Strategien gegen den Extremismus
Nach dem mutmaßlich islamistischen Anschlag auf den CSD in Berlin ist die Debatte über effektive Präventionsmaßnahmen neu entbrannt. Während Forderungen nach härteren Konsequenzen laut werden, rückt die Arbeit von Organisationen wie dem Violence Prevention Network (VPN) in den Fokus. Deradikalisierung ist ein langwieriger Prozess, der darauf abzielt, junge Menschen aus extremistischen Strukturen zu lösen, bevor es zu Gewalttaten kommt.
Die Wurzeln der Radikalisierung
Entgegen der verbreiteten Annahme beginnt Radikalisierung selten mit einem direkten Aufruf zur Gewalt. Vielmehr setzen islamistische Akteure – sowohl in Moscheen als auch über soziale Medien – bei den persönlichen Problemen der Jugendlichen an. Experten wie der Deradikalisierungsberater Samet Er beobachten, dass gezielt Gefühle von Ausgrenzung und mangelnder Zugehörigkeit instrumentalisiert werden. Die Botschaft der Extremisten ist dabei oft simpel: Sie suggerieren den Jugendlichen, dass die Gesellschaft sie ablehne und sie als Opfer einer feindseligen Umgebung agieren müssten.
Dieser Einstieg erfolgt oft schleichend. Was zunächst harmlos wirkt, etwa durch Koran-Verteilaktionen, kann den ersten Schritt in eine radikale Parallelwelt darstellen. Faktoren, die diesen Prozess begünstigen, sind laut Bettina Rommelfanger von der Stabsstelle konex des Landeskriminalamts Baden-Württemberg vielfältig:
* Diskriminierungserfahrungen und Mobbing
* Mangelnder familiärer Zusammenhalt
* Einfluss durch Online-Medien
* Fehlende soziale Zugehörigkeit
Der Weg aus dem Milieu: Vertrauen als Basis
Die Arbeit mit gefährdeten Personen erfordert vor allem eines: Zeit. Deradikalisierung basiert auf dem Aufbau von Vertrauen. Berater wie Samet Er führen über Monate oder sogar Jahre hinweg Gespräche, um die Biografie der Klienten zu verstehen. Da die Radikalisierung oft in persönlichen Erlebnissen von Benachteiligung wurzelt, ist die Aufarbeitung dieser Lebensgeschichte der entscheidende Schlüssel für einen Ausstieg.
In der Arbeit mit Straftätern im Justizvollzug geht es nicht darum, begangene Taten zu relativieren. Die Berater machen unmissverständlich klar, dass Gewalt inakzeptabel ist. Gleichzeitig ist die Vorbereitung auf die Zeit nach der Haft von zentraler Bedeutung. Viele Betroffene stehen vor der Frage, wer sie nach ihrer Entlassung unterstützt. Bleibt diese Perspektive aus, besteht die Gefahr, dass sich negative Gefühle erneut hochschaukeln.
Strukturelle Sicherheitslücken schließen
Die Zeit unmittelbar nach der Haftentlassung gilt als besonders kritisch. Experten wie Samet Er sehen hier eine strukturelle Sicherheitslücke. Um das Risiko zu minimieren, sei eine engere Verzahnung zwischen Sicherheitsbehörden, Justizvollzugsanstalten und zivilgesellschaftlichen Organisationen notwendig.
Ein Beispiel für die Herausforderungen der Prävention ist der Fall des mutmaßlichen CSD-Attentäters Abdul B. Obwohl er polizeilich bekannt war und die Auflage hatte, an einem Deradikalisierungsprogramm teilzunehmen, kam es zu keiner tatsächlichen Maßnahme. Solche Fälle verdeutlichen, dass Angebote zur Deradikalisierung nur dann greifen können, wenn sie konsequent umgesetzt und in ein engmaschiges Betreuungsnetz eingebettet werden.
Die Präventionsarbeit bleibt trotz Rückschlägen eine wesentliche Aufgabe. Das Ziel ist es, junge Menschen nicht vorschnell aufzugeben, sondern ihnen dauerhafte Wege aus dem extremistischen Milieu aufzuzeigen.