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Russland: Eine Gesellschaft im Kriegszustand
Politik · 26.08.2026 08:19

Russland: Eine Gesellschaft im Kriegszustand

Kurz: Die norwegische Journalistin Åsne Seierstad porträtiert in ihrem neuen Buch „Der Krieg ist anderswo“ eine tief gespaltene russische Gesellschaft im Kriegszustan

Was geschehen ist: Einblicke in ein Land im Ausnahmezustand

Die renommierte norwegische Journalistin und Kriegsberichterstatterin Åsne Seierstad hat mit ihrem neuesten Werk „Der Krieg ist anderswo“ ein umfassendes und vielschichtiges Porträt der russischen Gesellschaft unter dem Eindruck des Ukraine-Krieges vorgelegt. Das Buch, das im Hanser Verlag in einer deutschen Übersetzung von Anja Lerz erschienen ist, basiert auf intensiven Recherchen, die Seierstad quer durch das riesige Land führten – von der entlegenen sibirischen Taiga bis in die Machtzentren Moskaus und die kulturell geprägten Straßen St. Petersburgs. Ausgangspunkt und roter Faden ihrer Erzählung ist das Schicksal des ehemaligen Wagner-Söldners Andrej Medwedew, dessen Flucht nach Norwegen im Januar 2023 den Anstoß für das Projekt gab. Seierstad dokumentiert nicht nur die unmittelbaren Auswirkungen der militärischen Aggression, sondern zeichnet ein Bild von Repression, Zensur und der schleichenden Veränderung des Alltagslebens. Sie beleuchtet, wie der Krieg in den Köpfen der Menschen ankommt, welche Rolle patriotische Mythen spielen und wie der Staat zunehmend gegen kritische Stimmen vorgeht. Das Buch fungiert dabei als eine Art Echtzeit-Chronik, die den Zerfall demokratischer Strukturen und die zunehmende Militarisierung des zivilen Lebens in Russland eindringlich und aus nächster Nähe beleuchtet.

Die Einzelheiten: Von der Taiga bis zum Machtapparat

Im Zentrum der Recherche steht der 26-jährige Andrej Medwedew, ein Mann aus der Region Tomsk in Sibirien. Seine Biografie ist geprägt von Gewalt, einem instabilen Elternhaus und einer frühen Sozialisation in Heimen und Gefängnissen. Als er sich im Juli 2022 der Wagner-Gruppe anschloss, tat er dies unter anderem, um Vorstrafen zu tilgen. Medwedew schildert Seierstad gegenüber die brutale Realität des „Fleischwolfs“ bei Bachmut, wo er als Teil einer 30-köpfigen Einheit operierte, von der nur wenige überlebten. Die Erkenntnis, dass er und seine Kameraden für die Militärführung lediglich austauschbares Verbrauchsmaterial darstellten, führte schließlich zu seinem Entschluss, zu desertieren. Über die Lebensgeschichte Medwedews hinaus porträtiert Seierstad eine Vielzahl weiterer Akteure. Dazu zählen systemtreue Politexperten wie Fjodor Lukjanow vom Waldai-Club oder Iwan Timofejew von der Diplomatenhochschule, die den Krieg rhetorisch zu rechtfertigen suchen. Auf der anderen Seite stehen Akteure wie der oppositionelle Abgeordnete Lew Schlosberg aus Pskow oder die Kinderärztin Maria Andrejewa, die als inoffizielle Leiterin der Initiative „Weg nach Hause“ für die Rechte mobilisierter Männer kämpfte. Die Autorin selbst begab sich in Sibirien in die Rolle einer Melkerin, um den Menschen vor Ort näherzukommen und deren Lebenswirklichkeit authentisch zu erfassen.

Hintergrund: Der Weg in den Krieg und die soziale Erosion

Die Wurzeln der aktuellen Situation liegen, wie Seierstad aufzeigt, in einer langen Entwicklung, die weit vor der Vollinvasion der Ukraine begann. Die Autorin verknüpft die persönliche Geschichte ihres Protagonisten Medwedew mit den soziologischen Bedingungen in den russischen Provinzen. Nach dem Ende der Sowjetzeit und dem Zusammenbruch der „Sowjetdisziplin“ in den 1990er Jahren entstand ein Vakuum, das in vielen Regionen zu Kriminalität und Perspektivlosigkeit führte. Viele von Medwedews Schulkameraden endeten in der Kriminalität oder fielen im Krieg. Die Erzieher in den sibirischen Dörfern blicken heute mit einer Mischung aus Wehmut und autoritärer Sehnsucht auf die Vergangenheit zurück. Der Krieg wird in diesem Kontext oft als eine Art notwendiges Übel oder gar als patriotische Pflicht umgedeutet. Seierstad zeigt auf, wie der Staat dieses Vakuum nutzt, um durch paramilitärische Fächer in Schulen und eine verstärkte Kontrolle der Lehrpläne eine neue Generation auf einen autoritären Kurs einzuschwören. Die „Militärische Spezialoperation“ dient dabei als zentrales Narrativ, das jedoch in den Schulen oft peinlich umschifft wird, um die traumatischen Verluste unter den ehemaligen Schülern nicht thematisieren zu müssen.

Die Beteiligten: Akteure zwischen Systemtreue und Widerstand

Das Buch gibt einer breiten Palette von Personen eine Stimme. Auf der einen Seite stehen die sogenannten „Systemträger“, wie der Politologe Fjodor Lukjanow, der den Krieg als notwendige Konsequenz aus Putins Vision einer russlandfreundlichen Ukraine begreift, dabei aber die Dysfunktionalität des Staates einräumt, in der Loyalität die fachliche Kompetenz ersetzt. Auf der anderen Seite stehen mutige Kritiker wie der Nobelpreisträger Dmitri Muratow, der die „Nowaja gaseta“ unter extremen Bedingungen und stark dezimierter Auflage fortführt, um die Mechanismen von Faschismus, Zensur und Denunziation zu analysieren. Besonders tragisch ist das Schicksal von Maria Andrejewa, die durch ihren Einsatz für die Rückkehr ihrer Männer aus der Front in den Fokus der Behörden geriet. Sie wurde zur „Ausländischen Agentin“ erklärt, verlor ihre Anstellung als Kinderärztin und sah sich massiven Kampagnen von Internettrollen und staatlichen Medien ausgesetzt. Auch der Fall des Politikers Lew Schlosberg, der bereits 2014 die geheimen Bestattungen russischer Fallschirmjäger aufdeckte, illustriert die systematische Verfolgung von Kriegsgegnern, die durch Überwachung und finanzielle Schikanen mundtot gemacht werden sollen.

Einordnung: Eine Gesellschaft im Würgegriff

Einzuordnen ist das Buch als ein tiefgreifendes Dokument der gesellschaftlichen Transformation Russlands. Den Berichten zufolge ist das Land nicht nur durch den Krieg in der Ukraine physisch gezeichnet, sondern durchlebt eine moralische und soziale Erosion. Die Autorin verdeutlicht, dass die Repression nicht nur von oben verordnet wird, sondern in der Mitte der Gesellschaft auf fruchtbaren Boden fällt. Die Angst vor Denunziation und die zunehmende soziale Isolation führen dazu, dass selbst einfache Kontakte für eine ausländische Beobachterin wie Seierstad toxisch werden. Die Beobachtung, dass sie von Provokateuren des Inlandsgeheimdienstes kontaktiert wurde, unterstreicht die allgegenwärtige Paranoia. Die Analyse zeigt, dass der Staat ein Klima geschaffen hat, in dem jeder, der nicht aktiv mitmacht, als potenzieller Verräter gilt. Die „Sowjetdisziplin“, die Seierstad als Leitmotiv anführt, ist dabei kein nostalgisches Relikt, sondern eine gelebte Praxis der Unterordnung, die durch den Krieg eine neue, blutige Aktualität erhalten hat. Die Freiheit, die in den 90er Jahren kurz aufblitzte, ist heute weitgehend erstickt.

Offene Fragen: Was im Dunkeln bleibt

Obwohl Seierstad eine beeindruckende Detaildichte liefert, bleiben naturgemäß Aspekte im Verborgenen, die der Recherche in einem autoritären Staat Grenzen setzen. So beantwortet der Quelltext nicht, wie tiefgreifend die psychologischen Langzeitfolgen bei denjenigen sind, die den Krieg aus der Ferne unterstützen, ohne selbst an der Front gewesen zu sein. Auch bleibt die genaue Dynamik innerhalb der engsten Machtzirkel im Kreml, jenseits der offiziösen Narrative von Experten wie Lukjanow, weitgehend spekulativ. Wie viele Menschen in der russischen Bevölkerung tatsächlich hinter dem Krieg stehen und wie viele lediglich aus Angst oder Anpassungsdruck schweigen, lässt sich durch die von Seierstad beschriebene Atmosphäre der Denunziation kaum präzise quantifizieren. Ebenso bleibt die Frage offen, wie die russische Gesellschaft auf einen potenziellen Zusammenbruch der Front oder eine plötzliche Beendigung des Krieges reagieren würde, da die derzeitige politische Struktur jede Form von öffentlicher Debatte über Alternativen zum aktuellen Kurs unterdrückt. Die Lücke zwischen der staatlichen Propaganda und der privaten Meinung der Bürger bleibt ein Bereich, der sich einer empirischen Erfassung weitgehend entzieht.

Wie es weitergeht: Ein Ausblick auf die Konsequenzen

Das Buch endet mit einer Reihe von Entwicklungen, die das Schicksal der Protagonisten nachzeichnen. Es wird deutlich, dass für die meisten Beteiligten kein Weg zurück in ein normales Leben führt. Andrej Medwedew, der in Norwegen kein Asyl erhielt, hat das Land verlassen, was sein weiteres Schicksal ungewiss lässt. Maria Andrejewa hat ihre Aktivitäten bei der Initiative „Weg nach Hause“ aufgrund des enormen staatlichen Drucks reduziert. Besonders gravierend ist die Entwicklung um Lew Schlosberg, der mittlerweile zu einer langjährigen Haftstrafe in einer Strafkolonie verurteilt wurde – eine Konsequenz, die zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung bereits absehbar war, aber die Radikalität des russischen Justizsystems unterstreicht. Der sibirische Schulleiter setzt derweil seine Arbeit fort und baut das paramilitärische Bildungsprogramm weiter aus. Diese Entwicklungen deuten darauf hin, dass die Militarisierung und die Unterdrückung abweichender Meinungen in Russland weiter voranschreiten. Die kommenden Monate und Jahre werden zeigen, ob der innere Druck der Gesellschaft, der durch die stetig steigende Zahl an Toten und die wachsende soziale Not entsteht, jemals die Kraft haben wird, die starren Strukturen des Regimes zu erschüttern oder ob der eingeschlagene Pfad der Repression alternativlos bleibt.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/modell-eines-tanks-auf-weissem-hintergrund-35546855/ · Foto: Matias Luge
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/sachbuch/asne-seierstad-erzaehlt-aus-dem-inneren-der-russischen-gesellschaft-im-krieg-201140380.html