Die Databroker Files: Ein Blick auf den Datenhandel
Hintergrund der Recherche
In den letzten Jahren haben Standortdaten von Smartphone-Nutzern zunehmend an Bedeutung gewonnen. Im c't-Datenschutz-Podcast berichten Ingo Dachwitz und Sebastian Meineck von netzpolitik.org über ihre umfangreiche Recherche zu den sogenannten „Databroker Files“. Das Team, unterstützt vom Bayerischen Rundfunk und internationalen Partnern, hat sich seit fast zwei Jahren mit dem Thema beschäftigt und dabei alarmierende Erkenntnisse gewonnen.
Milliarden Standortdaten im Fokus
Die Journalisten erhielten über die Plattform Datarade.ai Zugang zu kostenlosen „Probedatensätzen“ von Datenhändlern. Insgesamt handelt es sich um mehr als 13 Milliarden Standortdaten, die aus über 140 Ländern stammen. Besonders erschreckend ist, dass allein in einem deutschen Datensatz 3,6 Milliarden Standortpunkte zu rund elf Millionen Smartphones zugeordnet sind. Diese Masse an Daten wirft gravierende Fragen hinsichtlich des Datenschutzes und der Privatsphäre auf.
Methoden der Datenbeschaffung
Die gesammelten Daten stammen aus zwei Hauptquellen:
1. **Tracking-SDKs**: Diese werden von App-Entwicklern in ihre Anwendungen integriert, um Standortdaten zu erfassen.
2. **Echtzeit-Auktionssysteme für Online-Werbung**: Hierbei werden Daten in Echtzeit versteigert, was die Verbreitung und den Zugriff auf persönliche Informationen weiter erleichtert.
In einem Interview erläuterte Dachwitz, wie sie die Daten mithilfe eines Tools visualisieren konnten, das von BR-Datenjournalistin Katharina Brunner entwickelt wurde. Dadurch wurden Bewegungsmuster einzelner Personen über Wochen hinweg nachvollziehbar.
Anonymität in Gefahr
Obwohl die gesammelten Daten zunächst anonymisiert erscheinen, gelang es dem Team, einige dieser Daten Personen zuzuordnen. Dies geschah durch einfache Open Source Intelligence (OSINT)-Methoden, wie den Abgleich von Wohnadressen mit Klingelschildern und Telefonbüchern. Unter den identifizierten Personen waren hochrangige Beamte, Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes und sogar Soldaten auf US-Militärbasen.
Datenschutzrechtliche Bedenken
Die rechtlichen Implikationen dieser Praktiken sind besorgniserregend. Die Datenschutzbehörden in Deutschland sind sich einig, dass das Geschäftsmodell, das auf dem Verkauf von Standortdaten basiert, kaum zu rechtfertigen ist. Eine Einwilligung der Nutzer kann die komplexen Datenflüsse, die Hunderte von Unternehmen involvieren, nicht abbilden. Zudem wird argumentiert, dass ein berechtigtes Interesse für Werbe-Tracking nicht vorliegt.
Im Zuge der Recherche besuchten Datenschutzbehörden Anbieter wie die App Wetter Online und eine Dating-App, um die Datenflüsse zu überprüfen. Die Ergebnisse zeigten, dass tatsächlich präzise Standortdaten abflossen, was die Notwendigkeit einer stärkeren Regulierung unterstreicht.
Forderungen nach politischen Maßnahmen
Ingo Dachwitz fordert eine politische Debatte über den Umgang mit Standortdaten. Anstatt die Verantwortung ausschließlich auf die Nutzer abzuwälzen, sollten klare Verbote für bestimmte Datengeschäfte eingeführt werden. Plattformen wie Datarade sehen sich selbst nicht als Verantwortliche im Sinne der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO), da sie lediglich als Vermittler auftreten.
Maßnahmen zur eigenen Datensicherheit
Nutzer, die sich vor dem Missbrauch ihrer Daten schützen möchten, können verschiedene Schritte unternehmen:
- **Werbe-ID zurücksetzen oder deaktivieren**: Dies kann verhindern, dass individuelle Bewegungsprofile erstellt werden.
- **Standortzugriff nur bei aktiver Nutzung erlauben**: Apps sollten nur dann Zugriff auf Standortdaten erhalten, wenn sie aktiv verwendet werden.
- **Tracking ablehnen**: Bei der Installation von Apps sollte auf die Zustimmung zu Tracking-Funktionen verzichtet werden.
Zusätzlich stellt netzpolitik.org ein Tool zur Verfügung, mit dem die eigene Werbe-ID gegen den deutschen Datensatz abgeglichen werden kann. Dies ermöglicht Nutzern, einen Überblick über die potenziellen Risiken zu erhalten.
Ausblick und nächste Schritte
Die Diskussion um den Datenschutz und den Umgang mit Standortdaten ist aktueller denn je. Angesichts der alarmierenden Ergebnisse der Recherche wird deutlich, dass sowohl die Politik als auch die Gesellschaft gefordert sind, sich intensiver mit diesen Themen auseinanderzusetzen. Die kommenden Monate könnten entscheidend dafür sein, ob es zu einer Reform der bestehenden Regelungen kommt, die den Schutz der Privatsphäre der Nutzer besser gewährleistet.
Die Databroker Files sind ein eindringlicher Hinweis darauf, wie verletzlich persönliche Daten in der digitalen Welt sind und welche Verantwortung sowohl Anbieter als auch Nutzer tragen.