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Der stille Turn-Champion: Das ist Radomyr Stelmakh
Sport · 17.08.2026 07:22

Der stille Turn-Champion: Das ist Radomyr Stelmakh

Kurz: Der 20-jährige Radomyr Stelmakh startet bei der EM in Zagreb erstmals für Deutschland. Eine Geschichte über Flucht, sportlichen Ehrgeiz und einen Neuanfang.

Ein neues Kapitel für den deutschen Turnsport

Der 20-jährige Kunstturner Radomyr Stelmakh steht vor einem bedeutenden Wendepunkt in seiner noch jungen, aber bereits beeindruckenden Laufbahn. In der Zeit vom 19. bis zum 23. August tritt der Athlet bei der Turneuropameisterschaft im kroatischen Zagreb an. Was für viele Sportler ein routinierter Termin im Kalender ist, stellt für Stelmakh eine Premiere dar: Er wird erstmals international unter der deutschen Flagge an den Start gehen. Der gebürtige Ukrainer, der seit seiner Flucht im Jahr 2022 in Cottbus lebt und trainiert, hat sich in den vergangenen Jahren durch enorme Disziplin und sportliche Erfolge in die erste Reihe der deutschen Turnriege gearbeitet. Erst vor wenigen Wochen unterstrich er seine Ambitionen bei den Finals in Hannover, wo er mit drei Goldmedaillen – im Mehrkampf, am Pauschenpferd und am Barren – seine herausragende Form unter Beweis stellte. Nun gilt es, diese Leistung auf der europäischen Bühne zu bestätigen. Seine Teilnahme in Zagreb markiert nicht nur sein internationales Comeback nach einer längeren Phase der sportlichen Neuorientierung, sondern auch den Beginn einer neuen Ära, in der er als fester Bestandteil des deutschen Nationalteams um Medaillen kämpfen will.

Die beeindruckende Bilanz eines Ausnahmetalents

Die sportliche Vita von Radomyr Stelmakh ist geprägt von einer bemerkenswerten Konstanz und einer fast schon stoischen Präzision. Bei den Finals in Hannover im Juli dieses Jahres lieferte er eine Vorstellung ab, die Experten und Zuschauer gleichermaßen beeindruckte. Besonders sein Abgang am Barren, ein perfekt ausgeführter Doppelsalto mit Drehung, blieb vielen in Erinnerung. Diese technische Brillanz ist kein Zufall, sondern das Ergebnis eines strengen Arbeitsethos. Stelmakh selbst kommentiert seine Auftritte meist kurz und knapp. Auf Fragen zu seinem Erfolg reagiert er zurückhaltend, fast distanziert. Er sieht den Sport als seinen Beruf an, was ihn von vielen anderen Athleten unterscheidet, die den Medienkontakt oft als Teil der Show begreifen. Sein Teammanager beim SC Cottbus, Devin Woitalla, beschreibt ihn als einen Leistungssportler durch und durch. Diese professionelle Einstellung spiegelt sich auch in seinem Werdegang wider: Nach der Flucht aus seinem Heimatort Saporischschja, der immer wieder Ziel von Raketenangriffen wurde, fand er in der Lausitz eine neue sportliche Heimat. Die Freigabe durch den ukrainischen Turnverband vor gut einem Monat war der formale letzte Schritt, um den Weg für seine internationale Karriere für Deutschland freizumachen.

Der Weg von Saporischschja in die Lausitz

Die Geschichte von Radomyr Stelmakh ist untrennbar mit den tragischen Ereignissen in seiner Heimat verbunden. Als Russland im Jahr 2022 die Ukraine überfiel, änderte sich das Leben des jungen Turners von Grund auf. Ein geregeltes Training, wie es für einen Athleten seines Niveaus notwendig ist, war in Saporischschja unter den Bedingungen des Krieges nicht mehr möglich. Gemeinsam mit seiner Mutter und seiner Schwester trat er die Flucht an, die ihn schließlich nach Cottbus führte. Bereits vor dem Ausbruch des Krieges war man in Deutschland auf das Talent aufmerksam geworden. Teammanager Devin Woitalla erinnert sich, dass er den damals 16-jährigen Stelmakh erstmals bei der Juniors Trophy 2021 in Cottbus beobachtet hatte. Die Qualität seines Turnens war bereits damals so auffällig, dass der Verein den Kontakt suchte und ihm anbot, in der Lausitz zu trainieren und zu leben. Für Stelmakh war dies der Beginn eines schwierigen, aber erfolgreichen Neuanfangs. Er selbst bezeichnet Cottbus heute als seine zweite Heimat und betont in Interviews, wie dankbar er für die Unterstützung ist, die er in der neuen Umgebung erfahren hat.

Ein Teamplayer mit Facettenreichtum

Obwohl Stelmakh in der Öffentlichkeit und gegenüber Journalisten als eher verschlossen und wortkarg gilt, zeichnet sein Umfeld ein ganz anderes Bild von ihm. Devin Woitalla beschreibt ihn als einen facettenreichen Menschen, der im privaten Umfeld und im Training durchaus als Kumpeltyp wahrgenommen wird. In der Turnhalle zeigt sich der junge Athlet von einer anderen Seite: Er ist zu Späßen aufgelegt und agiert als echter Teamplayer. Besonders im Cottbuser Bundesligateam hat er sich schnell integriert und gibt sein Wissen und seine Tipps bereitwillig an den Nachwuchs weiter. Diese soziale Komponente seines Charakters steht in einem interessanten Kontrast zu seiner fast schon unterkühlten Professionalität im Wettkampf. Er versteht es, die Konzentration auf den Punkt abzurufen, wenn es darauf ankommt. Diese Fähigkeit, zwischen dem lockeren Umgang im Training und dem absoluten Fokus im Wettkampf zu unterscheiden, macht ihn zu einer wertvollen Verstärkung für das deutsche Team, das in Zagreb mit insgesamt sechs Männern an den Start geht.

Einordnung der sportlichen Ambitionen

Den Berichten zufolge ist Stelmakhs internationale Karriere für Deutschland ein bedeutender Gewinn für den deutschen Turnsport. Nach seinem fünften Platz bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris, die er noch für die ukrainische Delegation bestritt, war es für ihn wichtig, wieder Fuß auf der internationalen Bühne zu fassen. Einzuordnen ist seine aktuelle Situation als eine Phase der Konsolidierung. Die Tatsache, dass er nach seiner Flucht und der damit verbundenen Zwangspause so schnell wieder an die europäische Spitze zurückgekehrt ist, zeugt von einer außergewöhnlichen mentalen Stärke. Experten bewerten seine Abgeklärtheit, die er bei den deutschen Meisterschaften gezeigt hat, als ein Zeichen dafür, dass er auch dem Druck einer Europameisterschaft gewachsen sein dürfte. Dennoch bleibt abzuwarten, wie er sich in der neuen Konstellation im deutschen Team behaupten wird. Sein Teammanager Woitalla zeigt sich optimistisch und betont, dass Stelmakh die nötige Professionalität mitbringt, um bei der EM eine sehr gute Rolle zu spielen, auch wenn man derzeit noch nicht genau wisse, welche Emotionen in ihm während der Wettkämpfe tatsächlich vorgehen.

Offene Fragen und verbleibende Lücken

Der vorliegende Quelltext lässt einige Aspekte der Karriere und des Privatlebens von Radomyr Stelmakh unbeantwortet. So bleibt beispielsweise unklar, wie genau die bürokratischen Hürden für den Nationenwechsel im Detail aussahen, abgesehen von der erwähnten Freigabe durch den ukrainischen Verband. Auch über seine langfristigen sportlichen Ziele nach der Europameisterschaft in Zagreb gibt der Text keine konkreten Auskünfte. Es wird nicht explizit thematisiert, ob er bereits eine Qualifikation für kommende Weltmeisterschaften oder weitere Olympische Spiele anstrebt. Ebenso fehlen Informationen darüber, wie er den Spagat zwischen seinem Leben in der Lausitz und seiner familiären Situation in der Ukraine bewältigt. Die Frage, ob er noch engen Kontakt in seine Heimatstadt Saporischschja hält und wie sich die politische Lage auf seine persönliche Motivation auswirkt, wird nur oberflächlich durch Zitate über die schwierige Zeit für den ukrainischen Sport gestreift. Diese Lücken lassen Raum für Spekulationen, unterstreichen aber auch, dass der Athlet seinen Fokus bewusst auf seine sportliche Leistung legt.

Der Blick nach vorn: Die EM in Zagreb

Für Radomyr Stelmakh und seine Teamkollegen beginnt die heiße Phase der Vorbereitung auf die Europameisterschaften in Zagreb unmittelbar. Der Zeitplan ist eng getaktet: Am Mittwoch ab 17:45 Uhr steht der Qualifikationswettkampf auf dem Programm, bei dem sich das deutsche Team für die Finalteilnahmen empfehlen muss. Neben Stelmakh ist mit Lucas Kochan ein weiterer Athlet aus Cottbus Teil der sechsköpfigen Auswahl. Die Erwartungen an Stelmakh sind hoch, auch wenn er selbst keine großen Ankündigungen macht. Sein Teammanager Devin Woitalla geht davon aus, dass er professionell genug ist, um eine sehr gute EM zu turnen. Die kommenden Tage werden zeigen, ob Stelmakh seine starke Form von den deutschen Meisterschaften in Hannover konservieren konnte. Nach dem Wettkampf in Zagreb wird sich zeigen, wie sich der junge Athlet in der deutschen Nationalmannschaft etabliert hat und ob er seine Rolle als Leistungsträger langfristig ausfüllen kann. Für den Moment liegt der Fokus jedoch ausschließlich auf der Performance in der Arena, wo er beweisen will, dass er nach wie vor zur europäischen Spitze im Kunstturnen gehört.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/jung-portrat-glucklich-frohlich-6345367/ · Foto: https://kaboompics.com/
Quelle: https://www.sportschau.de/regional/rbb/rbb-der-stille-turn-champion-das-ist-radomyr-stelmakh-100.html