Der aktuelle Stand beim Open-RAN-Ausbau von 1&1
Der Mobilfunkbetreiber 1&1 steht bei der Implementierung seines Open-RAN-Netzwerkes vor einer nüchternen Realität: Bisher konnten keine messbaren Kostenvorteile durch den Einsatz dieser Technologie erzielt werden. Dies bestätigte Michael Martin, der CEO von 1&1 Mobilfunk, am 15. Oktober 2026 im Rahmen der Connect Innovation Days in Berlin. Auf die explizite Frage, ob das Unternehmen durch den technologischen Ansatz bereits Kosten einsparen könne, reagierte Martin zurückhaltend. Er betonte, dass er es bewusst vermeide, mit dem Attribut des „günstigsten Netzes“ zu werben. Solche Aussagen fänden sich daher auch nicht in den offiziellen Präsentationsunterlagen des Unternehmens wieder. Die strategische Ausrichtung von 1&1 sei zu Beginn nicht primär darauf ausgelegt gewesen, ein Netz zu errichten, das kostengünstiger als alle anderen Marktteilnehmer operiert. Vielmehr habe das Ziel darin bestanden, eine souveräne, offene und innovative Infrastruktur zu schaffen. Zwar räumte Martin ein, dass langfristig durch den Wettbewerb zwischen verschiedenen Anbietern eine höhere Effizienz und damit ein Preisvorteil erzielt werden könne, doch das kommerzielle Potenzial sei zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht vollständig gehoben worden. Man befinde sich erst jetzt in einer Phase, in der man sich diesen Zielen langsam annähere.
Details zur technologischen Umsetzung und den Erwartungen
Die Erwartungshaltung an Open RAN war in der Vergangenheit hoch. In den Geschäftsberichten und Factsheets von 1&1 wurde das Einsparpotenzial vor allem über die Vermeidung eines sogenannten Vendor-Lock-ins definiert. Durch offene Schnittstellen sollte ein erhöhter Preisdruck auf die Zulieferer ausgeübt werden. Bereits im August 2021 hatte der 1&1-Vorstandschef Ralph Dommermuth die Hoffnung geäußert, dass das Netz durch einen hohen Automatisierungsgrad mit lediglich 50 Mitarbeitern betrieben werden könne. Die Realität der technischen Umsetzung erweist sich jedoch als komplexer. Michael Martin erläuterte in Berlin, dass die Austauschbarkeit von Komponenten stark vom jeweiligen Element abhänge. Während der Austausch im Core-Netz mit erheblicher Komplexität verbunden sei und nicht innerhalb weniger Wochen oder Monate vollzogen werden könne, gestalte sich der Wechsel auf der Radioseite theoretisch schneller. Martin betonte, dass es prinzipiell möglich sei, städteweise unterschiedliche Anbieter wie Mavenir, Rakuten, Nokia oder andere zu kombinieren. Dennoch warnte er davor, dies als triviale Aufgabe misszuverstehen. Jede Kombination erfordere umfangreiche Interoperabilitätstests, da die Schnittstellen präzise aufeinander abgestimmt werden müssen, was den Prozess technisch anspruchsvoll macht.
Der Hintergrund der technologischen Strategie
Die Entscheidung für Open RAN bei 1&1 basiert auf der Vision von Cloud-basierten, virtualisierten Netzwerkelementen, die auf White-Box-Hardware laufen und durch Integrationssoftware sowie standardisierte Schnittstellen verbunden sind. Dies steht im Kontrast zum traditionellen Ansatz von etablierten Herstellern wie Nokia, Ericsson oder Huawei. Bei diesen Anbietern sind Antennen, Signalverarbeitung, Chipsätze und die Steuerungssoftware tiefgehend und exklusiv aufeinander abgestimmt. Diese enge Integration ermöglicht es den Netzbetreibern, eine sehr hohe Energieeffizienz und eine leistungsstarke Signalverarbeitung zu erreichen, was insbesondere bei der Massive-MIMO-Technologie zum Tragen kommt. Open RAN kann diese spezifische Abstimmung, die bei proprietären Systemen durch eine gemeinsame Entwicklung der Komponenten erreicht wird, nach aktuellem Stand nicht bieten. 1&1 hält jedoch an seiner Strategie fest und argumentiert, dass diese Nachteile nur temporär seien. Das Unternehmen sieht in der Offenheit des Systems eine notwendige Voraussetzung für die langfristige technologische Souveränität, auch wenn die kurzfristigen operativen Vorteile, wie etwa die Energieeffizienz, derzeit noch nicht mit den optimierten Systemen der großen Hersteller konkurrieren können.
Die Akteure und ihre Rollen im Prozess
Die maßgeblichen Akteure bei diesem Vorhaben sind auf der Seite von 1&1 primär CEO Michael Martin und der Vorstandschef Ralph Dommermuth. Während Dommermuth in der frühen Phase des Projekts die visionären Ziele hinsichtlich der Betriebskosten und der Automatisierung formulierte, ist Michael Martin nun mit der operativen Umsetzung und der Kommunikation der aktuellen Fortschritte betraut. Auf der Seite der Zulieferer und potenziellen Partner werden Namen wie Mavenir, Rakuten und Nokia genannt. Diese Unternehmen liefern die notwendigen Komponenten für den Radio-Bereich. Die Rolle von 1&1 besteht dabei nicht nur im Betrieb des Netzes, sondern auch in der komplexen Aufgabe der Systemintegration. Da 1&1 als Integrator auftritt, liegt die Verantwortung für die Interoperabilität der verschiedenen Komponenten bei ihnen. Die institutionelle Ausrichtung von 1&1 ist dabei klar auf den Aufbau eines Netzes fokussiert, das sich von den klassischen Strukturen abhebt, wobei das Unternehmen als treibende Kraft für die Verbreitung von Open-RAN-Standards in Deutschland agiert.
Einordnung der aktuellen Situation
Einzuordnen ist die aktuelle Situation so, dass 1&1 sich in einer schwierigen Transformationsphase befindet, in der die theoretischen Vorteile von Open RAN auf die harte Realität der Systemintegration treffen. Den Berichten zufolge ist die technologische Komplexität, die durch die Entkopplung von Hard- und Software entsteht, deutlich höher als in der frühen Planungsphase angenommen. Während die Unabhängigkeit von einzelnen Herstellern – das sogenannte Vendor-Lock-in – erfolgreich vermieden wird, erkauft sich der Betreiber dies mit einem erheblichen Aufwand bei der Abstimmung der Schnittstellen. Die Aussage von Michael Martin, dass man das kommerzielle Potenzial noch nicht gehoben habe, ist als Eingeständnis zu werten, dass die Skaleneffekte und die Effizienzsteigerungen, die man sich von der Technologie versprochen hatte, bisher ausgeblieben sind. Es zeigt sich, dass die industrielle Reife von Open RAN noch nicht das Niveau erreicht hat, das für eine nahtlose und kosteneffiziente Implementierung im großen Stil erforderlich wäre. Die strategische Entscheidung für Offenheit wird somit derzeit noch durch operative Hürden begrenzt.
Offene Fragen und verbleibende Lücken
Der vorliegende Bericht lässt einige zentrale Fragen unbeantwortet, die für eine abschließende Bewertung des Projekts von Bedeutung wären. So bleibt unklar, wann genau 1&1 mit dem Erreichen der erhofften Kostenvorteile rechnet. Es gibt keinen konkreten Zeitplan, bis zu dem die Interoperabilitätstests so weit fortgeschritten sein sollen, dass ein echter Wettbewerb zwischen den Zulieferern die Preise signifikant senkt. Zudem wird nicht detailliert ausgeführt, welche konkreten Mehrkosten durch die notwendige Integrationssoftware und die aufwendigen Anpassungen der Schnittstellen entstehen. Auch die Frage, wie sich die Energieeffizienz des 1&1-Netzes im direkten Vergleich zu den optimierten Systemen der Konkurrenz entwickelt, bleibt offen. Der Quelltext macht keine Angaben dazu, ob und wann die technologische Lücke bei der Energieeffizienz, insbesondere bei Massive MIMO, geschlossen werden soll. Es bleibt somit eine Lücke zwischen der strategischen Vision und der konkreten, messbaren Wirtschaftlichkeit, deren Schließung von vielen unbekannten Faktoren abhängt.
Ausblick auf die weitere Entwicklung
Wie es weitergeht, bleibt weitgehend den operativen Entscheidungen von 1&1 überlassen. Aus dem Bericht geht hervor, dass das Unternehmen weiterhin an der Strategie festhält, das Netz durch den Einsatz verschiedener Anbieter städteweise auszubauen. Es sind keine Termine für den Abschluss der Integrationsphase oder für die Einführung neuer, effizienterer Hardware-Generationen genannt. Die Ankündigung von Michael Martin, dass man sich jetzt erst in die Richtung bewege, in der das kommerzielle Potenzial gehoben werden könne, deutet darauf hin, dass 1&1 den Ausbauprozess fortsetzt, ohne jedoch kurzfristige Änderungen an der technologischen Architektur vorzunehmen. Die kommenden Monate werden zeigen, ob die Interoperabilitätstests erfolgreich in eine breitere Anwendung überführt werden können. Entscheidungen über den weiteren Rollout und die Auswahl der Zulieferer für zukünftige Gebiete werden weiterhin auf Basis der technischen Machbarkeit und der erzielten Fortschritte bei der Systemintegration getroffen werden müssen, wobei der Fokus weiterhin auf der souveränen Gestaltung des Netzes liegt.