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Das Fightclub-Netzwerk in Deutschland
Schlagzeilen · 21.08.2026 21:41

Das Fightclub-Netzwerk in Deutschland

Kurz: Ein Untergrund-Kampfsport-Netzwerk breitet sich in Deutschland aus. Hooligans und Rechtsextreme nutzen YouTube für brutale Kämpfe, während Behörden kaum reagier

Die Ausbreitung des Untergrund-Kampfsports

Ein besorgniserregender Trend aus dem skandinavischen Raum hat Deutschland erreicht und findet in den Schatten der öffentlichen Wahrnehmung statt. Unter dem Label "King of the Streets", kurz "K.O.T.S.", organisieren Akteure aus der Hooligan- und Neonazi-Szene brutale Kampfsportveranstaltungen, die über die Videoplattform YouTube ein Millionenpublikum erreichen. Die Kämpfe zeichnen sich durch extreme Gewalt aus, bei denen kaum Regeln existieren; selbst wenn ein Kontrahent bereits am Boden liegt, wird oft weiter auf ihn eingewirkt. Diese Events finden an wechselnden, oft konspirativen Orten statt, darunter Industriehallen, Tiefgaragen oder abgelegene Hafengelände. Während die Veranstalter diese Kämpfe als eine Art Bewegung stilisieren und sich in einem ideologischen Abwehrkampf gegen eine vermeintliche Bedrohung der Männlichkeit wähnen, dient das Format faktisch als Bühne für die Selbstdarstellung von Extremisten. Dass diese Veranstaltungen mittlerweile auch auf deutschem Boden stattfinden, ohne dass die Sicherheitsbehörden im Vorfeld davon Kenntnis erlangen oder intervenieren können, wirft ein Schlaglicht auf die mangelnde Kontrolle über dieses international vernetzte, gewaltbereite Milieu.

Details zu den Akteuren und Veranstaltungen

Die Recherchen des Formats "Die Spur" haben detaillierte Einblicke in die Strukturen von "K.O.T.S." ermöglicht. Einer der prominentesten Akteure ist der Franzose Tomasz, der als Kopf des rechtsextremen Labels "Pride France" auftritt. Er nutzt die Kämpfe gezielt, um seine Gesinnung durch Hakenkreuz-Tätowierungen öffentlich zur Schau zu stellen, wofür er in rechtsextremen Kreisen europaweit gefeiert wird. Ein weiterer zentraler Name in diesem Kontext ist Tom Neubert, ein Kämpfer aus Deutschland. Bemerkenswert ist hierbei, dass Neubert seit 2023 eine siebenjährige Haftstrafe in Nordrhein-Westfalen verbüßt, unter anderem wegen räuberischer Erpressung und gefährlicher Körperverletzung. Trotz seiner Inhaftierung gelang es ihm, sich als Teil des "K.O.T.S."-Teams zu präsentieren. Im August 2024 feierte er in den sozialen Medien einen Kampf, der in Essen stattgefunden hatte. Recherchen belegen, dass Neubert im Rahmen des offenen Vollzugs Freigang erhielt und diese Zeit offenbar nutzte, um in die Organisation der Kämpfe involviert zu bleiben. Ein von ihm veröffentlichtes Video belegt seine aktive Rolle bei der Vorbereitung des Essener Events, was erst durch die journalistischen Nachforschungen ans Licht kam.

Der Hintergrund der Vernetzung

Die Entstehung dieser Fightclubs ist eng mit der europäischen Hooliganszene verknüpft. Ursprünglich aus Schweden stammend, hat sich das Format über die Jahre professionalisiert und geografisch ausgeweitet. Die Veranstalter verfolgen dabei ein Ziel, das weit über den sportlichen Wettbewerb hinausgeht: Es geht um die Inszenierung von Gewalt als politisches oder gesellschaftliches Statement. Die Verbindung zwischen Hooligans und Rechtsextremisten ist dabei kein Zufallsprodukt, sondern eine gezielte Allianz. Das Bundesamt für Verfassungsschutz warnt seit geraumer Zeit vor dieser Entwicklung. Die Kombination aus Kampfsport und extremistischer Ideologie dient der Professionalisierung gewaltbereiter Gruppen und fungiert als Rekrutierungsinstrument, das insbesondere junge Männer anspricht. Der Verfassungsschutz ordnet "K.O.T.S." zwar nicht als explizit extremistisches Format ein, erkennt jedoch an, dass es eine hohe Anziehungskraft auf Kämpfer mit extremistischen Weltanschauungen ausübt. Diese Entwicklung trifft auf ein ohnehin problematisches Umfeld: Die Zahlen junger rechtsextremer Straftäter in Deutschland sind weiterhin auf einem hohen Niveau, wobei ein signifikanter Anteil der Tatverdächtigen zwischen 14 und 17 Jahre alt ist.

Die Rolle der Behörden und Institutionen

Die betroffenen Institutionen sehen sich mit dem Vorwurf konfrontiert, die Gefahr der Szene unterschätzt zu haben. Im Fall von Tom Neubert reagierte das Justizministerium in Nordrhein-Westfalen erst nach den Hinweisen durch das Rechercheteam. Die Vollzugsgestaltung des Gefangenen wurde daraufhin überprüft und sein Freigang aufgehoben. Die Essener Polizei räumte ein, von dem Kampf in ihrer Stadt nichts mitbekommen zu haben; für nachträgliche Ermittlungen sei inzwischen zu viel Zeit verstrichen. Zudem fand kein Austausch mit den schwedischen Behörden statt, obwohl die Szene international bestens vernetzt ist. Die Diskrepanz zwischen der internationalen Vernetzung der Kämpfer und der eher national oder lokal agierenden Polizeiarbeit wird hier deutlich. Während die Kämpfer über Grenzen hinweg agieren, scheinen die deutschen Sicherheitsbehörden bei der Beobachtung dieses spezifischen Phänomens an ihre Grenzen zu stoßen. Die Polizei in Essen betonte, dass derartige Events bewusst im Verborgenen geplant werden, um polizeiliche Aufmerksamkeit zu vermeiden, was die operative Arbeit massiv erschwert.

Einordnung der Gefahrenlage

Einzuordnen ist das Phänomen als eine gefährliche Schnittmenge von Sport, Kriminalität und politischem Extremismus. Den Berichten zufolge stellt die Professionalisierung dieser Kämpfe eine neue Qualität der Gewalt dar. Es geht nicht mehr nur um spontane Ausschreitungen bei Fußballspielen, sondern um geplante, inszenierte Gewalt, die durch die digitale Verbreitung auf YouTube eine globale Bühne erhält. Diese mediale Inszenierung dient der Radikalisierung und der Stärkung des Zusammenhalts innerhalb der Szene. Die Tatsache, dass sich Neonazis wie Tomasz offen mit Hakenkreuzen präsentieren können, ohne dass dies unmittelbar zu rechtlichen Konsequenzen führt, zeigt, wie sehr sich die Akteure in einem rechtsfreien Raum wähnen. Die Behörden stehen vor der Herausforderung, dass die Kämpfe oft an Orten stattfinden, die nicht sofort als Veranstaltungsorte identifizierbar sind. Die Einschätzung, dass es sich nicht um ein rein extremistisches Format handelt, sondern um ein Gefäß, das Extremisten anzieht, erschwert zudem die rechtliche Einordnung und das Vorgehen der Sicherheitsbehörden, da die Grenze zwischen Kampfsport und politisch motivierter Gewalt oft bewusst verwischt wird.

Offene Fragen zur Szene

Trotz der intensiven Recherchen bleiben zahlreiche Fragen ungeklärt. Es ist unklar, wie genau die Finanzierung der aufwendigen Produktionen erfolgt und wer die Drahtzieher hinter den Kulissen sind, die über die Kämpfer hinaus die Logistik und die Videoproduktion steuern. Ebenso bleibt offen, in welchem Umfang weitere Kämpfe in Deutschland geplant sind und ob es ein strukturiertes Netzwerk gibt, das lokale Unterstützer in verschiedenen Bundesländern rekrutiert. Die Frage, warum die Sicherheitsbehörden trotz der öffentlichen Verfügbarkeit der Videos auf YouTube keine tiefergehenden Ermittlungen eingeleitet haben, bleibt ebenfalls unbeantwortet. Auch das Ausmaß der Beteiligung von Jugendlichen an diesen Events in Deutschland ist in Gänze nicht erfasst. Die Lücke zwischen der digitalen Präsenz der Szene und der analogen Überwachung durch den Staat ist eklatant. Es ist nicht bekannt, ob es bereits Versuche gab, diese Veranstaltungen durch Verbote der Veranstaltungsorte oder durch Druck auf die Plattformbetreiber zu unterbinden, um die Reichweite der Videos einzuschränken.

Ausblick auf das weitere Vorgehen

Nach den Enthüllungen durch "Die Spur" steht die Rolle der Justizvollzugsanstalten unter besonderer Beobachtung. Die Aufhebung des Freigangs für Tom Neubert ist eine erste Konsequenz, doch stellt sich die Frage, ob dies zu einer generellen Verschärfung der Sicherheitsvorkehrungen für Inhaftierte mit Verbindungen zu extremistischen Szenen führen wird. Seitens der Politik und der Sicherheitsbehörden gibt es bisher keine konkreten Ankündigungen für eine bundesweite Strategie gegen das "K.O.T.S."-Netzwerk. Die Ermittlungsbehörden sind nun gefordert, ihre Strategien anzupassen, um auf die internationale Vernetzung der Hooligans und Rechtsextremen reagieren zu können. Ob es zu einem verstärkten Austausch mit den schwedischen Behörden kommen wird, bleibt abzuwarten. Die weitere Entwicklung des Trends wird maßgeblich davon abhängen, ob es gelingt, die Plattform YouTube als Verbreitungskanal stärker in die Pflicht zu nehmen oder ob sich die Szene in noch geschlossene digitale Räume zurückzieht. Die Beobachtung durch den Verfassungsschutz wird voraussichtlich intensiviert, doch ob dies ausreicht, um weitere Events auf deutschem Boden zu verhindern, ist derzeit nicht absehbar.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/mann-sitzung-sitzen-portrat-7289912/ · Foto: https://kaboompics.com/
Quelle: https://www.zdfheute.de/panorama/fight-netzwerk-gewalt-organisiert-youtube-100.html