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Brief aus dem Irankrieg: Fürsorge ist so ansteckend wie eine Krankheit
Politik · 12.08.2026 10:41

Brief aus dem Irankrieg: Fürsorge ist so ansteckend wie eine Krankheit

Kurz: Eine iranische Autorin schildert in ihrem Brief aus dem Exil die Zerrissenheit zwischen der Sorge um Angehörige im Krieg und der Suche nach Menschlichkeit.

Ein Leben im Schatten der Zerstörung

Die Autorin, die unter dem Pseudonym Nona schreibt, gewährt in ihrem aktuellen Brief einen tiefen Einblick in die psychische Belastung durch den andauernden Irankrieg. Die Kernmeldung ihres Berichts ist die ständige Präsenz von Gewalt und Verlust, die selbst in die Träume der Menschen eindringt. Nona beschreibt, wie sie nachts von Szenen heimgesucht wird, in denen Gebäude einstürzen und ihre Mutter, gehüllt in einen staubigen schwarzen Tschador, ein fremdes Kind in einem rosa Kleid rettet. Diese traumatischen Bilder vermischen sich mit der Realität ihres Alltags, in dem sie sich angesichts der materiellen Besitztümer, die sie in der Fremde angesammelt hat, zunehmend unwohl fühlt. Die Last der Dinge erscheint ihr absurd, wenn das Wissen um die ständige Bedrohung an einem vermeintlich sicheren Ort im Hintergrund schwebt. Der Krieg ist für die Autorin nicht nur ein geografisches Ereignis, sondern ein Zustand, der das persönliche Empfinden von Sicherheit und Heimat fundamental erschüttert. Jeder Tag ist geprägt von der Angst um Freunde und Familie, die in der Heimat verblieben sind, und von der quälenden Frage, wie man in einer Welt, die aus den Fugen geraten ist, ein normales Leben führen kann.

Die menschliche Dimension des Leids

Die Einzelheiten des Berichts verdeutlichen die konkreten Auswirkungen des Konflikts auf das persönliche Umfeld der Autorin. Nona berichtet von ihrer Mitbewohnerin Sch. in Teheran, die von den Toten träumt, die sie zu Lebzeiten kannte. Die Yogalehrerin der Autorin beschreibt den kollektiven Zustand der Bevölkerung mit dem Satz, dass es allen schlecht gehe, was eine tiefe Entfremdung zwischen den Lebenswelten offenbart. Eine weitere Freundin, M., leidet unter stressbedingten Kopfschmerzen und reflektiert die Absurdität ihrer Situation: Sie wartet seit sieben Jahren auf ein amerikanisches Visum, während ihr Ehemann bereits in den USA lebt und beide Länder sich nun im Krieg befinden. Diese Erkenntnis führt bei den beiden Frauen zu einem hysterischen Lachen, einer Reaktion auf die Grausamkeit des Schicksals. Nona selbst bereitet sich auf den Besuch bei ihrer Cousine vor, die im Koma liegt. Als Symbol der Zuwendung hat sie eine kleine Schneekugel mit einem Engel gekauft, die sie an das Krankenbett stellen möchte, um eine Verbindung zu dem Menschen herzustellen, der in der Stille des Komas verharrt.

Die Suche nach Halt in der Fremde

Der Hintergrund dieser Schilderungen ist geprägt von der Flucht aus dem Iran und der damit einhergehenden Entwurzelung. Die Autorin beschreibt, wie sie versucht, ihre Identität und ihre Bindung an ihre Heimat aufrechtzuerhalten, während sie gleichzeitig die Realität des Krieges aus der Distanz verfolgt. Die Vorgeschichte ist durch den Verlust von Heimat gekennzeichnet, der sich bei jeder Nachricht über die Hinrichtung eines Demonstranten im Iran erneut manifestiert. Nona empfindet es so, als würde mit jedem solchen Ereignis ein Stück des Bodens ihrer Heimat verloren gehen. Die bisherige Entwicklung zeigt eine zunehmende Isolation der Menschen, die entweder im Land ausharren oder im Ausland mit der Ungewissheit über das Schicksal ihrer Angehörigen kämpfen. Die Erzählung verdeutlicht, dass die Flucht vor dem Krieg keinen absoluten Schutz bietet, da die psychische Verbindung zu den Menschen im Kriegsgebiet bestehen bleibt. Die Autorin reflektiert, dass die Heimat nicht nur an einen geografischen Ort gebunden ist, sondern durch die Menschen und die gemeinsamen Erfahrungen definiert wird, die durch den Krieg nun gefährdet oder zerstört sind.

Die Akteure in einem fragilen Netzwerk

Zu den Beteiligten gehören neben der Autorin selbst vor allem ihre Mitbewohnerin Sch., die unter der psychischen Last in Teheran leidet, und ihre Freundin M., die durch die politische Situation von ihrem Ehemann getrennt ist. Die Yogalehrerin fungiert als eine Art emotionale Stütze, die versucht, der Autorin und ihrer Mitbewohnerin in ihrer Verlorenheit beizustehen. Eine zentrale Figur im aktuellen Brief ist eine namentlich nicht genannte Frau, die Nona am Strand begegnet. Diese Frau, deren Tante ebenfalls im Krankenhaus liegt, wird zu einer wichtigen Bezugsperson. Sie bringt der Autorin das Kraulschwimmen bei, eine Technik, die sie als eine der größten Herausforderungen ihres Lebens beschreibt. Durch dieses gemeinsame Erlebnis entsteht eine Verbindung, die über die bloße Bekanntschaft hinausgeht. Zudem spielt eine unbekannte Person eine Rolle, die sich um die verletzte Hofkatze gekümmert hat. Diese anonyme Tat der Fürsorge, bei der die Katze in einer Tierklinik genäht und versorgt wurde, dient der Autorin als Hoffnungsschimmer in einer ansonsten von Gewalt und Leid geprägten Umgebung.

Einordnung der zwischenmenschlichen Gesten

Einzuordnen ist die Schilderung der Autorin als ein Versuch, die Entmenschlichung durch den Krieg durch kleine, bewusste Akte der Fürsorge zu kontern. Nona stellt die These auf, dass Fürsorge genauso ansteckend sein kann wie eine Krankheit. Diese Bewertung unterstreicht die Bedeutung von Empathie in Krisenzeiten. Den Berichten zufolge ist das Leben im Exil für die Autorin ein ständiger Prozess der Selbstbehauptung. Die Begegnung am Strand, das Teilen von Keksen und die gegenseitige Unterstützung durch Atemtechniken aus dem Yoga sind für sie keine trivialen Ereignisse, sondern notwendige Überlebensstrategien. Die Autorin reflektiert dabei auch die Rolle des Alleinseins, das sie nicht als Zustand des Wartens, sondern als eine eigenständige Lebensform begreift. Diese Einordnung macht deutlich, dass die Bewahrung der eigenen Menschlichkeit und die Sorge für andere, selbst für eine fremde Katze, eine Form des Widerstands gegen die Zerstörungswut des Krieges darstellt. Die Heimat findet sie in diesen flüchtigen Momenten der Verbundenheit wieder, weit weg von der geografischen Realität des Irans.

Offene Fragen und Ungewissheiten

Der Quelltext lässt eine Reihe von Fragen unbeantwortet, die für das Verständnis der Gesamtsituation relevant wären. Es bleibt unklar, in welcher konkreten geografischen Region sich die Autorin derzeit aufhält, da lediglich von einem Strand und einer Umgebung die Rede ist, die nicht näher spezifiziert wird. Ebenso wenig wird das Ausmaß des Krieges im Detail erläutert; die Auswirkungen auf die Infrastruktur und die politische Lage im Iran werden nur durch die subjektive Wahrnehmung der Autorin und ihrer Freunde gespiegelt. Die Identität der Frau, die die Katze pflegte, bleibt ein Rätsel, ebenso wie die medizinische Prognose für die Cousine im Koma. Auch die spezifischen politischen Hintergründe der Hinrichtungen, die Nona erwähnt, werden nicht weiter ausgeführt, da der Fokus des Textes ausschließlich auf der emotionalen und persönlichen Ebene liegt. Die Lücken in der Erzählung unterstreichen jedoch den fragmentarischen Charakter des Lebens im Exil, in dem viele Informationen nur bruchstückhaft ankommen und die Zukunft für alle Beteiligten ungewiss bleibt.

Der Blick in eine ungewisse Zukunft

Wie es weitergeht, bleibt für die Autorin und ihr Umfeld weitgehend offen. Die angekündigten Schritte beschränken sich auf die unmittelbare Bewältigung des Alltags. Nona plant, ihre Cousine im Krankenhaus zu besuchen und ihr die Schneekugel zu bringen, was einen weiteren Moment der Hoffnung und Zuwendung darstellt. Die Hoffnung auf ein zufälliges Wiedersehen mit der Frau vom Strand am selben Ort unterstreicht das Bedürfnis nach Kontinuität in einem Leben, das durch den Krieg instabil geworden ist. Es gibt keine ausstehenden Entscheidungen, die eine Lösung für den Konflikt oder eine Rückkehr in die Heimat in Aussicht stellen würden. Vielmehr ist das Leben von der Erwartung geprägt, dass der Krieg weitergeht und die Verluste zunehmen. Die Autorin setzt darauf, dass durch das Teilen dieser Briefe eine Verbindung zu anderen Menschen aufrechterhalten wird, die ihr hilft, die Bedeutung von Heimat über die Grenzen von Boden und Geografie hinaus zu bewahren. Das Warten auf Nachrichten und das Hoffen auf kleine Zeichen der Menschlichkeit bilden den Kern der kommenden Tage.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/golestan-palast-in-teheran-mit-reflexionsbecken-32040770/ · Foto: Farnaz Kohankhaki
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kolumnen/brief-aus-dem-irankrieg-fuersorge-ist-so-ansteckend-wie-eine-krankheit-accg-201114815.html