Ein ungewöhnliches Hindernis für die Energiewende
Das Greenlink-Interconnector-Projekt, ein ambitioniertes Vorhaben zur Verbindung der Stromnetze von Irland und dem Vereinigten Königreich, sah sich mit einer unerwarteten Herausforderung konfrontiert. Während bei derartigen Infrastrukturprojekten üblicherweise geologische Gegebenheiten oder Naturschutzauflagen die Routenplanung bestimmen, war es in diesem Fall eine kulturelle Besonderheit, die für Aufsehen sorgte: das Grab des Hauselfen Dobby aus der Harry-Potter-Reihe.
Die geplante Trasse des 430 Millionen Pfund (etwa 467 Millionen Euro) teuren Unterseekabels hätte den Strand Freshwater West in Wales gequert. Dieser Ort ist für Fans der Fantasy-Saga zu einer inoffiziellen Pilgerstätte geworden, an der sie Dobby gedenken. Obwohl die Eigentümer des Strandabschnitts die Errichtung der Gedenkstätte mehrfach kritisierten, hat sich dort über die Jahre eine Ansammlung von hunderten, teils beschrifteten Kieselsteinen gebildet, die in sozialen Netzwerken wie Reddit regelmäßig geteilt wird.
Der öffentliche Druck auf das Projektmanagement
Die Intervention der Fans erreichte das Projektbüro auf ungewöhnlichem Wege. Nachdem das Thema in einem BBC-Interview zur Sprache kam, gingen beim Projektmanagement zahlreiche Anrufe ein. Simon Ludlam, der für das Projekt verantwortliche Manager, berichtete gegenüber dem Guardian von einem denkwürdigen Gespräch mit einem Support-Mitarbeiter. Dieser habe ihn eindringlich darauf hingewiesen, dass die Kabelverlegung das Grab der beliebten Romanfigur zerstören würde.
Ludlams erste Reaktion war von Skepsis geprägt: Er hinterfragte die Ernsthaftigkeit der Forderung, da es sich bei Dobby um eine rein fiktive Figur handele. Doch die Hartnäckigkeit der Anrufer und die öffentliche Resonanz führten dazu, dass das Unternehmen die geplante Route tatsächlich anpasste, um die Pilgerstätte nicht zu beeinträchtigen.
Archäologische Konsequenzen der Umplanung
Die Entscheidung, die Trasse zu verschieben, um den Wünschen der Harry-Potter-Community nachzukommen, blieb jedoch nicht ohne Folgen für die historische Substanz vor Ort. Wie Ludlam einräumte, führte die neue Streckenführung nun zwangsläufig an einer anderen Stelle vorbei, die archäologisch deutlich bedeutsamer ist als die fiktive Grabstätte.
Bei den Bauarbeiten stieß man in der Nähe der neuen Route auf Überreste aus der Bronzezeit, darunter ein Grab mit menschlichen Skeletten. Während die Harry-Potter-Fans ihr Ziel erreicht haben und die Gedenkstätte am Freshwater-West-Strand unangetastet bleibt, stellt sich nun die Frage nach der Gewichtung von popkulturellen Interessen gegenüber dem Schutz realer historischer Zeugnisse. Der Greenlink Interconnector, der künftig 500 Megawatt Leistung über eine Strecke von 190 Kilometern transportieren soll, verdeutlicht damit unfreiwillig die komplexen Spannungsfelder, in denen sich moderne Infrastrukturprojekte bewegen.
Die weitere Entwicklung des Projekts wird zeigen, wie die Verantwortlichen mit der archäologischen Fundstelle verfahren. Für die Fans der Harry-Potter-Reihe bleibt der Strand ein Ort der Erinnerung, während das Projektmanagement den Fokus nun wieder auf die technische Fertigstellung der Verbindung zwischen den beiden Inselstaaten richtet.