Ein erster Lichtblick in der Bilanz
Nach sieben Jahren der roten Zahlen meldet die Deutsche Bahn (DB) für das erste Halbjahr 2026 ein positives Ergebnis. Mit einem Gewinn von 147 Millionen Euro verzeichnet der Konzern erstmals seit 2019 wieder schwarze Zahlen. Auch die Fahrgastzahlen entwickelten sich positiv: Rund 960 Millionen Reisende nutzten in den ersten sechs Monaten die Züge – ein Zuwachs von 17 Millionen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.
DB-Vorstandschefin Evelyn Palla bezeichnete das Ergebnis als wichtige Wegmarke. Gleichzeitig betonte sie, dass dies kein Grund zur Entwarnung sei. Die Zufriedenheit der Kunden hänge maßgeblich von der Qualität im täglichen Betrieb ab, und hier bestehe weiterhin erheblicher Nachholbedarf. Die Sanierung des Konzerns sei ein Prozess, der noch Jahre in Anspruch nehmen werde.
Bilanzielle Effekte und operative Realität
Experten weisen darauf hin, dass die aktuelle Bilanz auch durch buchhalterische Effekte begünstigt wird. Im Vorjahr hatte die Bahn eine massive Abschreibung in der Fernverkehrssparte vorgenommen, um künftige Ertragseinbußen durch die langwierigen Sanierungsarbeiten vorwegzunehmen. Diese Entscheidung belastete das Jahresergebnis 2025 mit 2,3 Milliarden Euro, lässt jedoch die aktuellen Zahlen im Vergleich besser erscheinen.
Die operative Realität für die Fahrgäste bleibt jedoch herausfordernd. Im Fernverkehr lag die Pünktlichkeitsquote in der ersten Jahreshälfte bei lediglich 59 Prozent – definiert als Züge, die weniger als sechs Minuten Verspätung aufwiesen. Im Regionalverkehr war die Lage mit einer Quote von 88,2 Prozent stabiler. Als Gründe für die Unpünktlichkeit führt der Konzern neben Witterungseinflüssen wie Wintereinbrüchen und Hitzeperioden vor allem die hohe Dichte an Baustellen auf dem sanierungsbedürftigen Netz an.
Investitionen in das "Super-Baujahr"
Das Jahr 2026 steht bei der Bahn ganz im Zeichen der Modernisierung. Die Brutto-Investitionen stiegen im Vergleich zum Vorjahr um ein Sechstel auf 8,7 Milliarden Euro. Ein Großteil dieser Mittel fließt in die Instandsetzung der Schieneninfrastruktur. Von den 28.000 geplanten Baustellen konnte die Bahn zur Jahresmitte etwa die Hälfte abschließen. Ein prominentes Beispiel ist die Strecke Berlin-Hamburg, deren Sanierung jedoch mit rund sechs Wochen Verzögerung und anfänglichen Qualitätsproblemen einherging.
Die Kehrseite der hohen Investitionsbereitschaft ist eine steigende Verschuldung. Die Verbindlichkeiten des Konzerns erhöhten sich im ersten Halbjahr um eine Milliarde Euro auf insgesamt 21,6 Milliarden Euro.
Politische Forderungen an den neuen Verkehrsminister
Der neue Verkehrsminister Steffen Bilger (CDU) bezeichnete die Halbjahreszahlen als erfreulich, räumte jedoch ein, dass Reisende im Alltag häufig negative Erfahrungen machen. Sein Ziel sei es, die Probleme schrittweise zu lösen. Verbände wie die Allianz pro Schiene und der ökologische Verkehrsclub Deutschland (VCD) fordern von Bilger jedoch ein entschlosseneres Vorgehen.
Die Kritik richtet sich vor allem gegen die bisherige Finanzierungsstruktur. Bisher werden Investitionsmittel jährlich im Bundeshaushalt neu verhandelt, was zu Planungsschwierigkeiten führt. Verbände fordern daher einen langfristigen, finanziell abgesicherten Infraplan, um die Sanierung und den Ausbau des Netzes verlässlich zu steuern. Der VCD mahnt zudem an, dass Deutschland im internationalen Vergleich – etwa mit Österreich oder der Schweiz – bei der Pünktlichkeit im Fernverkehr noch nicht konkurrenzfähig sei.
Perspektiven für die kommenden Jahre
Die Deutsche Bahn hat sich in ihrer Konzernstrategie ein klares Ziel gesetzt: Bis zum Jahr 2035, dem 200-jährigen Jubiläum der Eisenbahn in Deutschland, soll der Konzern wieder leistungsfähig und konsequent kundenorientiert aufgestellt sein. Bis dahin steht die Sanierung von rund 40 stark belasteten Streckenkorridoren an. Diese Arbeiten erfordern jeweils monatelange Sperrungen, die den Personen- und Güterverkehr weiterhin belasten werden. Ob die angestrebte Trendwende gelingt, wird maßgeblich davon abhängen, wie effizient die geplanten Großbaustellen umgesetzt werden und ob die politische Unterstützung für eine langfristige Finanzierung Bestand hat.