Herausforderungen in der Deradikalisierungsarbeit
Der Anschlag in der Nähe des Berliner Christopher Street Days (CSD) hat eine Debatte über die Wirksamkeit von Deradikalisierungsprogrammen entfacht. Der Tatverdächtige, Abdul B., war den Sicherheitsbehörden bereits bekannt und hatte erste Vorgespräche beim „Violence Prevention Network“ (VPN) geführt. Thomas Mücke, Mitgründer der Organisation, gewährt nun Einblicke in die schwierige Arbeit mit Personen, die extremistischen Ideologien nahestehen.
Die Grenzen der Beratungsarbeit
Im Fall von Abdul B. zeigte sich, wie komplex die Einschätzung von Gefährdern ist. Mitarbeiter des VPN beschrieben den Mann in den ersten Gesprächen als freundlich, jedoch in Bezug auf seine ideologische Haltung als äußerst ausweichend und angepasst. Eine tragfähige Arbeitsgrundlage, die für einen erfolgreichen Deradikalisierungsprozess zwingend erforderlich ist, konnte in den ersten zwei Terminen nicht identifiziert werden.
Laut Mücke war für die kommende Woche ein dritter Termin angesetzt. Hätte sich der Eindruck der mangelnden Kooperationsbereitschaft bestätigt, wäre das Programm für den Betroffenen beendet worden. Dies hätte zur Folge gehabt, dass die Weisungsauflage an die zuständigen Behörden zurückgegeben worden wäre. Mücke betont, dass eine gewisse Offenheit der Klienten essenziell sei; andernfalls bestehe die Gefahr, dass solche Programme instrumentalisiert werden.
Prozess statt Kurzzeitlösung
Die Arbeit mit Personen, die tief in extremistischen Strukturen verwurzelt sind, ist zeitintensiv. Mücke unterstreicht, dass es sich nicht um kurzfristige Interventionen handelt, sondern um langjährige Begleitungen, die sich über ein bis drei Jahre erstrecken können. Besonders bei sogenannten Hochrisikopersonen sei ein hoher Aufwand notwendig, um ideologische Feindbilder aufzubrechen und eine Distanzierung zu ermöglichen.
Der Prozess umfasst dabei mehrere Ebenen:
* **Identifikation der Feindbilder:** Offenlegung und Auseinandersetzung mit der extremistischen Ideologie.
* **Soziale Integration:** Aufbau einer Brücke zurück in die Gesellschaft.
* **Krisenfestigkeit:** Stärkung der Persönlichkeit, um Rückfälle in Krisensituationen zu vermeiden.
Zusammenarbeit mit Sicherheitsbehörden
Die Gefahrenabwehr bleibt primär Aufgabe der Polizei und der Sicherheitsbehörden. Zivilgesellschaftliche Organisationen wie das Violence Prevention Network arbeiten eng mit diesen zusammen, um das Ziel der öffentlichen Sicherheit zu gewährleisten. Dabei findet ein ständiger Austausch darüber statt, ob eine Person noch aktiv in der extremistischen Szene agiert oder erste Anzeichen einer Abkehr zeigt.
Auf die Kritik, dass Deradikalisierung nicht immer funktioniere, entgegnet Mücke, dass ein Programm erst dann Wirkung entfalten könne, wenn es tatsächlich begonnen werde. Im konkreten Fall des CSD-Attentäters habe das Programm aufgrund der fehlenden Zugänglichkeit des Betroffenen noch gar nicht starten können. Sollte ein Programm aufgrund mangelnder Kooperation scheitern, liegt die Verantwortung wieder bei den Sicherheitsbehörden, die dann über das weitere Vorgehen entscheiden müssen.
Bilanz und Ausblick
Trotz der hohen Hürden verweist das Violence Prevention Network auf eine vergleichsweise niedrige Rückfallquote. Von 490 betreuten Fällen im islamistischen Kontext sei lediglich eine Person rückfällig geworden. Dennoch bleibt jeder Einzelfall eine Herausforderung, da die Folgen extremistischer Gewalt gravierend sind. Die Debatte verdeutlicht, dass Deradikalisierung kein Allheilmittel ist, sondern ein hochsensibler Prozess, der auf die Kooperationsbereitschaft der Betroffenen angewiesen ist und bei Hochrisikopersonen an klare Grenzen stößt.