Ein Neuanfang unter schwierigen Vorzeichen
Der Kieler Tatort hat eine Zäsur hinter sich: Nach dem Abschied des langjährigen Ermittlers Klaus Borowski steht die Mordkommission an der Förde vor einer personellen und strukturellen Neuorientierung. Der aktuelle Fall, der unter dem Titel „Unter Feinden“ ausgestrahlt wird, fungiert dabei als direkter Nachfolger der Episode „Unter Freunden“. Die Handlung knüpft unmittelbar an die tragischen Ereignisse der vorangegangenen Woche an. Im Zentrum steht die Kommissarin Mila Şahin, verkörpert von Almila Bağrıaçık, die den gewaltsamen Tod ihrer engen Freundin Anna Novak verarbeiten muss. Anna, die erst kürzlich von Berlin nach Kiel gezogen war, wurde im Zuge der Ermittlungen gegen das Unternehmen Prometheus ermordet. Für Şahin ist dieser Verlust nicht nur ein beruflicher Rückschlag, sondern eine persönliche Katastrophe, die sie zu einem kompromisslosen Rachefeldzug antreibt. Sie ist fest entschlossen, den Mörder ihrer Freundin zu identifizieren und zur Rechenschaft zu ziehen. Dabei bewegt sie sich in einem Umfeld, das von Korruption und kriminellen Machenschaften durchzogen ist. Die Kieler Mordkommission agiert in diesem Szenario unter einem enormen Druck, da sie nicht nur gegen ein mächtiges Unternehmen für optische Weltraumtechnik ermittelt, sondern auch innerhalb der eigenen Reihen mit Verrat und Feindseligkeiten konfrontiert wird. Der Film zeichnet das Bild einer Ermittlerin, die an ihre emotionalen Grenzen stößt, während sie versucht, Gerechtigkeit für eine Verstorbene zu finden, die ihr sehr nahestand.
Detailreiche Einblicke in ein Netz aus Lügen
Die Handlung von „Unter Feinden“ vertieft die im Vorgängerfilm etablierten Ereignisse und liefert dem Zuschauer wichtige Puzzleteile, die den Ermittlern zunächst verborgen bleiben. Besonders die Szene des Mordes an Anna Novak wird in dieser Episode detaillierter beleuchtet. Es wird offenbart, dass der korrupte Polizeikollege Jan Kuper, gespielt von Sven Schelker, Anna gezielt Heroin anstelle von Kokain verabreichte, um sie auszuschalten. Ein entscheidendes neues Element ist die Präsenz eines kleinen Jungen, der den Mord beobachtet hat. Kuper, der später behauptet, niemals am Tatort gewesen zu sein, verrät sich durch sein Wissen über die Identität dieses anonymen Zeugen. Währenddessen gerät das Unternehmen Prometheus unter Druck. Die Chefin des Konzerns versucht, die kriminellen Geschäfte zu vertuschen, und gibt sich nach außen hin gelassen, während die Ermittlungen der Polizei immer näher an den Kern des Unternehmens heranrücken. Ein weiterer Handlungsstrang führt die italienische Mafia nach Kiel, die dort ihr in Geldwäsche investiertes Vermögen einfordern will. In einer besonders drastischen Szene wird die Kaltblütigkeit der Mafia verdeutlicht, als ein Mörder von seinen eigenen Komplizen erdrosselt wird, während der Mafiaboss ungerührt sein Weinglas zum Mund führt. Diese Details unterstreichen die gefährliche Atmosphäre, in der sich Mila Şahin bewegen muss, während sie versucht, den Fall aufzuklären und gleichzeitig ihre eigene Integrität in einer von Misstrauen geprägten Dienststelle zu wahren.
Die Vorgeschichte und der Wandel in Kiel
Die aktuelle Entwicklung in Kiel ist das Ergebnis einer längeren Geschichte, die durch den Wechsel der Ermittlerpersönlichkeiten geprägt ist. Klaus Borowski hatte über Jahre hinweg verschiedene Partnerinnen an seiner Seite, darunter die Psychologin Frieda Jung und die Kollegin Sarah Brandt. Mila Şahin war die letzte Partnerin an Borowskis Seite, bevor dieser die Kieler Mordkommission verließ. Mit dem Ausscheiden Borowskis ergab sich die Notwendigkeit, eine neue Dynamik innerhalb der Ermittlungsbehörde zu etablieren. Die aktuelle Erzählung zielt darauf ab, eine neue Ermittlerinnengemeinschaft zu formen, die vierte in der Geschichte des Kieler Tatorts. Dieser Übergang ist jedoch mit erheblichen Spannungen verbunden. Mila Şahin ist nicht nur mit dem Verlust ihrer Freundin beschäftigt, sondern muss sich auch mit ihrem neuen Vorgesetzten Robert Iwersen, gespielt von Yorck Dippe, auseinandersetzen, der privat ebenfalls in den Fall verstrickt ist. Zudem belastet sie das Verhältnis zur Polizeipsychologin Elli Krieger, gespielt von Karoline Schuch. Şahin wirft Krieger vor, von Annas Drogensucht gewusst, ihr aber dieses Wissen vorenthalten zu haben. Diese Vorgeschichte aus der Zeit vor und während des Mordes an Anna bildet den emotionalen Nährboden für die Konflikte, die nun in „Unter Feinden“ offen ausgetragen werden. Die Serie versucht, durch diese Reibungen zwischen den beiden Frauen eine neue, produktive Zusammenarbeit zu begründen, die auf den Gegensätzen ihrer Charaktere aufbaut.
Die Akteure im Spannungsfeld der Ermittlungen
Im Zentrum der Handlung stehen Personen, deren Rollen und Motive das Geschehen maßgeblich beeinflussen. Mila Şahin ist die treibende Kraft, deren impulsive Art im starken Kontrast zur kühlen, analytischen Herangehensweise der Polizeipsychologin Elli Krieger steht. Beide Frauen befinden sich in einer Phase der gegenseitigen Annäherung, die durch die gemeinsamen Ermittlungen erzwungen wird. Robert Iwersen, der neue Vorgesetzte, nimmt eine ambivalente Rolle ein; seine private Involvierung in den Fall macht ihn zu einem schwierigen Partner für Şahin. Auf der Gegenseite steht Jan Kuper, der als korrupter Polizist das Bindeglied zwischen der Polizei und den kriminellen Strukturen des Unternehmens Prometheus darstellt. Die Geschäftsführung von Prometheus, vertreten durch die Firmeninhaberin, versucht mit allen Mitteln, den Status quo zu bewahren. Hinzu kommen die Akteure der italienischen Mafia, namentlich Luca Pelosi, die als externe Bedrohung das ohnehin fragile Gleichgewicht in Kiel weiter destabilisieren. Die institutionelle Ebene wird durch die Kieler Mordkommission repräsentiert, die nach dem Abgang Borowskis versucht, ihre Arbeitsfähigkeit unter Beweis zu stellen. Die Interaktionen zwischen diesen Akteuren sind geprägt von Misstrauen, verdeckten Absichten und dem ständigen Ringen um die Deutungshoheit über die laufenden Ermittlungen, wobei jeder Charakter seine eigenen Ziele verfolgt.
Einordnung der neuen Ermittlerkonstellation
Einzuordnen ist das Geschehen als Versuch der Produktion, eine neue Ära für den Kieler Standort einzuleiten. Den Berichten zufolge ist das Ziel der Urheber, das Knirschen zwischen den beiden Frauen – der impulsiven Şahin und der distanzierten Krieger – als konstruktives Element für die künftige Ermittlungsarbeit zu nutzen. Diese klassische Dramaturgie, bei der aus Gegensätzen Erfolg erwächst, wirkt im vorliegenden Film jedoch teilweise forciert. Die schiere Aggressivität, die Şahin gegenüber Krieger und Iwersen an den Tag legt, erscheint aufgrund ihrer tiefen emotionalen Involvierung in den Fall zwar psychologisch nachvollziehbar, schwächt aber stellenweise die Glaubwürdigkeit der professionellen Zusammenarbeit. Der Film unter der Regie von Lars Kraume ist handwerklich stimmig und bietet ein packendes Finale, neigt jedoch dazu, die Verhältnisse überdeutlich darzustellen. Die Darstellung der Mafia-Aktivitäten wirkt bisweilen unfreiwillig komisch, da die Inszenierung der Gewalt zu stark auf Klischees setzt. Die Einordnung der neuen Ermittlerkonstellation zeigt, dass die Serie zwar das Potenzial für eine neue Dynamik besitzt, die Umsetzung aber noch an einer gewissen Überzeichnung leidet. Dennoch gelingt es dem Film, die Notwendigkeit der Zusammenarbeit zwischen Şahin und Krieger zu etablieren, was einen soliden Grundstein für zukünftige Episoden legt, auch wenn der Zuschauer sich mehr subtile Rätsel statt einer so offensichtlichen Erzählweise wünschen würde.
Offene Fragen und der Blick in die Zukunft
Der vorliegende Quelltext lässt einige Fragen unbeantwortet, die für das Verständnis des Gesamtbildes von Bedeutung wären. So bleibt unklar, wie genau die private Verstrickung des Vorgesetzten Robert Iwersen in den Fall Prometheus aussieht und welche Konsequenzen dies für seine berufliche Zukunft haben wird. Auch die Identität des kleinen Jungen, der als Zeuge des Mordes an Anna Novak fungierte, wird nicht weiter spezifiziert, ebenso wenig wie sein weiteres Schicksal oder seine Rolle als potenzieller Belastungszeuge. Zudem bleibt offen, wie die interne Aufarbeitung der Korruption innerhalb der Kieler Polizei nach dem Verrat durch Jan Kuper aussehen wird. Die strukturellen Folgen für das Unternehmen Prometheus sind ebenfalls nur angedeutet. Wie es weitergeht, ist jedoch bereits in Ansätzen erkennbar: Der Film endet mit einem Ausblick auf einen neuen Fall, der sowohl Şahin als auch Krieger interessiert. Dabei geht es um eine Tochter, die ihre Mutter ermordet hat, um dem Vater näher zu sein. Diese Ankündigung signalisiert, dass die Zusammenarbeit der beiden Frauen trotz der anfänglichen Spannungen fortgesetzt wird. Die Zuschauer können sich also auf eine Fortführung der Ermittlergemeinschaft einstellen, bei der die psychologische Komponente und die persönliche Involvierung der Kommissarin weiterhin eine zentrale Rolle spielen werden, während sich das Duo langsam zusammenrauft.