Ein Meilenstein für das deutsche Kulturgut: 80 Jahre Archivarbeit
Die Deutsche Nationalbibliothek (DNB) in Frankfurt am Main begeht in diesen Tagen ein bedeutendes Jubiläum: Vor genau acht Jahrzehnten, am 4. November 1946, nahm die Institution unter dem Namen „Deutsche Bibliothek“ ihre Arbeit auf. Was einst in einem Gebäude in der Nähe des Frankfurter Palmengartens begann, hat sich über die Jahrzehnte zu einer der weltweit bedeutendsten Gedächtnisinstitutionen entwickelt. Gemeinsam mit ihrem Partnerstandort in Leipzig bildet die DNB heute das zentrale Archiv für das gesamte deutsche Schrifttum. Die Gründung im Jahr 1946 war eine direkte Reaktion auf die politische Teilung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg, da der ursprüngliche Standort in Leipzig seine Funktion als zentrale Archivbibliothek für die Bundesrepublik Deutschland nicht mehr erfüllen konnte. Heute, 80 Jahre später, ist die DNB weit mehr als nur ein Ort für Bücher; sie ist ein lebendiges Archiv, das täglich tausende neue Publikationen aufnimmt, katalogisiert und für künftige Generationen bewahrt. Das Jubiläum wird nicht nur mit einem Rückblick auf die bewegte Geschichte begangen, sondern auch mit einem Ausblick auf die technologischen Herausforderungen der modernen Informationsgesellschaft, die das Archivwesen grundlegend verändern.
Struktur und Bestände: Von der Sparkassen-Bilanz bis zum Welterbe
Der gesetzliche Auftrag der Deutschen Nationalbibliothek ist umfassend und präzise definiert: Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wird alles gesammelt, was in Westdeutschland gedruckt wurde, und seit 1990 umfasst dieser Auftrag das gesamte vereinigte Deutschland. Dabei unterscheidet die Bibliothek nicht nach literarischem Wert oder inhaltlicher Tiefe. Die Sammlung reicht von bedeutenden Werken wie der Bibel oder den Gesamtausgaben von Johann Wolfgang von Goethe bis hin zu scheinbar trivialen Dokumenten wie Kochbüchern, Comics oder der Jahresschrift einer lokalen Sparkasse. Auch ausländische Publikationen, sofern sie einen Deutschlandbezug aufweisen, finden ihren Weg in die Regale – ein Beispiel hierfür ist die japanische Übersetzung eines Romans der Autorin Nele Neuhaus. Das erste jemals offiziell registrierte Buch in der Frankfurter Sammlung war der 1902 erschienene Roman „Meine Hunde im Nordland“ des kanadischen Autors und Missionars Egerton Ryerson Young. Die Bibliothekarin Kathrin Jockel betont, dass dieser breite Ansatz essenziell für die Nachwelt sei, da man heute kaum absehen könne, welche Dokumente künftige Historiker benötigen, um das Leben und Denken der heutigen Zeit in ihrer ganzen Komplexität zu verstehen.
Die logistische Herausforderung: Ein Magazin von der Größe vier Fußballfeldern
Das Gebäude an der Adickesallee 1, das seit 1997 der Hauptsitz der DNB in Frankfurt ist, zeichnet sich durch seine markanten Backstein-Riegel aus und ist ein fester Bestandteil des Stadtbildes am Frankfurter Alleenring. Im Inneren verbirgt sich eine logistische Meisterleistung: Auf einer Fläche von knapp 31.000 Quadratmetern – was in etwa der Größe von vier Fußballfeldern entspricht – lagern die Druckwerke. Die interne Organisation folgt dabei keinem thematischen oder alphabetischen System, sondern einer rein pragmatischen Logik: Die Bücher werden nach ihrem Eingang in das Haus durchgehend nummeriert und anschließend nach ihrer physischen Größe in die Regale einsortiert. Diese Methode ermöglicht eine maximale Ausnutzung des vorhandenen Raums. Dennoch stößt das Gebäude an seine Kapazitätsgrenzen. Jährlich wächst der Bestand um etwa drei Regalkilometer. Die Bibliotheksdirektorin Kathrin Brannemann schätzt, dass die aktuellen Lagerkapazitäten noch bis zum Jahr 2035 ausreichen werden; spätestens bis 2050 sei jedoch zwingend neuer Lagerraum erforderlich, um den gesetzlichen Sammelauftrag weiterhin erfüllen zu können.
Historische Hintergründe und die Wiedervereinigung der Sammlungen
Die Geschichte der Deutschen Nationalbibliothek ist untrennbar mit der deutschen Teilungsgeschichte verbunden. Während die Frankfurter „Deutsche Bibliothek“ erst 1946 entstand, liegen die tieferen Wurzeln der nationalen Archivierung in Leipzig. Dort wurde bereits 1912 die „Deutsche Bücherei“ durch den Börsenverein der Deutschen Buchhändler ins Leben gerufen. Nach dem Zweiten Weltkrieg verlor Leipzig durch die politische Spaltung des Landes seinen Status als alleinige zentrale Archivbibliothek. Für 44 Jahre existierten zwei parallele Sammelstellen, die jeweils für ihren Teil Deutschlands die Publikationen archivierten. Erst mit der Wiedervereinigung im Jahr 1990 wurden die beiden Standorte organisatorisch zusammengeführt und bilden seitdem die „Deutsche Nationalbibliothek“ mit ihrem heutigen Hauptsitz in Frankfurt. Diese historische Zäsur war ein notwendiger Schritt, um die kulturelle Einheit der deutschen Literatur- und Informationslandschaft wiederherzustellen und die über Jahrzehnte getrennt gewachsenen Bestände unter einem gemeinsamen Dach zu vereinen.
Zugangsbeschränkungen und die Realität der Präsenzbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek ist als Präsenzbibliothek konzipiert, was bedeutet, dass die Bestände vor Ort eingesehen werden können, eine Ausleihe nach Hause jedoch ausgeschlossen ist. Nutzerinnen und Nutzer benötigen einen gültigen Benutzungsausweis, um Zugang zu den Räumlichkeiten zu erhalten. Dabei ist der Zugriff auf die Bestände nicht uneingeschränkt möglich. Neben den gesetzlichen Vorgaben des Jugendschutzes, die den Zugang für Minderjährige zu bestimmten Inhalten regeln, existieren auch für Erwachsene klare Grenzen. Diese betreffen insbesondere Publikationen, die gegen das Urheberrecht verstoßen, sowie Werke von verbotenen Vereinen oder als verfassungsfeindlich eingestuften Parteien. Diese Regelungen dienen dem Schutz der Integrität des Archivs und der Einhaltung geltender Rechtsnormen. Während der physische Zugang streng reglementiert ist, bietet die DNB für digitale Inhalte erweiterte Möglichkeiten, die online abgerufen werden können. Dennoch bleibt der Kernauftrag der Bibliothek die dauerhafte Bewahrung und Bereitstellung von Wissen unter Berücksichtigung der rechtlichen Rahmenbedingungen.
Die digitale Transformation: Ein Archiv im Wandel der Zeit
In einer Welt, in der das gedruckte Buch zunehmend in Konkurrenz zu digitalen Formaten steht, passt sich auch die DNB an. Susanne Theile vom Fachbereich Zugänge und Vermittlung erklärt, dass die Bibliothek längst nicht mehr nur Papier archiviert. E-Books, E-Zeitschriften, Hörbücher und sogar ausgewählte Internetseiten gehören heute zum festen Bestandteil der Sammlung. Dennoch machen rein digitale Produkte derzeit lediglich sechs Prozent des Gesamtbestandes aus. Täglich kommen in Frankfurt etwa 1.500 neue Druckwerke hinzu, eine identische Menge wird in Leipzig erfasst. Diese werden digital registriert und anschließend physisch eingelagert. Eine vollständige Digitalisierung des gesamten Bestandes ist jedoch nicht geplant, da dies den Rahmen der Möglichkeiten sprengt. Eine solche Aufgabe ließe sich nur punktuell und in enger Kooperation mit wissenschaftlichen Partnern realisieren. Auch das Internet in seiner Gesamtheit zu archivieren, bleibt ein punktuelles Unterfangen, da die schiere Menge an Daten die Kapazitäten einer einzelnen Institution bei weitem übersteigt.
Offene Fragen und die Zukunft des Standorts
Trotz des Jubiläums bleiben einige Fragen für die Zukunft der DNB in Frankfurt unbeantwortet. Besonders die räumliche Erweiterung ist ein Thema, das die Verantwortlichen beschäftigt. Für einen geplanten Erweiterungsbau ist zwar ein Grundstück gegenüber des Hauptgebäudes vorgesehen, auf dem vor einigen Jahren eine Tankstelle abgerissen wurde, doch wie die Zwischennutzung für dieses Gelände aussehen soll, ist bislang völlig offen. Ebenso bleibt die Frage, wie die Bibliothek langfristig mit der exponentiell wachsenden Menge an digitalen Daten umgehen wird, wenn die Kapazitäten für physische Bücher in absehbarer Zeit erschöpft sind. Auch die konkreten Schritte zur Bewältigung des Platzmangels nach 2035 sind noch nicht abschließend definiert. Interessierte Bürgerinnen und Bürger haben anlässlich des Jubiläums in den kommenden Tagen die Möglichkeit, bei speziellen Führungen einen Blick hinter die Kulissen zu werfen und sich selbst ein Bild von der Arbeit der Bibliothekare zu machen, die täglich das kulturelle Gedächtnis Deutschlands verwalten.