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Souveränität: Viele Unternehmen sehen riskante US-Abhängigkeit, tun aber nichts
Technik · 19.08.2026 18:14

Souveränität: Viele Unternehmen sehen riskante US-Abhängigkeit, tun aber nichts

Kurz: Eine neue ifo-Umfrage offenbart eine Diskrepanz: Viele deutsche Firmen erkennen Risiken durch US-Abhängigkeit, scheuen aber die Kosten für eine digitale Wende.

Eine Diskrepanz zwischen Erkenntnis und Handeln

Die digitale Souveränität ist ein zentrales Thema in der deutschen Wirtschaftspolitik, doch die praktische Umsetzung in den Unternehmen hinkt den Debatten weit hinterher. Eine aktuelle Untersuchung des ifo-Instituts belegt nun, dass eine signifikante Anzahl deutscher Firmen zwar um ihre Abhängigkeit von digitalen Produkten und Dienstleistungen aus den Vereinigten Staaten weiß, daraus jedoch keinerlei Konsequenzen zieht. Die Kernmeldung der Erhebung ist ernüchternd: Jedes fünfte Unternehmen in Deutschland stuft die eigene Abhängigkeit von US-Anbietern als riskant ein, plant aber dennoch keine Gegenmaßnahmen. Diese Tatenlosigkeit steht im Kontrast zu den Risiken, die von den Entscheidungsträgern selbst identifiziert werden. Während die Diskussion über digitale Unabhängigkeit in Fachkreisen hochgehalten wird, verharren viele Betriebe in der Praxis in einer gewohnten Abhängigkeit. Das ifo-Institut verdeutlicht damit, dass die bloße Einsicht in eine problematische Abhängigkeitssituation keineswegs ausreicht, um strategische Umstellungen in der IT-Infrastruktur oder bei der Softwareauswahl einzuleiten. Die Umfrageergebnisse zeichnen das Bild einer Wirtschaft, die sich der Gefahren zwar bewusst ist, aber durch verschiedene Hemmnisse in einem Status quo gefangen bleibt, der langfristig die technologische Eigenständigkeit gefährden könnte.

Detaillierte Einblicke in die Umfragedaten

Die Zahlen des ifo-Instituts liefern ein präzises Bild der aktuellen Lage. Insgesamt gaben 88 Prozent der befragten Firmen an, dass sie digitale Produkte von US-amerikanischen Anbietern in ihrem Geschäftsalltag einsetzen. Die Einschätzung der Abhängigkeit variiert dabei: 31 Prozent der Unternehmen schätzen sich als stark abhängig ein, 18 Prozent berichten von einer mittleren Abhängigkeit, während 39,2 Prozent ihre Abhängigkeit als gering bewerten. Interessant ist die Risikowahrnehmung innerhalb dieser Gruppe: Von den Unternehmen, die eine Abhängigkeit überhaupt thematisierten, sahen rund 38 Prozent kaum ein Risiko darin. Ein moderates Risiko attestierten sich etwa 30 Prozent, während knapp über 32 Prozent ein hohes Risiko für ihren Betrieb identifizierten. Bei denjenigen, die tatsächlich Maßnahmen für mehr Unabhängigkeit planen, steht der Umstieg auf europäische Alternativen mit 34,2 Prozent an erster Stelle. Danach folgen die Diversifizierung der Anbieter mit 29,8 Prozent, der Einsatz von Open-Source-Lösungen mit 19,0 Prozent sowie der Aufbau eigener IT-Infrastrukturen mit 18,2 Prozent. Auffällig ist, dass gerade in Branchen, in denen sich die Firmen als besonders abhängig einstufen, die Lage vergleichsweise gelassen bewertet wird. Für die Forscher des ifo-Instituts deutet dies darauf hin, dass bevorzugt Maßnahmen gewählt werden, die mit einem vergleichsweise geringen Aufwand verbunden sind.

Hintergründe der unternehmerischen Zurückhaltung

Die Gründe für die ausbleibenden Investitionen in digitale Souveränität sind vielschichtig. Klaus Wohlrabe, Leiter der ifo-Befragungen, betont, dass die Unternehmen zwar sehr genau wüssten, wo sie stünden, jedoch kaum Konsequenzen daraus zögen. Ein wesentlicher Faktor sind die Kosten: Die Unternehmen scheuen die Zusatzbelastungen, die eine Risikovorsorge im digitalen Bereich mit sich bringen würde. Zudem besteht eine erhebliche Unsicherheit darüber, ob Lieferanten, Kunden oder Banken bereit sind, ähnliche Investitionen zu tätigen. Es herrscht eine Gemengelage aus ökonomischen Bedenken und strategischer Vorsicht. Die Forscher weisen darauf hin, dass das Risiko einer US-Abhängigkeit eher als ein systemisches Problem der gesamten Wirtschaft wahrgenommen wird. Die Wahrscheinlichkeit, als einzelnes Unternehmen konkret von einem Ausfall oder einer Einschränkung betroffen zu sein, wird von vielen Firmen als eher gering eingestuft. Demgegenüber stehen die sofortigen und sicheren Kosten eines Anbieterwechsels, die mit Migrationsaufwand, Schulungen, Integrationsproblemen und häufig auch einer geringeren Leistungsfähigkeit der Ersatzprodukte einhergehen. Der potenzielle Nutzen einer Absicherung gegen ein seltenes Ereignis erscheint in der kurzfristigen betriebswirtschaftlichen Kalkulation oft als zu abstrakt oder zu unsicher.

Die Akteure im Spannungsfeld der Abhängigkeit

Die betroffenen Akteure sind breit gefächert, da die Nutzung digitaler US-Dienste nahezu alle Branchen durchdringt. Auf der einen Seite stehen die Unternehmen selbst, die zwischen der Effizienz etablierter US-Produkte und dem Wunsch nach Souveränität abwägen müssen. Auf der anderen Seite stehen die Anbieter, die entweder aus den USA stammen oder europäische Alternativen entwickeln. Eine zentrale Rolle nimmt zudem der Staat ein, wie ifo-Präsident Clemens Fuest unterstreicht. Er sieht die öffentliche Hand in der Pflicht, die Rahmenbedingungen für digitale Souveränität zu schaffen. Fuest fordert, dass der Staat seine eigene Nachfragemacht gezielt einsetzt. Durch verbindliche Abnahmezusagen könnten europäische Anbieter jene Planungssicherheit erhalten, die durch eine verstreute und zögerliche private Nachfrage derzeit nicht entsteht. Die Unternehmen sind zudem in einem komplexen Netzwerk gefangen: Selbst wenn ein Betrieb seine Systeme vollständig auf europäische Anbieter umstellen würde, bliebe er über seine Kunden, Lieferanten, Banken, Dienstleister und Behörden weiterhin exponiert, sofern diese Akteure ihrerseits keine entsprechenden Schritte zur Unabhängigkeit unternehmen. Dies schafft eine gegenseitige Abhängigkeit, die den Einzelnen in seinem Handeln lähmen kann.

Einordnung der aktuellen Situation

Einzuordnen ist das Ergebnis so, dass die digitale Souveränität derzeit eher ein theoretisches Konzept als eine gelebte Praxis ist. Den Berichten zufolge scheint die ökonomische Rationalität – also die Vermeidung sofortiger Kosten und die Nutzung bewährter, leistungsstarker US-Systeme – die strategische Vorsorge gegen langfristige Risiken zu überlagern. Die ifo-Forscher bewerten die aktuelle Situation als eine Art Marktversagen oder Koordinationsproblem. Da die Kosten für den Wechsel sofort anfallen, der Nutzen aber in einer unsicheren Zukunft liegt, entscheiden sich viele Firmen gegen eine Migration. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Systemabhängigkeit: Ein Unternehmen kann sich nur schwer isoliert von seiner Umwelt „befreien“, da die digitale Vernetzung mit anderen Akteuren, die weiterhin auf US-Dienste setzen, eine vollständige Entkopplung faktisch unmöglich macht. Die Zurückhaltung ist also nicht zwangsläufig ein Zeichen von Ignoranz, sondern oft das Ergebnis einer rationalen Risiko-Nutzen-Abwägung in einem hochgradig vernetzten Wirtschaftssystem, in dem die USA derzeit den Standard für digitale Infrastrukturen setzen.

Offene Fragen und Lücken in der Analyse

Der Quelltext lässt einige Fragen offen, die für ein vollständiges Verständnis der Problematik relevant wären. So wird nicht spezifiziert, welche konkreten Branchen sich als besonders abhängig einstufen und welche Branchen wiederum die gelassenere Haltung einnehmen. Auch bleibt unklar, welche spezifischen US-Dienste oder Produktkategorien – etwa Cloud-Speicher, Office-Software oder spezialisierte Industriesteuerungen – das größte Risiko darstellen. Zudem wird nicht beleuchtet, ob es Unterschiede zwischen kleinen und mittelständischen Unternehmen sowie Großkonzernen gibt, was die Risikowahrnehmung und die finanzielle Kapazität für einen Anbieterwechsel betrifft. Ebenso wenig wird ausgeführt, welche rechtlichen oder regulatorischen Hürden, abgesehen von den genannten Kosten, den Umstieg auf europäische Lösungen konkret erschweren. Es bleibt zudem offen, inwieweit die Qualität europäischer Alternativen in den Augen der befragten Unternehmen tatsächlich als ausreichend wahrgenommen wird, um einen Wechsel zu rechtfertigen. Auch die Rolle der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) und deren Einfluss auf die Risikobewertung wird im vorliegenden Text nicht explizit thematisiert, obwohl sie im Kontext der digitalen Souveränität oft eine zentrale Rolle spielt.

Wege in die Zukunft

Wie es weitergeht, hängt maßgeblich von den politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ab. Clemens Fuest fordert eine deutliche Beschleunigung beim Ausbau von Rechenzentren und der notwendigen Energieinfrastruktur. Ein zentraler Punkt ist die Forderung nach einer Verkürzung der Genehmigungsverfahren von Jahren auf Monate, um die technologische Basis in Europa schneller zu stärken. Die angekündigten Schritte konzentrieren sich primär auf die staatliche Ebene, die durch ihre Nachfragemacht den Markt für europäische Anbieter attraktiv machen soll. Ob und wann es zu einer breiteren Umsetzung dieser Forderungen kommt, bleibt abzuwarten. Die Unternehmen selbst scheinen derzeit keine weiteren Schritte zu planen, solange die genannten ökonomischen Hürden – insbesondere die Kosten für Migration und die Unsicherheit über die Leistungsfähigkeit von Alternativen – bestehen bleiben. Eine Veränderung der Situation ist somit an zwei Bedingungen geknüpft: Erstens an eine staatliche Unterstützung, die Planungssicherheit für Anbieter schafft, und zweitens an eine Entwicklung, bei der europäische Alternativen in puncto Leistung und Integration mit den US-Produkten gleichziehen können, um die Wechselkosten für die Unternehmen zu minimieren.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/blau-industrie-internet-verbindung-17489156/ · Foto: panumas nikhomkhai
Quelle: https://www.heise.de/news/Souveraenitaet-Viele-Unternehmen-sehen-riskante-US-Abhaengigkeit-tun-aber-nichts-11419703.html?wt_mc=rss.red.ho.ho.atom.beitrag.beitrag