Ein halbes Jahrhundert Filmgeschichte im Wald
Das Open-Air-Filmfest in Weiterstadt, gelegen im Landkreis Darmstadt-Dieburg, begeht in diesem Jahr ein bedeutendes Jubiläum: Zum 50. Mal findet das Festival statt, das sich von einem kleinen Treffen filmbegeisterter Freunde zu einem überregional bekannten Ereignis entwickelt hat. Die Veranstaltung, die vom 13. bis zum 17. August 2026 terminiert ist, markiert einen Meilenstein in der kulturellen Landschaft Hessens. Während das Organisationsteam um Andreas Heidenreich mit Vorfreude auf die kommenden Tage blickt, ist die Stimmung in diesem Jahr von einer tiefen persönlichen Erschütterung geprägt. Im Januar dieses Jahres verstarb Jochen Pollitt, der Gründer und langjährige Motor des Festivals, nach einer langen Krankheit im Alter von 71 Jahren. Sein Fehlen hinterlässt eine Lücke, die das gesamte Team spürt. Dennoch ist der Wille groß, das Lebenswerk fortzuführen und die Tradition des Festivals, das einst im Wald begann, würdig zu feiern. Das Festivalgelände am Braunshardter Tännchen verwandelt sich erneut in einen Treffpunkt für tausende Besucher, die dort gemeinsam Filmkultur unter freiem Himmel erleben wollen.
Die Anfänge und der Wandel der Zeit
Die Ursprünge des Filmfests liegen im Jahr 1977, als sich eine kleine Gruppe von etwa 150 bis 200 Filmfreunden zusammenfand, um gemeinsam Filme zu schauen. Horst Dietz, einer der Mitgründer und heute 71 Jahre alt, erinnert sich lebhaft an diese Zeit. Damals war er Nachbar von Jochen Pollitt und ließ sich von dessen Leidenschaft für das Medium Film anstecken. Gemeinsam mit weiteren Gleichgesinnten beschlossen sie, das Festival ins Leben zu rufen. Ein prägendes Erlebnis der Anfangsjahre war der Konzertfilm "Pink Floyd live at Pompeii", der damals als krönender Abschluss gezeigt wurde. Die technische Infrastruktur war improvisiert: Das Gerüst für die Leinwand zimmerten die Organisatoren eigenhändig aus Holzlatten. Über die Jahrzehnte hat sich das Festival gewandelt. Was als kleine Zusammenkunft begann, zieht heute regelmäßig über 10.000 Besucherinnen und Besucher an. Während einige Weggefährten der ersten Stunde sich zurückgezogen haben, weil ihnen das Festival in seiner heutigen Größe nicht mehr zusagt, bleibt Horst Dietz dem Projekt treu. Er betont, dass das Festival für ihn eine Bedeutung hat, die über herkömmliche Feiertage hinausgeht.
Ein Programm für Filmbegeisterte
Das diesjährige Programm umfasst weit über 200 Kurzfilme, unter denen sich auch zahlreiche Super-8-Produktionen befinden. Das Herzstück des Festivals bleibt die große Leinwand am Grillplatz im Braunshardter Tännchen. Ergänzt wird das Angebot durch Vorführungen in einem benachbarten Zirkuszelt sowie im Kommunalen Kino der Stadt Weiterstadt. Neben der reinen Filmvorführung bietet das Festival ein Rahmenprogramm mit Workshops, Angeboten für Kinder und Live-Musik. Auch für das leibliche Wohl ist durch Getränke- und Grillstände gesorgt. Ein besonderes Highlight zum 50. Jubiläum ist die zweiteilige 35mm-Retrospektive mit dem Titel "50 Jahre Weiterstadt", die jeweils in den Nächten von Freitag auf Samstag sowie von Samstag auf Sonntag nach Mitternacht gezeigt wird. Die Eröffnung findet am Donnerstag um 20 Uhr mit Live-Musik statt. Das Festival versteht sich dabei als niederschwelliges Angebot, da der Eintritt für die Besucherinnen und Besucher frei ist, was laut den Organisatoren maßgeblich zum Erfolg und zur breiten gesellschaftlichen Akzeptanz beiträgt.
Die Akteure hinter den Kulissen
Die Organisation des Festivals hat sich über die Jahre professionalisiert. Während anfangs eine Gruppe ehrenamtlicher Filmfreunde die Arbeit stemmte, wurde im vergangenen Jahr der Verein "Film- und Kinokultur Weiterstadt" gegründet. In diesem sind sowohl ehrenamtliche Helfer als auch einige wenige hauptamtliche Mitarbeiter organisiert. Andreas Heidenreich, der seit 35 Jahren Teil des Teams ist, fungiert heute als einer der zentralen Köpfe. Er betont die Bedeutung des Erbes von Jochen Pollitt, der nicht nur das Filmfest gründete, sondern auch vor 30 Jahren das Queer Filmfest ins Leben rief und das Kommunale Kino betrieb. Auch Horst Dietz bleibt trotz seines Alters aktiv: Er kümmert sich um die Verpflichtung der Bands und fertigt die Trophäen an, darunter den ikonischen Film-Hirsch, der seit fast 30 Jahren das Markenzeichen des Festivals darstellt. Die Zusammenarbeit zwischen den langjährigen Urgesteinen und dem restlichen Team stellt sicher, dass die organisatorische Last auf vielen Schultern verteilt wird, während der Geist der Anfangsjahre bewahrt bleibt.
Ein Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen
Ein interessanter Aspekt des Weiterstädter Filmfests ist die inhaltliche Entwicklung der gezeigten Werke. Während in den Anfangsjahren oder in den folgenden Jahrzehnten Filme über die Startbahn West und andere lokal oder zeitkritisch relevante Themen dominierten, hat sich der Fokus heute verschoben. Laut Andreas Heidenreich spiegeln die Kurzfilme aktuelle globale Herausforderungen wider. Themen wie Migration und der Klimawandel nehmen einen breiten Raum ein. So wird in diesem Jahr beispielsweise ein Film über Abschiebungen in den USA gezeigt. Diese inhaltliche Ausrichtung unterstreicht den Anspruch des Festivals, mehr als nur Unterhaltung zu bieten. Es dient als Plattform für gesellschaftliche Auseinandersetzungen. Die Besonderheit liegt laut Heidenreich und Dietz in der Zusammensetzung des Publikums. Es sind nicht nur Experten für experimentelle Filme vor Ort, sondern ein Querschnitt der Gesellschaft. Dies bietet den Filmemachern die Möglichkeit, unmittelbare und lebensnahe Reaktionen auf ihre Werke zu erhalten, anstatt nur Feedback von einer eng gefassten Zielgruppe zu bekommen.
Internationale Strahlkraft und lokale Verwurzelung
Was als lokales Ereignis begann, hat sich zu einem international anerkannten Kurzfilm-Highlight entwickelt. Gäste aus zahlreichen Ländern, darunter Mexiko, die USA, Ungarn, Schweden, Frankreich, die Schweiz, Österreich und England, reisen an, um ihre Filme zu präsentieren oder am Festival teilzunehmen. Diese internationale Vernetzung ist ein Beleg für die Reputation, die sich das Weiterstädter Team über ein halbes Jahrhundert erarbeitet hat. Dennoch bleibt die lokale Verwurzelung am Braunshardter Tännchen essenziell. Die Atmosphäre unter den Bäumen, die Kombination aus Filmkunst und geselligem Beisammensein bei Bier und Gegrilltem, schafft einen Rahmen, den die Besucher schätzen. Die Unterstützung durch die Stadt Weiterstadt, die hessische Filmförderung sowie zahlreiche Sponsoren ermöglicht es, diese Kulturveranstaltung in dieser Form aufrechtzuerhalten. Es ist eine Symbiose aus ehrenamtlichem Engagement und professioneller Struktur, die das Weiterstädter Modell so erfolgreich macht, auch wenn die Herausforderungen durch die Größe des Festivals stetig wachsen.
Offene Fragen und Prognosen
Obwohl das Programm für das Jubiläumsjahr feststeht, gibt es einige Unsicherheiten bezüglich des Zuspruchs. Andreas Heidenreich weist darauf hin, dass das Festival in diesem Jahr außerhalb der üblichen Ferienzeit liegt, was eine verlässliche Prognose der Besucherzahlen erschwert. In den vergangenen Jahren lag die Zahl der Gäste regelmäßig bei über 10.000. Ob dieser Wert auch in diesem Jahr erreicht wird, bleibt abzuwarten. Zudem stellt sich die Frage, wie sich das Festival langfristig ohne die prägende Figur Jochen Pollitt weiterentwickeln wird. Zwar betont Heidenreich, dass das Team entschlossen ist, das Werk fortzuführen, doch der Verlust des Gründers markiert zwangsläufig einen Wendepunkt. Auch die langfristige Finanzierung und die Gewinnung neuer ehrenamtlicher Helfer, um die professionelle Struktur des Vereins "Film- und Kinokultur Weiterstadt" aufrechtzuerhalten, sind Themen, die über das Jubiläum hinaus von Bedeutung bleiben. Der Quelltext bietet hierzu keine detaillierten Strategiepapiere, sondern verweist lediglich auf die aktuelle Entschlossenheit der Organisatoren.
Ausblick auf die kommenden Tage
Die unmittelbare Zukunft des Festivals ist durch den Zeitplan vom 13. bis zum 17. August 2026 definiert. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren, wobei Horst Dietz bereits Tage vor dem offiziellen Beginn mit seinem Camper das Lager am Tännchen aufgeschlagen hat. Für die Organisatoren ist das Jubiläum auch ein Moment des Gedenkens. In einigen der gezeigten Filme wird Jochen Pollitt präsent sein, zudem ist geplant, dass sich alte Freunde und Weggefährten treffen, um Geschichten aus fünf Jahrzehnten auszutauschen. Das Festival versteht sich somit auch als eine Art Familienzusammenkunft der Filmwelt. Nach dem Abschluss der Veranstaltung am 17. August wird das Team eine Bilanz ziehen, um die Weichen für die Zukunft zu stellen. Die Internetseite des Filmfests dient als zentrale Anlaufstelle für aktuelle Informationen und das detaillierte Programm. Trotz der Trauer über den Verlust des Gründers überwiegt bei den Beteiligten die Freude, das 50-jährige Bestehen gemeinsam mit dem Publikum feiern zu können.