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"Systematische Regierungskrise" - Ukraine: Entlassener Verteidigungsminister Fedorow fordert Neuwahlen auch zu Kriegszeiten
Politik · 19.08.2026 08:00

"Systematische Regierungskrise" - Ukraine: Entlassener Verteidigungsminister Fedorow fordert Neuwahlen auch zu Kriegszeiten

Kurz: Der entlassene ukrainische Verteidigungsminister Fedorow fordert trotz des andauernden Krieges Neuwahlen und warnt vor einer systemischen Regierungskrise in Kie

Eine politische Zäsur: Forderung nach Urnengängen trotz Krieg

In einer bemerkenswerten politischen Äußerung hat sich der ehemalige ukrainische Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow für die Durchführung von Neuwahlen ausgesprochen, obwohl sich das Land weiterhin in einem intensiven Abwehrkampf gegen die russische Invasion befindet. Der 35-Jährige, der erst kürzlich aus seinem Regierungsamt entlassen wurde, argumentiert, dass die demokratische Substanz des Staates nicht durch die äußere Bedrohung durch Russland als Geisel genommen werden dürfe. Seiner Auffassung nach ist es zwingend erforderlich, dass der ukrainische Staat einen rechtssicheren, sicheren und vor allem realistischen Mechanismus entwickelt, um den Bürgerinnen und Bürgern trotz der anhaltenden Kampfhandlungen die Ausübung ihres Wahlrechts zu ermöglichen. Mit dieser Forderung bricht Fedorow ein in der ukrainischen Politik bisher geltendes Tabu, da Wahlen während des geltenden Ausnahmezustands und der kriegsbedingten Einschränkungen gesetzlich untersagt sind. Er ist damit der erste hochrangige Akteur auf der politischen Bühne der Ukraine, der eine solche Forderung öffentlich formuliert und damit eine Debatte über die demokratische Legitimität der aktuellen Regierungsführung anstößt.

Hintergründe der Entlassung und der politische Richtungsstreit

Die politische Laufbahn von Mychajlo Fedorow als Verteidigungsminister endete am 15. Juli nach einer Amtszeit von lediglich sechs Monaten. Sein Ausscheiden war das Resultat einer weitreichenden Regierungsumbildung, die maßgeblich von Präsident Wolodymyr Selenskyj vorangetrieben wurde. Den Berichten zufolge lag der Ursache für diesen personellen Wechsel ein tiefgreifender Richtungsstreit innerhalb der ukrainischen Führungsebene zugrunde, der die strategische Ausrichtung der Kriegsführung betraf. Fedorow galt in der öffentlichen Wahrnehmung als ein zentrales Gesicht für die notwendige Modernisierung der ukrainischen Streitkräfte, die seit Jahren unter einer schwerfälligen Bürokratie und wiederkehrenden Korruptionsvorwürfen leiden. Sein Abgang blieb nicht ohne Folgen: Die Entscheidung löste in der ukrainischen Bevölkerung erhebliche Unruhe aus, die sich in tagelangen Protesten manifestierte. Allein in der Hauptstadt Kiew versammelten sich tausende Menschen, um gegen die Entlassung zu demonstrieren und die Wiedereinsetzung des Ministers zu fordern. Fedorow selbst hatte nach seinem Ausscheiden den Wunsch geäußert, in sein früheres Amt zurückzukehren, was die aktuelle politische Spannung weiter verschärft.

Die systemische Krise und das Ringen um die Nachfolge

Fedorow charakterisiert die aktuelle Lage in Kiew explizit als eine "systemische Regierungskrise". Diese Einschätzung untermauerte er mit einer Videobotschaft, die als direkte Reaktion auf die jüngsten Entwicklungen im Parlament zu verstehen ist. Am Dienstag hatte Präsident Selenskyj offiziell die Kandidatur des bisherigen kommissarischen Verteidigungsministers Chmara eingereicht, um die durch Fedorows Abgang entstandene Vakanz dauerhaft zu besetzen. Die Nominierung Chmaras durch den Präsidenten signalisiert den endgültigen Bruch mit dem Kurs des ehemaligen Ministers. Beobachter werten die Videobotschaft Fedorows als einen Versuch, seine politische Relevanz zu sichern und gleichzeitig den Druck auf das amtierende Staatsoberhaupt zu erhöhen. Mit seinem Alter von 35 Jahren erfüllt Fedorow nun zudem das verfassungsrechtlich vorgeschriebene Mindestalter, um selbst als Präsidentschaftskandidat anzutreten, was seiner Forderung nach Neuwahlen eine zusätzliche, persönliche politische Dimension verleiht. Die Dynamik zwischen dem ehemaligen Minister und der aktuellen Regierungsspitze verdeutlicht die Risse, die sich durch das politische Establishment ziehen, während das Land seit nunmehr knapp viereinhalb Jahren gegen die russische Aggression kämpft.

Einordnung der Forderung im Kontext des Ausnahmezustands

Einzuordnen ist das Vorhaben Fedorows als ein Novum in der ukrainischen Kriegsgeschichte. Bislang waren reguläre Präsidentschafts-, Parlaments- und Kommunalwahlen aufgrund der Sicherheitslage und der gesetzlichen Bestimmungen, die in Kriegszeiten keine Urnengänge vorsehen, konsequent ausgesetzt worden. Die Forderung Fedorows stellt somit einen direkten Angriff auf die bisherige Praxis der ukrainischen Führung dar, die Stabilität und die Einheit des Staates über den demokratischen Wettbewerb zu stellen. Während Befürworter der aktuellen Linie argumentieren, dass Wahlen unter den Bedingungen eines aktiven Krieges logistisch unmöglich und sicherheitspolitisch unverantwortlich seien, deutet Fedorow an, dass das Ausbleiben demokratischer Prozesse langfristig die politische Stabilität gefährden könnte. Es ist festzuhalten, dass Fedorow mit seiner Kritik an der "systemischen Krise" eine Debatte über die Balance zwischen notwendiger autoritärer Führung im Krieg und dem Erhalt demokratischer Institutionen erzwingt, die bisher in der ukrainischen Öffentlichkeit kaum in dieser Deutlichkeit geführt wurde.

Offene Fragen und der weitere Ausblick

Der vorliegende Sachverhalt lässt eine Reihe wesentlicher Fragen unbeantwortet, die für die zukünftige Entwicklung von entscheidender Bedeutung sind. So bleibt vollkommen unklar, wie genau ein "realistischer Mechanismus" für Wahlen unter den Bedingungen eines anhaltenden russischen Angriffskrieges aussehen könnte, insbesondere in den umkämpften oder besetzten Gebieten. Ebenso wenig ist geklärt, wie das ukrainische Parlament auf die Forderung nach einer Gesetzesänderung reagieren wird, um die bestehenden Verbote für Wahlen in Kriegszeiten aufzuheben. Auch die konkreten Auswirkungen der Proteste auf die Entscheidungsgewalt des Präsidenten bleiben offen; ob der öffentliche Druck zu einer Kurskorrektur führen kann oder ob die Regierung an der Nominierung Chmaras festhält, ist noch nicht absehbar. Die nächsten Schritte hängen nun maßgeblich von der parlamentarischen Behandlung der Personalie Chmara ab. Ein fester Termin für eine mögliche Debatte über die Wahlrechtsreform wurde nicht genannt. Es bleibt abzuwarten, ob Fedorows Vorstoß lediglich eine isolierte Einzelmeinung bleibt oder ob er eine breitere politische Bewegung initiiert, die die ukrainische Regierung zu einer grundlegenden Überprüfung ihrer demokratischen Strategie in Zeiten des Krieges zwingt.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/stadt-strasse-gebaude-fahnen-11421251/ · Foto: Mathias Reding
Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/ukraine-entlassener-verteidigungsminister-fedorow-fordert-neuwahlen-auch-zu-kriegszeiten-100.html