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Schwere Krankheit: Die Autorität des Todes
Kultur · 08.10.2026 21:05

Schwere Krankheit: Die Autorität des Todes

Kurz: Die Autorin Marica Bodrožić reflektiert in ihrem neuen Essay „Sterben“ über ihre lebensbedrohliche Erkrankung und die existenzielle Neuausrichtung ihrer Wahrneh

Eine existenzielle Zäsur: Die Diagnose als Wendepunkt

Im Zentrum der aktuellen literarischen Auseinandersetzung von Marica Bodrožić steht ein einschneidendes Ereignis, das die Autorin in ihrem knapp fünfzigsten Lebensjahr ereilte. Die Konfrontation mit einer lebensbedrohlichen Diagnose wirkte wie eine jähe Unterbrechung ihres bisherigen Daseins, das sie rückblickend als eine Art Probebühne beschreibt. In ihrem Essay „Sterben“ schildert sie den Moment, in dem der Tod gewissermaßen an ihre Tür klopfte. Es war ihr behandelnder Arzt, der ihr die schwere Nachricht überbrachte und dabei eine Frage stellte, die Bodrožić zunächst befremdete: Er erkundigte sich nach ihrem aktuellen Schreibprojekt und dem Thema ihres nächsten Buches. Erst im Nachhinein begriff die Autorin die Tiefe dieser Intervention. Die Diagnose fungierte als Katalysator für eine radikale Verschiebung ihres Horizonts. In einer kurzen, jedoch subjektiv gedehnten Zeitspanne erkannte sie, dass die Autorität des Todes untrennbar mit der des Lebens verbunden ist. Diese Erkenntnis zwang sie dazu, ihr bisheriges Leben mit einem neuen, tiefen Ernst zu betrachten und die flüchtigen Momente der Aufmerksamkeit, die sie zuvor oft zugunsten digitaler Ablenkungen oder halbherziger menschlicher Begegnungen vernachlässigt hatte, neu zu bewerten.

Die Welt der Krankheit: Ein fremdes Terrain

Die Autorin beschreibt die Zeit ihrer Erkrankung, deren genaue medizinische Natur sie im Text bewusst offenlässt, als ein „Zwischenjahr“. Sie verwendet die Metapher der „Königin aller Krankheiten“, um die Macht zu beschreiben, die das Leiden über ihren Körper und ihren Alltag erlangte. Die Krankheit zwang sie in die Horizontale, raubte ihr die physische Kraft und verbannte sie in eine fremde Welt, die sie als „Terra incognita“ bezeichnet. Diese Welt besteht aus endlosen Krankenhausfluren, sterilen Laboren und dem ständigen Rhythmus von Aufzügen. Während ihr physischer Aktionsradius drastisch schrumpfte, erlebte Bodrožić eine paradoxe Ausdehnung ihres Inneren. Sie fand sich in einer Situation wieder, in der die gewohnte Welt in weite Ferne rückte und ihr Blick auf die unmittelbare Umgebung – etwa die Rotbuche vor ihrem Fenster oder das nächtliche Lichtspiel in ihrem Zimmer, das sie als „Lichtschiff“ beschreibt – eine völlig neue, metaphysische Dimension annahm. Die Außenwelt wurde zur Resonanzfläche für ihre inneren Prozesse, während sie sich intensiv mit der Literatur und Philosophie auseinandersetzte, um ihre Erfahrung einzuordnen.

Literarische Wegbegleiter durch den Schwellenraum

Um ihre existenzielle Not in Worte zu fassen, begab sich Bodrožić auf eine umfassende Lektürereise. Ihr Essay ist durchzogen von Bezügen zu Denkern und Dichtern, die sich ebenfalls mit dem Übergang und der Endlichkeit beschäftigt haben. Zu den von ihr zitierten Autoren gehören unter anderem John Donne, Nelly Sachs, Paul Celan, Péter Nádas, Seneca, Dostojewski, Hermann Hesse sowie die Anthropologin Nastassja Martin. Besonders hervorzuheben sind dabei zwei Werke, die für die Autorin eine zentrale Bedeutung erlangten: Péter Nádas’ „Der eigene Tod“ und Nastassja Martins „An das Wilde glauben“. Letzteres Buch, in dem die Anthropologin ihren Kampf mit einem Bären in der sibirischen Wildnis schildert, diente Bodrožić als Spiegel für ihre eigene radikale Körperentmachtung. Aus dieser Erfahrung der körperlichen Preisgabe erwuchs bei der Autorin ein geschärftes Sehen. Sie beschreibt dies als einen Prozess, bei dem die „allzu bekannte Alltagsblindheit“ einer „gründlich schauenden“ Wahrnehmung wich, die ihr ermöglichte, die Welt nicht mehr von außen, sondern aus der Perspektive der Klinik heraus neu zu begreifen.

Die Transformation des Zeitgefühls

Ein wesentlicher Aspekt ihrer Reflexionen betrifft die veränderte Wahrnehmung von Zeit unter dem Eindruck der Todesnähe. Bodrožić stellt fest, dass das menschliche Streben nach einer eindimensionalen, quantitativen Verfügbarkeit über Zeit ein unmögliches Unterfangen ist. In ihrem Krankenbett gelangte sie zu der Einsicht, dass Zeit nicht etwas ist, das man besitzt, sondern etwas, das man ist. Sobald man von der Vorstellung ablässt, Zeit „haben“ zu müssen, dehnt sie sich in der Tiefe des Erlebens aus. Diese Erkenntnis hat ihre Einstellung grundlegend verändert; der Satz „Ich habe keine Zeit“ ist für sie zu einer Unmöglichkeit geworden. Da sie lebt, ist sie Zeit, und diese Zeit darf sie durchleben. Diese neue Zeitauffassung, die aus der Begrenzung des eigenen Daseins erwächst, ermöglicht es ihr, ein unverwechselbares Leben zu führen. Die Krankheit wurde so zu einem Raum, in dem sie die Kostbarkeit des Augenblicks neu entdeckte, inspiriert auch durch die Erinnerung an einen todkranken Mann, der ihr einst sagte: „Alles ist immer nur einmal.“

Einordnung: Phänomenologie der Todesnähe

Einzuordnen ist das Werk von Marica Bodrožić nicht als bloße Krankheitsgeschichte, sondern als eine tiefgreifende Phänomenologie der Todesnähe. Den Berichten zufolge gelingt es der Autorin, die Grenze zwischen dem physischen Leiden und der metaphysischen Ordnung aufzuheben. Ihre Beobachtungsgabe, die sich in präzisen Naturbeschreibungen und philosophischen Exkursen manifestiert, dient dazu, das Unaussprechliche greifbar zu machen. Die Autorin lädt den Leser ein, die eigene Sterblichkeit nicht als eine ferne Abstraktion, sondern als integralen Bestandteil des gegenwärtigen Lebens zu begreifen. Dass sie am Ende des Buches die Genesung – das Verlassen des Krankenhauses – thematisiert, verleiht dem Text eine tröstliche Note, ohne den Ernst der vorangegangenen Auseinandersetzung zu schmälern. Das Buch fungiert als Mahnung, die eigene Existenz in der „Aufführung“ des Lebens bewusst zu führen, anstatt sich in den oberflächlichen Ablenkungen des Alltags zu verlieren, und fordert dazu auf, die Einmaligkeit jedes Moments als ein kostbares Gut anzuerkennen.

Offene Fragen und der weitere Weg

Der Quelltext lässt einige Aspekte der persönlichen Geschichte der Autorin bewusst im Unklaren. So bleibt die spezifische medizinische Diagnose, die Bodrožić als „Königin aller Krankheiten“ bezeichnet, ungenannt. Ebenso erfahren wir nichts über den weiteren Verlauf ihrer medizinischen Behandlung nach der Entlassung aus dem Krankenhaus oder darüber, wie sie den Übergang zurück in den Alltag konkret gestaltet hat. Der Text konzentriert sich rein auf die innere, literarische und philosophische Verarbeitung der Krise. Auch bleibt offen, welche Rolle ihre sozialen Beziehungen während der Zeit der Isolation spielten, da der Fokus fast ausschließlich auf ihrem inneren Monolog und der Interaktion mit der Literatur liegt. Was den weiteren Weg betrifft, so ist der Essay „Sterben“ im Hanser Berlin Verlag erschienen. Weitere angekündigte Schritte oder Termine, etwa Lesereisen oder öffentliche Auftritte im Zusammenhang mit dem Buch, werden im vorliegenden Text nicht erwähnt. Die Entscheidung, das Werk der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, markiert jedoch den Abschluss ihres persönlichen Verarbeitungsprozesses, in dem sie nun mit ihrem Körper in einen neuen Dialog getreten ist.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/wahrzeichen-paris-garten-rasen-16923129/ · Foto: Diego F. Parra
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/literatur/frankfurter-buchmesse-2026-marica-bodrois-essay-sterben-201262924.html