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Nach dem Rauswurf: Geschasster Grasset-Chef gründet eigenes Haus
Kultur · 21.08.2026 13:23

Nach dem Rauswurf: Geschasster Grasset-Chef gründet eigenes Haus

Kurz: Nach seinem überraschenden Abschied vom renommierten Verlag Grasset schlägt Olivier Nora ein neues Kapitel auf und gründet ein eigenes Verlagshaus.

Ein Neuanfang nach dem abrupten Abschied

Nur vier Monate nach seinem erzwungenen Ausscheiden aus der Führungsebene des traditionsreichen Pariser Literaturverlags Grasset wagt Olivier Nora den Schritt in die unternehmerische Selbstständigkeit. Der erfahrene Verleger, der über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg die Geschicke des Hauses maßgeblich prägte, hat die Gründung seines eigenen Verlags unter dem Namen „Olivier Nora Éditions“ offiziell bekannt gegeben. Dieser Schritt markiert eine Zäsur in der französischen Verlagslandschaft, da Nora als eine der profiliertesten Persönlichkeiten der Branche gilt. Die Ankündigung erfolgt in einer Zeit, in der die französische Buchwelt durch interne Machtkämpfe und politische Kontroversen innerhalb großer Konzernstrukturen aufgewühlt ist. Mit der Gründung seines eigenen Hauses möchte Nora nun wieder inhaltliche Autonomie gewinnen und seine verlegerische Vision unabhängig von den Zwängen großer Mutterkonzerne verfolgen. Die Branche blickt gespannt darauf, wie der Verleger seine langjährige Expertise in dieses neue, eigenständige Projekt einbringen wird, um sich im hart umkämpften französischen Markt zu behaupten.

Strategische Ausrichtung und operative Details

Das Programm von „Olivier Nora Éditions“ ist ambitioniert und breit gefächert. Laut einem offiziellen Kommuniqué ist geplant, ab Januar 2027 jährlich zwischen dreißig und fünfzig neue Werke zu veröffentlichen. Das Portfolio soll dabei sowohl fiktionale Literatur als auch anspruchsvolle Sachbücher umfassen, wobei Nora sowohl auf französische Originalausgaben als auch auf Übersetzungen setzen will. Eine wesentliche Stütze für das neue Unternehmen ist die Kooperation mit der Verlagsgruppe Editis, die als zweitgrößte Gruppe Frankreichs fungiert. Editis beteiligt sich nicht nur als Minderheitsaktionär an dem neuen Haus, sondern übernimmt zudem die logistische Aufgabe des Vertriebs. Ein besonderer Clou ist der vorgezogene Start: Bereits im Oktober dieses Jahres erscheinen die ersten beiden Titel in einer strategischen Zusammenarbeit mit der Editis-Tochter Plon. Dabei handelt es sich um die „Provisorischen Memoiren“ des prominenten Intellektuellen Bernard-Henri Lévy sowie einen Band mit Predigten der Reformrabbinerin Delphine Horvilleur. Diese Auswahl unterstreicht den Anspruch des Verlags, intellektuell anspruchsvolle und gesellschaftlich relevante Themen in den Mittelpunkt zu stellen.

Die Hintergründe des Zerwürfnisses

Der Gründung ging ein dramatischer Prozess voraus. Olivier Nora war im April dieses Jahres nach einer beeindruckenden Amtszeit von sechsundzwanzig Jahren an der Spitze von Grasset vom Mutterkonzern Hachette entlassen worden. Der Rauswurf des damals sechsundsechzigjährigen Verlegers löste in der französischen Kulturszene ein Erdbeben aus. Auslöser für den Konflikt waren fundamentale inhaltliche Differenzen. Nora hatte sich entschieden gegen die Veröffentlichung eines Buches des Verlegers von Jordan Bardella, dem Präsidenten der rechtsextremen Partei Rassemblement national, gestellt. Zudem gab es erhebliche Meinungsverschiedenheiten über die Publikationsstrategie bezüglich des Autors Boualem Sansal, dessen Werk die Konzernleitung bei Grasset forcieren wollte, während Nora offenbar andere Prioritäten setzte. Diese Auseinandersetzungen spiegeln die zunehmende Politisierung der Verlagslandschaft wider, insbesondere seit der Übernahme des Hachette-Konzerns durch den Vivendi-Konzern Ende 2023. Vivendi steht unter der Kontrolle des Milliardärs Vincent Bolloré, dessen politischer Einfluss in Frankreich als rechtsextrem eingestuft wird und der bereits mehrfach für seine Eingriffe in mediale Strukturen kritisiert wurde.

Die Akteure und der Exodus bei Grasset

Die Entlassung von Olivier Nora blieb nicht ohne Folgen für den Verlag Grasset selbst. Der Rauswurf des hochgeschätzten Verlegers löste eine Welle der Solidarität unter den Autoren aus. Hunderte von Schriftstellern, die über Jahre hinweg eng mit Nora zusammengearbeitet hatten, kehrten dem Verlag nach dem abrupten Personalwechsel den Rücken. Dieses Ereignis wurde in der Branche als „Exodus“ bezeichnet und verdeutlichte die tiefe Verbundenheit zwischen Nora und seinen Autoren. Auf der einen Seite steht nun der Konzernriese Hachette, der unter der Ägide von Vincent Bolloré eine neue strategische Richtung eingeschlagen hat, die von vielen Kulturschaffenden als Bedrohung der künstlerischen Freiheit wahrgenommen wird. Auf der anderen Seite steht Olivier Nora, der nun mit „Olivier Nora Éditions“ versucht, eine Alternative zu schaffen. Unterstützt wird er dabei durch die Partnerschaft mit Editis, während die prominenten Autoren Bernard-Henri Lévy und Delphine Horvilleur durch ihre Zusammenarbeit mit dem neuen Haus ein deutliches Zeichen setzen. Die Akteure stehen somit in einem Spannungsfeld zwischen ökonomischer Machtkonzentration und dem Wunsch nach intellektueller Unabhängigkeit.

Einordnung und offene Fragen

Einzuordnen ist dieser Vorgang als ein Symptom für die tiefgreifenden Veränderungen im französischen Verlagswesen. Den Berichten zufolge markiert der Fall Nora den Höhepunkt einer Entwicklung, in der sich die Verlagsleitungen zunehmend zwischen den Interessen der Eigentümer und der künstlerischen Integrität ihrer Programme zerrieben sehen. Dass ein erfahrener Verleger wie Nora nach einer so langen Karriere entlassen wird, gilt in der Branche als ungewöhnlich und zeigt die Härte der aktuellen Auseinandersetzungen. Dennoch bleiben einige Fragen unbeantwortet. So ist beispielsweise unklar, wie sich die finanzielle Abhängigkeit von Editis auf die langfristige inhaltliche Freiheit des neuen Verlags auswirken könnte, auch wenn Editis derzeit nur als Minderheitsaktionär auftritt. Ebenso lässt der Quelltext offen, ob weitere Autoren des ehemaligen Grasset-Stammes zu Nora wechseln werden. Auch die konkreten Details der vertraglichen Vereinbarungen zwischen Nora und Editis sowie die genaue Strategie, wie man sich gegen die marktbeherrschende Stellung von Bolloré-nahen Verlagen behaupten will, bleiben vorerst Spekulation. Der Erfolg des neuen Hauses wird maßgeblich davon abhängen, ob Nora es schafft, sein Netzwerk aus Autoren und Lesern dauerhaft an das neue Projekt zu binden.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/charmantes-rotziegelgebaude-mit-grunem-baum-31779151/ · Foto: Sergej *****
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/der-franzoesische-verleger-olivier-nora-gruendet-einen-neuen-verlag-accg-201147297.html