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Scam: Das Geschäft mit den betrügerischen Blutzuckeruhren
Technik · 12.10.2026 07:10

Scam: Das Geschäft mit den betrügerischen Blutzuckeruhren

Kurz: Betrügerische Blutzuckeruhren gefährden die Gesundheit. Trotz Warnungen finden sich die rechtswidrigen Angebote weiterhin auf großen Online-Marktplätzen.

Ein gefährliches Geschäft mit falschen Gesundheitsversprechen

Auf diversen großen Online-Marktplätzen werden derzeit Smartwatches angeboten, die eine nicht-invasive Messung des Blutzuckerspiegels versprechen. Recherchen zeigen jedoch, dass es sich hierbei um betrügerische Produkte handelt. Eine solche Technologie existiert nach aktuellem Stand der Technik nicht, da weder Apple noch Huawei oder andere führende Hersteller bisher in der Lage waren, den Blutzucker zuverlässig mittels optischer Sensoren am Handgelenk zu bestimmen. Die angebotenen Geräte suggerieren den Nutzern eine medizinische Funktion, die sie schlichtweg nicht besitzen. Dies stellt einen klaren Verstoß gegen Artikel 7 der Medizinprodukteverordnung dar, welche die Irreführung von Verbrauchern durch das Zuschreiben nicht existenter Eigenschaften explizit untersagt. Die Gefahr für die Anwender ist dabei erheblich: Menschen, die auf eine präzise Überwachung ihres Blutzuckers angewiesen sind, könnten sich auf die falschen Werte verlassen, was lebensgefährliche gesundheitliche Folgen nach sich ziehen kann. Die Plattformen, auf denen diese Produkte gehandelt werden, reagieren auf Hinweise oft erst nach direktem Druck durch Medienanfragen, während die regulären Meldesysteme teilweise nur eingeschränkt oder gar nicht funktionieren.

Die Beweislage und die dubiosen Methoden der Hersteller

Die Täuschung durch diese Smartwatches ist systematisch. Untersuchungen, unter anderem vom Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) sowie Studien, die in „Diabetologie Online“ publiziert wurden, belegen, dass die Uhren lediglich Messwerte simulieren. In einem Test des vzbv wurde eine Uhr an einer Banane getestet; das Gerät lieferte dabei identische „Blutzuckerwerte“ wie bei einer Messung am menschlichen Handgelenk. Auch das offizielle EU-weite Warnsystem „Safety Gate“ sowie Gesundheitsbehörden aus Belgien und Frankreich haben in den vergangenen Jahren wiederholt vor diesen Produkten gewarnt. Dennoch finden sich auf Plattformen wie Mediamarkt.de oder eBay zahlreiche Angebote, die mit dem Begriff „Blutzucker“ werben. Bei einer Stichprobe auf Mediamarkt.de konnten über 100 Treffer für den Suchbegriff „Blutzucker Smartwatch“ identifiziert werden. Erst nach einer Presseanfrage sank die Zahl der Suchergebnisse drastisch, was darauf hindeutet, dass die Angebote zuvor nicht ausreichend geprüft wurden. Die Produktbeschreibungen nutzen oft irreführende Begriffe, um den Anschein einer medizinischen Zulassung zu erwecken, obwohl die Geräte keinerlei klinische Relevanz besitzen.

Der lange Weg der Warnungen und die Rolle der Plattformen

Die Problematik ist keineswegs neu. Seit Jahren gibt es Berichte über diese betrügerischen Uhren, doch die Verbreitung auf den Marktplätzen reißt nicht ab. Selbst nach der Löschung einzelner Angebote tauchen identische Produkte oft unter neuen Namen oder bei anderen Verkäufern wieder auf. Die Plattformen eBay und Mediamarkt.de stehen hierbei in der Kritik. Während eBay angibt, dass derartige Produkte gegen ihre Grundsätze zu medizinischen Geräten verstoßen und nicht erlaubt seien, zeigt die Praxis ein anderes Bild: Auch nach Löschung der beispielhaft genannten Produkte durch die Pressestelle blieben weitere Angebote mit identischen Werbeversprechen auf der Plattform auffindbar. Bei Mediamarkt.de war während des Untersuchungszeitraums zwischen dem 5. und 7. Oktober sogar die Meldefunktion für rechtswidrige Produkte gestört. Mehrfache Versuche, Produkte über die offizielle Seite zu melden, scheiterten an technischen Fehlermeldungen, was eine proaktive Meldung durch Nutzer unmöglich machte. Erst nach einer direkten Nachfrage bei der Pressestelle war das System wieder funktionsfähig, wobei das Unternehmen eine generelle Fehlfunktion bestritt.

Die Akteure im Geflecht des Online-Handels

An dem Prozess sind verschiedene Parteien beteiligt. Auf der einen Seite stehen die Händler, die oft über chinesische Online-Shops agieren, die wiederum deutsche Domains nutzen und Namen tragen, die an Outdoor-Ausrüster erinnern, wie etwa „Berg-Fit“ oder „Bergaktiv“. Diese Shops verfügen häufig über kein valides Impressum mit einer ladungsfähigen Adresse in Deutschland. Auf der anderen Seite stehen die großen Marktplätze wie Amazon, eBay und Mediamarkt.de, die als Vermittler fungieren. Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) agiert in diesem Kontext als „Trusted Flagger“, eine anerkannte Meldestelle für rechtswidrige Inhalte in der EU. Die Organisation hat untersucht, wie die Plattformen auf Meldungen reagieren. Dabei wurde festgestellt, dass die Reaktionszeiten stark variieren – von einer sofortigen Löschung bis hin zu einer Verzögerung von 21 Tagen. Zudem kritisieren Verbraucherschützer, dass Plattformen oft nicht in der Lage oder willens sind, kerngleiche Verstöße proaktiv zu unterbinden, selbst wenn sie bereits auf ein betrügerisches Produkt hingewiesen wurden.

Einordnung der regulatorischen Herausforderungen

Die aktuelle Situation ist aus Sicht der Verbraucherschützer ein Versagen der bisherigen Kontrollmechanismen. Stefanie Grunert vom vzbv betont, dass das europäische Produktsicherheitsrecht davon ausgeht, dass Hersteller die volle Kontrolle über ihre Produkte haben, was sich in diesem Fall als Trugschluss erweist. Einzuordnen ist das so: Die Plattformen profitieren von der hohen Anzahl an Angeboten, während die Verantwortung für die Sicherheit der Produkte auf die Nutzer oder die zuständigen Behörden abgewälzt wird. Der Digital Services Act (DSA) verpflichtet Marktplätze zwar dazu, rechtswidrige Inhalte zeitnah zu entfernen und nutzerfreundliche Meldesysteme bereitzustellen, doch die Umsetzung lässt in der Praxis zu wünschen übrig. Die Diffusion der Verantwortung zwischen den verschiedenen Akteuren – von den Marktplatzbetreibern bis hin zu den staatlichen Stellen – führt dazu, dass betrügerische Angebote über lange Zeiträume hinweg verfügbar bleiben können. Die bloße Existenz von Melde-Buttons reicht offensichtlich nicht aus, wenn die dahinterliegenden Prozesse zur Prüfung der Produkte mangelhaft sind.

Die Lücken im System und die offenen Fragen

Der Quelltext lässt einige entscheidende Fragen unbeantwortet. So bleibt unklar, wie viele der betrügerischen Uhren tatsächlich bereits an Kunden verkauft wurden und ob es bereits zu gesundheitlichen Zwischenfällen gekommen ist, die auf die Nutzung dieser Geräte zurückzuführen sind. Ebenso wird nicht deutlich, welche konkreten Sanktionen gegen die Verkäufer auf den Marktplätzen verhängt werden, die wiederholt gegen die Richtlinien verstoßen. Die Plattformen äußern sich oft nur vage zu internen Maßnahmen, etwa zur Sperrung von Nutzerkonten, ohne dabei konkrete Zahlen oder Zeitrahmen zu nennen. Auch die Frage, warum die Meldefunktionen trotz der gesetzlichen Verpflichtungen aus dem DSA über Tage hinweg nicht funktionierten, bleibt zwischen den Plattformbetreibern und den Beobachtern strittig. Zudem ist unklar, wie die Behörden die grenzüberschreitende Verfolgung der oft in China ansässigen Händler effektiv gestalten wollen, wenn diese keine ladungsfähigen Adressen in der EU hinterlegen.

Ausblick: Politische Initiativen und kommende Schritte

Die Zukunft der Regulierung hängt von verschiedenen politischen Vorhaben ab. Der vzbv setzt große Hoffnungen in den geplanten „European Product Act“, der im Dezember in Brüssel auf die Agenda gesetzt werden soll. Dieser soll dazu beitragen, dass Produkte innerhalb der EU eindeutig identifizierbar und rückverfolgbar sind. Zudem wird die Debatte um die Verantwortung der Online-Marktplätze weiter an Fahrt gewinnen. Das Bundesministerium für Digitales und Verkehr (BDMS) verweist in dieser Angelegenheit auf das Wirtschaftsministerium und die dort angesiedelte „Task Force E-Commerce“. Ob diese Maßnahmen ausreichen werden, um den Verkauf solcher gefährlichen Produkte wirksam zu unterbinden, bleibt abzuwarten. Die Plattformen haben nach der Intervention durch netzpolitik.org zwar punktuelle Löschungen vorgenommen und teilweise „Quality Checks“ angekündigt, doch eine flächendeckende und nachhaltige Lösung für das Problem der betrügerischen Gesundheitsartikel ist derzeit nicht in Sicht. Die Verbraucherzentralen fordern weiterhin eine schärfere Prüfung der Angebote, bevor diese überhaupt online gestellt werden.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/nahaufnahme-eines-computerbildschirms-mit-code-und-reflexion-34803998/ · Foto: Daniil Komov
Quelle: https://netzpolitik.org/2026/scam-das-geschaeft-mit-den-betruegerischen-blutzuckeruhren/