. In Kombination mit der allgemeinen Klimaerwärmung könnte dies das Feuerrisiko auch in europäischen Ländern langfristig erhöhen.
Ein gefährlicher Kreislauf
Ein paradoxer Effekt ist die zeitversetzte Verstärkung der Brandgefahr: In Regionen, die durch El Niño zunächst mehr Niederschlag erhalten, wächst die Vegetation üppig. Folgt darauf eine Trockenzeit, bietet diese Biomasse massiven Zündstoff für künftige Feuer. Dies kann dazu führen, dass die Auswirkungen des Phänomens noch ein bis zwei Jahre verzögert zu extremen Wald- oder Savannenbränden führen.
Dieser Prozess verstärkt sich selbst: Waldbrände setzen große Mengen CO2 frei, was die globale Erwärmung weiter vorantreibt und somit das Risiko für zukünftige extreme Wetterereignisse und Feuer permanent erhöht. Die nächsten Schritte für die betroffenen Regionen bestehen vor allem in der Vorbereitung auf diese veränderten Bedingungen, da die bloße Brandbekämpfung angesichts der zunehmenden Intensität der Feuer zunehmend an ihre Grenzen stößt.