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Städtetag fordert Pflegevollversicherung zur Entlastung der Kommunen
Schlagzeilen · 21.08.2026 09:22

Städtetag fordert Pflegevollversicherung zur Entlastung der Kommunen

Kurz: Der Deutsche Städtetag fordert eine Pflegevollversicherung, um Kommunen finanziell zu entlasten und Senioren vor dem Gang zum Sozialamt zu bewahren.

Was geschehen ist – die Kernmeldung

Der Deutsche Städtetag hat eine grundlegende Reform der Pflegeversicherung gefordert und plädiert dabei für den Umbau zu einer Vollversicherung. Diese Forderung wurde von Städtetagspräsident Burkhard Jung, der gleichzeitig das Amt des Oberbürgermeisters von Leipzig bekleidet, in einem Gespräch mit der Neuen Osnabrücker Zeitung öffentlich gemacht. Der Kern des Anliegens besteht darin, die finanzielle Belastung der Kommunen massiv zu reduzieren, die derzeit in vielen Fällen einspringen müssen, wenn pflegebedürftige Senioren die Kosten für einen Heimplatz nicht mehr aus eigener Kraft decken können. Jung argumentiert, dass es ein unhaltbarer Zustand sei, wenn das Sozialamt zur Regelfinanzierung der Pflege werde. Durch die Umstellung auf eine Vollversicherung soll sichergestellt werden, dass Menschen, die ein Leben lang gearbeitet haben, nicht aufgrund von Pflegekosten in die Abhängigkeit von Sozialhilfeleistungen geraten. Die Forderung zielt darauf ab, die kommunalen Haushalte, die nach Angaben des Städtetags jährlich mit einem Defizit von 30 Milliarden Euro konfrontiert sind, spürbar zu entlasten. Die Debatte findet vor dem Hintergrund einer bereits angekündigten Pflegereform der Bundesregierung statt, die für den kommenden Herbst auf der politischen Agenda steht.

Die Einzelheiten der Forderung

Die von Burkhard Jung vorgebrachten Argumente stützen sich auf eine alarmierende finanzielle Situation in den Städten und Gemeinden. Als anschauliches Beispiel führt er seine Heimatstadt Leipzig an, wo die Ausgaben für die sogenannte „Hilfe zur Pflege“ innerhalb eines Zeitraums von nur fünf Jahren um 300 Prozent in die Höhe geschnellt sind. Besonders in den östlichen Bundesländern sei die Fähigkeit der Senioren, ihren Eigenanteil für die stationäre Pflege zu leisten, dramatisch gesunken. Aktuelle Daten des Verbands der Ersatzkassen (VDEK) untermauern die Dringlichkeit: Im bundesweiten Durchschnitt mussten Heimbewohner im ersten Jahr ihrer Unterbringung zuletzt 3.364 Euro pro Monat aus eigenen Mitteln aufbringen. Um diese Belastung zu begrenzen, schlägt der Städtetag zusätzlich zur Vollversicherung einen Deckel für Eigenanteile vor, der einkommensabhängig gestaltet sein könnte. Dabei verweist Jung auf das Modell der saarländischen Ministerpräsidentin Anke Rehlinger, die vorschlug, Eigenanteile, die über 1.500 Euro hinausgehen, durch die Pflegekassen zu übernehmen. Eine solche Maßnahme müsste jedoch durch eine gemeinsame Finanzierung von Bund, Ländern und Kommunen getragen werden.

Hintergrund der finanziellen Krise

Die aktuelle Debatte ist das Ergebnis einer langjährigen Entwicklung, in der die Pflegeversicherung lediglich als Teilkaskoversicherung konzipiert wurde. Die Kosten für einen Heimplatz werden bisher je nach Pflegegrad nur anteilig gedeckt, während die Differenz von den Betroffenen selbst getragen werden muss. Diese Lücke ist in den vergangenen Jahren durch mehrere Faktoren massiv angewachsen. Dazu gehören insbesondere die gestiegenen Personal- und Betriebskosten in den Pflegeeinrichtungen, die allgemeine Inflationsentwicklung sowie der demografische Wandel, der zu einer stetig steigenden Zahl an Pflegebedürftigen führt. Mittlerweile sind mehr als sechs Millionen Menschen in Deutschland auf Pflege angewiesen. Die Kommunen, die als Sozialhilfeträger fungieren, geraten dadurch zunehmend unter Druck, da sie als Auffangnetz für diejenigen dienen müssen, deren Rente oder Ersparnisse nicht ausreichen. Der Städtetag bewertet die aktuelle Situation so, dass die Kommunen finanziell „komplett an der Wand“ stehen. Die strukturelle Unterfinanzierung der Pflegeversicherung führt somit zu einer direkten finanziellen Überlastung der kommunalen Haushalte, was den Ruf nach einer systemischen Reform des Versicherungswesens verstärkt hat.

Die beteiligten Akteure und Institutionen

In die Diskussion sind zahlreiche politische Akteure und Institutionen involviert. Burkhard Jung, der als SPD-Politiker und Städtetagspräsident auftritt, vertritt die Interessen der Kommunen. Auf Bundesebene ist das Gesundheitsministerium unter der Leitung von Carsten Linnemann (CDU) federführend für die geplante Pflegereform zuständig, nachdem er das Ressort von seiner Vorgängerin Nina Warken (CDU) übernommen hat. Warken, die mittlerweile als Kanzleramtsministerin fungiert, hatte sich in ihrer früheren Funktion explizit gegen eine Vollversicherung ausgesprochen. Sie betonte in der ARD und im ZDF, dass Reformen im Bereich der Pflege oder Rente zwangsläufig zu Einschnitten bei den Bürgern führen könnten, was Mut erfordere. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) ist ein zentraler Akteur, da er die Reform der Pflegeversicherung für den Herbst auf die Tagesordnung gesetzt hat. Innerhalb der Regierungskoalition gibt es jedoch bereits deutliche Kritik an den bisherigen Reformplänen, wobei zwei spezifische Punkte für Unmut sorgen. Zudem ist die saarländische Ministerpräsidentin Anke Rehlinger (SPD) als Ideengeberin für die Deckelung der Eigenanteile in den Diskurs eingebunden.

Einordnung der Reformvorschläge

Einzuordnen ist die Forderung des Städtetags als Versuch, die Lasten der Pflegefinanzierung von der kommunalen Ebene auf die bundesweite Versicherungsebene zu verlagern. Den Berichten zufolge würde eine Umstellung auf ein Vollversicherungssystem zwar die Kommunen um Milliardenbeträge entlasten, jedoch stehen dem erhebliche Bedenken gegenüber. Kritiker warnen davor, dass eine solche Ausweitung der Leistungen zu massiv steigenden Beiträgen für Arbeitnehmer und Arbeitgeber führen würde. Die aktuelle Strategie des Gesundheitsministeriums, das sogenannte Pflegeneuordnungsgesetz, verfolgt hingegen das Ziel, die Finanzen der Pflegeversicherung durch Sparmaßnahmen zu stabilisieren und allgemeine Beitragserhöhungen zu vermeiden. Die Debatte verdeutlicht den Zielkonflikt zwischen der notwendigen Entlastung der Kommunen und der finanziellen Tragfähigkeit der gesetzlichen Pflegeversicherung. Während der Städtetag die soziale Gerechtigkeit für langjährig Erwerbstätige in den Vordergrund stellt, fokussiert sich die Bundesregierung stärker auf die Stabilisierung der Versicherungssysteme, was nach Einschätzung von Nina Warken auch unpopuläre Einschnitte für die Bürger bedeuten kann.

Offene Fragen zur Umsetzung

Der vorliegende Quelltext lässt eine Reihe von Fragen unbeantwortet, die für die praktische Umsetzung einer solchen Reform entscheidend wären. So bleibt vollkommen unklar, wie genau eine Vollversicherung gegenfinanziert werden soll, ohne die Lohnnebenkosten in einem Maße zu steigern, das die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit gefährdet. Es wird nicht erläutert, welche konkreten „Einschnitte“ bei den Bürgern Nina Warken in Bezug auf die Pflege befürchtet oder plant. Ebenso bleibt offen, wie die im Raum stehende gemeinsame Finanzierung eines Eigenanteils-Deckels durch Bund, Länder und Kommunen im Detail ausgestaltet werden könnte, insbesondere angesichts der unterschiedlichen fiskalischen Spielräume der verschiedenen Bundesländer. Auch die Frage, ob und wie die steigenden Personal- und Betriebskosten in den Pflegeeinrichtungen durch eine Vollversicherung effizienter gesteuert werden könnten, wird nicht weiter ausgeführt. Die Lücke zwischen der Forderung des Städtetags nach einer Vollversicherung und den bisherigen Sparplänen des Gesundheitsministeriums bleibt in der aktuellen Debatte ein zentraler, noch nicht aufgelöster Widerspruch.

Wie es weitergeht

Die nächsten Schritte sind bereits durch die Ankündigung von Bundeskanzler Friedrich Merz vorgezeichnet. Für den Herbst ist eine umfassende Behandlung der Pflegereform auf der politischen Tagesordnung vorgesehen. Das Gesundheitsministerium unter Carsten Linnemann arbeitet weiterhin an dem Pflegeneuordnungsgesetz, das die Finanzen der Pflegeversicherung stabilisieren soll. Es bleibt abzuwarten, inwieweit die Forderungen des Deutschen Städtetags in die finalen Entwürfe einfließen oder ob die Regierung an ihrem bisherigen Kurs festhält, der eher auf Sparmaßnahmen als auf eine Ausweitung der Leistungen zu einer Vollversicherung setzt. Die politische Auseinandersetzung innerhalb der Regierungskoalition über die Reformpunkte wird in den kommenden Wochen und Monaten erwartet. Da die Wirkungen von Reformen, wie Kanzleramtsministerin Warken betonte, nicht sofort eintreten, ist ein langer Atem erforderlich. Die Kommunen warten unterdessen auf konkrete Signale, ob und wie ihre finanzielle Situation durch den Bund nachhaltig verbessert wird, um den Anstieg der Sozialhilfeausgaben für Pflegebedürftige zu stoppen.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/reichstagsgebaude-mit-deutscher-flagge-in-berlin-37291681/ · Foto: Claudia Solano
Quelle: https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/staedtetag-pflege-100.html