Ein vergessenes Stück Stadtgeschichte in Arheilgen
In einer abgelegenen Werkstatt im Darmstädter Stadtteil Arheilgen, eingebettet zwischen Pferdekoppeln und altem Baumbestand, hat sich ein bemerkenswerter Vorfall ereignet, der nun für bürokratischen Zündstoff sorgt. Dort lagerte über zwei Jahrzehnte hinweg eine historische Germania-Statue, die eigentlich längst einen festen Platz im öffentlichen Raum oder in einem städtischen Gebäude hätte finden sollen. Die etwa 1,60 Meter hohe Gipsplastik, die mit einem feinen Bronzeüberzug versehen ist, stellt eine Frauengestalt mit Harnisch und Lorbeerkranz dar, deren Hand an einem Schwert ruht. Das Objekt, das seit 1899 an die Opfer des deutsch-französischen Krieges von 1870/1871 erinnerte, wurde im Jahr 2003 von der Stadt Darmstadt zur Restaurierung in Auftrag gegeben. Während die Bronzekopie der Figur seit Jahren an der Heidelberger Landstraße in Eberstadt steht, blieb das restaurierte Original unbemerkt in der Werkstatt der Steinbildhauermeisterin Ruth Andres zurück. Erst durch interne Nachforschungen der Stadtverwaltung wurde der Verbleib der Statue nach über 20 Jahren wieder zum Thema, was nun in einem handfesten Streit zwischen der Künstlerin und der Kommune mündet.
Details zur Restaurierung und zum Verbleib
Der Auftrag aus dem Jahr 2003 umfasste die fachgerechte Instandsetzung der historischen Gipsplastik, um anschließend einen präzisen Bronzeabguss anfertigen zu können. Die Bildhauerin Ruth Andres und ihr Kollege Andreas Heimbrock übernahmen diese diffizile Aufgabe. Sie rekonstruierten unter anderem das Schwert der Figur und arbeiteten die Faltenmuster der Kleidung heraus, um die Oberflächenstruktur wieder zu schließen. Nachdem die Gießerei den Abguss erfolgreich vollendet hatte, kehrte das Original zurück in das Atelier von Andres. Der Plan sah vor, dass die Figur nach Abschluss statischer Überprüfungen durch die Stadt einen Platz im trockenen Eberstädter Rathaus finden sollte. Da die Stadt die Restaurierung ordnungsgemäß bezahlte, ging die Bildhauerin zunächst davon aus, dass die Abholung in Kürze erfolgen würde. Da jedoch keine weitere Kommunikation seitens der Stadtverwaltung erfolgte, geriet die verhüllte Statue in einer Ecke des Ateliers in Vergessenheit. Erst ein Anruf nach über 20 Jahren brachte die Erinnerung an das 500 bis 600 Kilogramm schwere Kunstwerk zurück.
Der lange Weg zur Wiederentdeckung
Die Geschichte der Germania-Statue ist eng mit der Erinnerungskultur des Stadtteils Eberstadt verknüpft. Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert diente sie als Mahnmal für die Gefallenen des Krieges von 1870/1871. Über die Jahrzehnte hinweg hinterließen Wind und Wetter deutliche Spuren an der Substanz der Plastik, weshalb die Stadt sich 2003 für den Ersatz durch eine wetterfeste Bronzekopie entschied. Dass das Original nach der Restaurierung nicht wie vorgesehen im Eberstädter Rathaus landete, blieb über zwei Jahrzehnte hinweg unbemerkt. Die Bildhauerin Ruth Andres gab an, dass sie die Statue in ihrem trockenen und versicherten Atelier aufbewahrte, ohne jedoch von sich aus die Initiative zur Rückgabe zu ergreifen. Erst als das Kulturamt der Stadt Darmstadt bei internen Recherchen feststellte, dass der Verbleib der historischen Figur ungeklärt war, nahm die Stadt Kontakt zur Werkstatt auf. Die Künstlerin räumt ein, dass sie das Objekt schlichtweg aus den Augen verloren hatte, da es abgedeckt in ihrem Atelier stand.
Die Akteure im Konflikt
Die Hauptakteure in diesem kuriosen Verwaltungsstreit sind die Steinbildhauermeisterin Ruth Andres sowie die Stadt Darmstadt, vertreten durch ihr Kulturamt. Während die Stadt nun auf eine schnelle, kurzfristige Abholung der Statue drängt, pocht die Künstlerin auf eine angemessene Vergütung für die jahrelange Lagerung. Andres fordert eine Summe von 2.200 Euro für die 23 Jahre, in denen die Germania-Statue sicher und geschützt in ihrem Atelier untergebracht war. Sie begründet dies mit einem Quadratmeterpreis von acht Euro pro Monat – ein Betrag, den sie selbst als vergleichsweise gering einstuft. Die Stadtverwaltung hingegen verweigert bisher eine inhaltliche Stellungnahme zur Rechnung und droht stattdessen mit gerichtlichen Schritten, sollte die Herausgabe der Figur weiterhin verweigert werden. Die Bildhauerin kritisiert den Umgangston der Stadt und betont, dass sie die Figur über all die Jahre bewahrt habe, anstatt sie dem Verfall zu überlassen. Sie fordert eine respektvollere Kommunikation und eine professionelle Planung für den Abtransport des schweren Objekts.
Einordnung der Situation
Einzuordnen ist der Sachverhalt als ein Versäumnis auf beiden Seiten, das nun in einem eskalierenden Rechtsstreit gipfelt. Den Berichten zufolge ist es bemerkenswert, dass ein städtisches Kulturgut über zwei Jahrzehnte hinweg aus der Inventarliste oder dem Bewusstsein der Verwaltung verschwinden konnte. Die Forderung der Künstlerin nach Lagerkosten scheint aus ihrer Sicht eine Kompensation für die erbrachte Leistung der sicheren Verwahrung darzustellen, während die Stadtverwaltung den Fokus primär auf die Rückführung des Eigentums legt. Die Drohung mit juristischen Konsequenzen seitens der Stadt lässt darauf schließen, dass die Verwaltung den Fall als eine Verweigerung der Herausgabe wertet, während die Bildhauerin dies als notwendige Maßnahme zur Klärung ihrer finanziellen Ansprüche betrachtet. Die Situation verdeutlicht zudem die praktischen Schwierigkeiten bei der Bergung des schweren Kunstwerks: Die Künstlerin weist darauf hin, dass der Abtransport aufgrund der räumlichen Gegebenheiten ihres Grundstücks eine aufwendige Vorbereitung erfordert, was einer spontanen Abholung entgegensteht.
Offene Fragen und ungeklärte Punkte
Der vorliegende Sachverhalt lässt einige wesentliche Fragen unbeantwortet. So bleibt unklar, warum die interne Inventarisierung der Stadt Darmstadt über 20 Jahre hinweg keine Hinweise auf den Verbleib der Germania-Statue lieferte und welche internen Prozesse diesen Fehler ermöglichten. Auch ist offen, wie die rechtliche Bewertung der Lagerkosten ausfällt, da kein schriftlicher Vertrag über eine derart langfristige Aufbewahrung existiert. Zudem ist nicht geklärt, ob die Stadt Darmstadt bereit ist, auf die Forderungen der Bildhauerin in irgendeiner Form einzugehen oder ob sie den Rechtsweg konsequent verfolgen wird. Ebenso bleibt die Frage offen, ob es alternative Standorte für die Statue gibt, falls das Eberstädter Rathaus nach so langer Zeit nicht mehr als Zielort vorgesehen ist. Die genauen Details der Kommunikation zwischen der Stadt und der Künstlerin in den vergangenen Wochen sind ebenfalls nur ausschnittsweise bekannt, was den Spielraum für eine gütliche Einigung schwer einschätzbar macht.
Wie es weitergeht
Die Zukunft der Germania-Statue bleibt ungewiss. Die Stadt Darmstadt hat der Bildhauerin eine Frist von zwei Wochen gesetzt, um Alternativtermine für die Abholung zu vereinbaren. Sollte Ruth Andres dieser Aufforderung nicht nachkommen, hat die Stadt die Einleitung gerichtlicher Schritte angekündigt. Die Künstlerin lehnt eine spontane Abholung ab, da sie eine Klärung der offenen Lagerkostenrechnung fordert und zudem logistische Vorbereitungen für den Abtransport des 500 bis 600 Kilogramm schweren Objekts für zwingend erforderlich hält. Eine Stellungnahme der Stadtverwaltung zum aktuellen Stand der Verhandlungen oder zur Begleichung der Forderungen steht bislang aus. Es bleibt abzuwarten, ob die beteiligten Parteien eine außergerichtliche Lösung finden oder ob der Streit um das historische Denkmal tatsächlich vor einem Gericht entschieden werden muss. Die Statue verbleibt bis auf Weiteres in ihrem angestammten Platz in der Werkstatt in Arheilgen.