Ein neues Fundament für den digitalen Staat
Die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung in Deutschland steht vor einer zentralen Herausforderung: Wie lässt sich eine einheitliche, effiziente und zukunftssichere IT-Infrastruktur über föderale Grenzen hinweg etablieren? Das Kompetenznetzwerk Digitale Verwaltung (NEGZ) hat nun vier wissenschaftliche Kurzstudien initiiert, die den sogenannten „Deutschland-Stack“ in den Fokus rücken. Dabei handelt es sich um das geplante Fundament für digitale Verwaltungsleistungen, das weit über reine Softwarelösungen hinausgeht. Es umfasst ein komplexes Geflecht aus Basisdiensten, technischen Standards, Schnittstellen sowie verbindlichen Regeln für den Betrieb.
Basanta E. P. Thapa, Geschäftsführer des NEGZ, betont die strategische Bedeutung dieses Vorhabens. Der Deutschland-Stack sei mehr als nur eine technische Architektur. Sein Erfolg hänge maßgeblich davon ab, ob sich Organisationen wandeln, bestehende Lösungen sinnvoll integriert werden und klare Rahmenbedingungen für die Zusammenarbeit existieren.
Kultureller Wandel durch das „Decision Lab“
Eine der größten Hürden bei der Verwaltungsdigitalisierung ist nicht technischer Natur, sondern liegt in veralteten Arbeitsweisen und festgefahrenen Rollenbildern. Die Universität Münster untersucht daher unter der Leitung von Susanne Kaletta, wie Verwaltungen ihre internen Routinen hinterfragen können. Das Projekt „Unlearning im Deutschland-Stack“ setzt auf ein digitales „Decision Lab“. Hierbei sollen Verwaltungsmitarbeitende in simulierten Szenarien typische Entscheidungsprozesse durchlaufen. Ziel ist es, die Konsequenzen des eigenen Handelns unmittelbar zu erfahren, getroffene Annahmen kritisch zu reflektieren und neue, agilere Vorgehensweisen zu erproben. Als praktische Fallbeispiele dienen die Städte Köln und Hannover.
Praxisbeispiel: Planen und Bauen
Wie sich die Theorie des Deutschland-Stacks auf komplexe Genehmigungsverfahren übertragen lässt, analysiert ein Konsortium aus dem Stein-Hardenberg-Institut, der Arbeitsgemeinschaft für wirtschaftliche Verwaltung und der Technischen Hochschule Mittelhessen. Im Fokus steht die Zuordnung bestehender Fachstandards wie XPlanung, XBau, Building Information Modeling (BIM) sowie Geodaten-Infrastrukturen zu den Ebenen des Deutschland-Stacks. Die Studie soll aufzeigen, welche Bausteine bereits vorhanden sind und wo noch Lücken bestehen, um letztlich ein übertragbares Referenzmodell für die digitale Bauverwaltung zu schaffen.
Digitale Souveränität durch Open Source
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der digitalen Souveränität. Die Universität zu Lübeck, die MACH AG und das Zentrum für Digitale Souveränität der Öffentlichen Verwaltung (ZenDiS) untersuchen die Rolle von Open-Source-Projekten auf der Plattform openCode. Ziel ist es, die Relevanz dieser Lösungen für die Verwaltung zu bewerten und kritische Abhängigkeiten zu identifizieren. Die Studie soll zudem analysieren, welche Entwickler und Organisationen für das Ökosystem besonders wichtig sind und wie die langfristige Wartbarkeit der eingesetzten Software sichergestellt werden kann.
Governance für eine föderale Infrastruktur
Die vierte Studie widmet sich der institutionellen Ausgestaltung. Die Technische Hochschule Wildau sowie Dr. Tobias Schröter und Anuschka Siegers untersuchen, wie Bund, Länder und Kommunen in die Steuerung des Deutschland-Stacks eingebunden werden können. Da es sich um eine „lernende Infrastruktur“ handelt, muss das Governance-Modell sowohl rechtliche Klarheit schaffen als auch technische Flexibilität ermöglichen. Die Forschungsergebnisse sollen konkrete Rollen und Zuständigkeiten definieren, um eine dauerhafte föderale Beteiligung zu gewährleisten.
Ausblick und Zeitplan
Das NEGZ fördert jedes der vier Projekte mit bis zu 10.000 Euro. Die Ergebnisse dieser wissenschaftlichen Analysen werden mit Spannung erwartet, da sie die Grundlage für die nächsten Schritte der Verwaltungsmodernisierung bilden könnten. Die Veröffentlichung der Studien ist für Mitte 2027 geplant. Alle Resultate sollen frei zugänglich sein und somit eine transparente Basis für die weitere Entwicklung der digitalen Infrastruktur in Deutschland bieten.