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Regional · 26.09.2026 17:54

Deutlich mehr Gegendemonstranten als Reichsbürger in Darmstadt

Kurz: In Darmstadt demonstrierten am Samstag deutlich mehr Menschen gegen ein Reichsbürger-Treffen als Teilnehmer vor Ort waren. Die Polizei blieb bei dem Einsatz ruh

Ein deutliches Signal für die Demokratie

Am vergangenen Samstag kam es in der Darmstädter Innenstadt zu einem bemerkenswerten Aufeinandertreffen zweier gegensätzlicher Versammlungen. Während sich Anhänger der Reichsbürger-Szene zu ihrem sogenannten „10. Großen Treffen der Bundesstaaten“ versammelten, formierte sich ein massiver, friedlicher Gegenprotest. Nach Einschätzungen der Polizei vor Ort beteiligten sich etwa 200 Personen an der Reichsbürger-Veranstaltung. Demgegenüber standen deutlich mehr als 800 Gegendemonstranten, die dem Aufruf des Darmstädter Bündnisses gegen Rechts gefolgt waren. Die Polizei berichtete von einem insgesamt friedlichen Verlauf der Ereignisse, auch wenn es im Tagesverlauf zu einer Blockade durch die Gegendemonstranten kam, welche die geplante Marschroute der Reichsbürger unterbrach. Die Einsatzkräfte mussten hierbei vermittelnd eingreifen, um einen direkten Konflikt zu vermeiden. Die deutliche Überzahl der Gegendemonstranten wurde von den Organisatoren des Bündnisses als ein starkes und notwendiges Zeichen für die weltoffene und demokratische Grundhaltung der Stadt Darmstadt gewertet, die sich klar von den antidemokratischen Bestrebungen der Reichsbürger distanzierte.

Details zum Ablauf und den Akteuren

Die Reichsbürger-Veranstaltung begann am Karolinenplatz mit einer Kundgebung, bevor sich der Zug in Bewegung setzte. Die Teilnehmer waren teilweise in historische Kostüme gekleidet, die an das Deutsche Kaiserreich erinnern sollten, und führten Trommeln sowie Flaggen vergangener Königreiche und Fürstentümer mit sich. Die Marschordnung war symbolisch an die 25 plus 1 Bundesstaaten des Deutschen Kaiserreichs von 1871 ausgerichtet, wobei das „Plus eins“ für das Gebiet Elsass-Lothringen stand. Die Gegendemonstranten, die unter dem Motto „Der Kaiser hat abgedankt, die Demokratie lebt!“ mobilisierten, blockierten am Nachmittag die vorgesehene Strecke. Da die Polizei die Blockade nicht gewaltsam auflöste, wurden die Reichsbürger aufgefordert, ihren Weg umzukehren. Eine Sprecherin des Bündnisses gegen Rechts betonte die Vielfalt und Buntheit des Protests. Auf Seiten der Sicherheitsbehörden waren neben Kräften des Polizeipräsidiums Südhessen auch die Bereitschaftspolizei sowie eine Polizeireiterstaffel im Einsatz, um die öffentliche Ordnung zu wahren. Trotz der Spannungen blieb die Lage unter Kontrolle, und es kam laut Polizeiangaben zu keinen Ausschreitungen.

Historische Hintergründe und die Wahl des Ortes

Die Wahl Darmstadts als Veranstaltungsort für dieses Treffen war keineswegs zufällig. Die Stadt fungierte im Deutschen Reich als Hauptstadt des Großherzogtums Hessen und nimmt daher innerhalb der ideologischen Konstrukte der Reichsbürger einen besonderen Stellenwert ein. Diese Bewegung, die die Bundesrepublik Deutschland und ihre demokratischen Institutionen ablehnt, beruft sich in ihrer Weltsicht auf das Deutsche Reich und wünscht sich die Verfassung von 1871 zurück. Die Veranstaltungsreihe hat eine längere Geschichte: Das erste Treffen dieser Art fand im Jahr 2023 in Magdeburg statt. Seitdem wanderte die Veranstaltung durch verschiedene deutsche Städte, darunter Dresden, Gera, München, Schwerin, Greiz, Karlsruhe, Braunschweig und Weimar. Die Teilnehmerzahlen variierten dabei in der Vergangenheit stark, wobei laut Berichten des Portals „Rhein-Main Rechtsaußen“ bei früheren Treffen zwischen 100 und 1.000 Personen anwesend waren. Die Veranstalter hatten für den aktuellen Termin in Darmstadt ursprünglich mit rund 1.500 Teilnehmern gerechnet, ein Ziel, das mit den tatsächlich erschienenen 200 Personen deutlich verfehlt wurde.

Die Rolle der Stadtpolitik und zivilgesellschaftlicher Akteure

Die Stadtpolitik in Darmstadt hatte sich bereits im Vorfeld des Treffens klar positioniert. In einer jüngsten Sitzung der Stadtverordnetenversammlung verabschiedeten sämtliche Fraktionen einstimmig eine Resolution, in der sie sich explizit von der Ideologie der Reichsbürger distanzierten. In dem Dokument wird Darmstadt als weltoffene, vielfältige und demokratische Stadt definiert. Die Fraktionen von Grünen, SPD, CDU, Linken, Volt, der Wählervereinigung „Uffbasse“, der Kommunalen Alternative Darmstadt und der FDP riefen ihre Bürger dazu auf, im persönlichen Umfeld, in Vereinen und Familien aktiv Position gegen die Reichsbürger-Ideologie zu beziehen. Diese breite politische Front unterstreicht den hohen Stellenwert, den die Stadtverwaltung der Verteidigung demokratischer Werte beimisst. Das Bündnis gegen Rechts fungierte als zentraler Organisator der Gegenproteste und mobilisierte erfolgreich eine breite Basis, die den Reichsbürgern den öffentlichen Raum nicht kampflos überlassen wollte. Die Zusammenarbeit zwischen zivilgesellschaftlichen Gruppen und der lokalen Politik war ein wesentlicher Faktor für die Sichtbarkeit des Protests.

Einordnung der Gefahr durch Experten

Der Reichsbürgerexperte Oliver Gottwald vom Demokratienetzwerk Hessen ordnet die Bewegung als rechtsextrem ein. Er begrüßt die klare Haltung der Darmstädter Stadtpolitik ausdrücklich. Seinen Ausführungen zufolge sei es essenziell, einer wehrhaften Demokratie entsprechend Grenzen aufzuzeigen. Gottwald warnt davor, die Reichsbürger aufgrund ihrer teils skurrilen Kostüme oder der Verwendung von Fantasieausweisen als harmlose Spinner abzutun. Vielmehr gehe von der Szene eine ernstzunehmende Gefahr aus. Er verweist dabei auf die Radikalisierung innerhalb der Bewegung, die sich unter anderem in den bewaffneten Umsturzplänen der Gruppe um Prinz Reuß oder in den Plänen zur Entführung des ehemaligen Gesundheitsministers Karl Lauterbach manifestiert habe. Die Ideologie der Reichsbürger bezeichnet Gottwald als zutiefst antisemitisch und verfassungsfeindlich. Sie verbreiten die Erzählung einer angeblichen jüdischen Weltverschwörung, die darauf abziele, das deutsche Volk klein zu halten. Auch wenn die einzelnen Teilnehmer des Darmstädter Treffens für sich genommen vielleicht nicht unmittelbar gewalttätig seien, diene die Veranstaltung der Propaganda und der Vernetzung innerhalb einer brandgefährlichen Szene.

Statistiken und Strukturen der Reichsbürger-Szene

Die Reichsbürger-Szene in Hessen ist nach Einschätzung des Verfassungsschutzes signifikant. Aktuell werden etwa 1.200 Personen direkt vom Verfassungsschutz beobachtet, wobei die tatsächliche Anzahl der Personen, die die Ideologie teilen, von Experten wie Gottwald auf etwa 3.000 geschätzt wird. Die Behörden stellen fest, dass sich die Angehörigen der Szene primär in kleineren Gruppen organisieren. Diese schließen sich häufig überregional zusammen oder bilden virtuelle Netzwerke, um ihre Propaganda zu verbreiten. Ein wesentlicher Faktor für das Wachstum der Szene in den vergangenen Jahren waren laut Verfassungsschutz die staatlichen Corona-Schutzmaßnahmen. Diese hätten zu einer erhöhten Dynamik und Aktivität in Teilen der Szene geführt, wobei sich Reichsbürger, die sich oft auch als „Selbstverwalter“ bezeichnen, zunehmend in verschwörungstheoretischen Kontexten bewegen. Die Ideologie überschneidet sich dabei häufig mit anderen rechtsextremen Strömungen. Die Weigerung, Steuern zu zahlen oder staatliche Institutionen anzuerkennen, ist ein zentraler Bestandteil ihres Selbstverständnisses, das den Rechtsstaat herausfordert.

Rechtliche Rahmenbedingungen und behördliche Hürden

Die Stadtverwaltung Darmstadt hatte im Vorfeld geprüft, ob ein Verbot der Versammlung rechtlich möglich wäre. Ordnungsdezernent Paul Wandrey (CDU) erläuterte jedoch, dass aufgrund der Tatsache, dass solche Zusammenkünfte in den vergangenen Jahren zumeist friedlich verlaufen seien, keine juristische Handhabe für ein generelles Verbot bestanden habe. Das Versammlungsrecht gilt in der Bundesrepublik als ein hohes Gut, das auch Gruppen zugestanden werden muss, die die demokratische Grundordnung ablehnen. Experte Gottwald stützt diese Einschätzung und betont, dass ein Verbot der falsche Weg wäre. Eine Demokratie müsse es aushalten, dass auch verfassungsfeindliche Gruppierungen ihre Meinung äußern, solange sie sich im Rahmen der Gesetze bewegen. Die Versammlungsbehörde und die Polizei waren dennoch mit einem starken Aufgebot vor Ort, um bei etwaigen strafbaren Handlungen unmittelbar einschreiten zu können. Diese Strategie der „beobachtenden Präsenz“ und der konsequenten Durchsetzung der öffentlichen Sicherheit bei Verstößen ist das Standardvorgehen bei derartigen Demonstrationen, um Eskalationen zu vermeiden.

Offene Fragen und zukünftige Entwicklungen

Obwohl das Treffen in Darmstadt friedlich endete, bleiben einige Fragen unbeantwortet. So ist zum jetzigen Zeitpunkt noch völlig unklar, wo das nächste Treffen der Reichsbürger stattfinden wird. Die Veranstalter haben hierzu keine Informationen veröffentlicht, und auch die Sicherheitsbehörden scheinen noch keine Erkenntnisse über den nächsten Austragungsort zu haben. Ebenso bleibt abzuwarten, wie sich die Szene nach dem deutlichen Zuspruchsverlust in Darmstadt weiterentwickeln wird. Ob die geringe Teilnehmerzahl ein einmaliges Ereignis war oder ob die Szene an Mobilisierungskraft verliert, lässt sich derzeit nicht seriös prognostizieren. Die Behörden werden die weitere Entwicklung innerhalb der Reichsbürger-Szene in Hessen und bundesweit weiterhin engmaschig beobachten. Die klare Positionierung der Darmstädter Zivilgesellschaft und der Politik könnte jedoch als Modell für andere Städte dienen, um dem Einfluss der Reichsbürger-Ideologie in der Öffentlichkeit wirksam entgegenzutreten. Die kommenden Monate werden zeigen, ob die Bewegung ihre Strategie der „Großen Treffen“ in dieser Form fortsetzen kann oder ob sie durch den wachsenden öffentlichen Widerstand in die Defensive gerät.

Quelle: https://www.hessenschau.de/panorama/deutlich-mehr-gegendemonstranten-als-reichsbuerger-in-darmstadt-v6,reichsbuerger-darmstadt-vor-100.html