Ein Insekt auf dem Vormarsch
In diesem Sommer verzeichnet Deutschland ein außergewöhnliches Phänomen: Die Gottesanbeterin, wissenschaftlich als *Mantis religiosa* bekannt, wurde so häufig gesichtet wie nie zuvor. Wie der Naturschutzbund Deutschland (NABU) mitteilte, hat sich die Fangschrecke, die noch vor wenigen Jahrzehnten als seltene Exotin galt und lediglich im äußersten Süden der Republik heimisch war, mittlerweile in weiten Teilen des Landes etabliert.
Die Ausbreitung ist ein direktes Resultat des Klimawandels. Die steigenden Temperaturen begünstigen die Ansiedlung der ursprünglich aus Afrika stammenden Art, die sonnige und trockenwarme Habitate bevorzugt. Während die Tiere früher auf den äußersten Süden begrenzt waren, finden sich heute signifikante Populationen entlang des Rheins sowie in den östlichen Bundesländern.
Wo die Gottesanbeterin zu finden ist
Obwohl die Art mittlerweile in jedem Bundesland nachgewiesen werden konnte, gibt es regionale Unterschiede in der Besiedlungsdichte. Laut Helge May, Sprecher des NABU, meidet die Fangschrecke derzeit noch die kühleren Mittelgebirgslagen sowie den Norden Deutschlands. Dennoch zeigen die Daten eine klare Tendenz: Die klimatischen Bedingungen werden für die Insekten zunehmend günstiger.
Wer die Tiere beobachten möchte, sollte seinen Blick auf sonnenexponierte Flächen richten. Zu den bevorzugten Lebensräumen zählen:
* Halbtrockenrasen
* Gras- und Buschlandschaften
* Ruderalflächen
* Gärten mit sonnigen Staudenbeeten
Da die Tiere meist regungslos verharren und ihre grüne oder braune Färbung eine hervorragende Tarnung bietet, erfordert ihre Entdeckung etwas Geduld. Oftmals werden sie erst bemerkt, wenn sie auf der Suche nach Nahrung oder einem Paarungspartner kurze Flüge unternehmen und dabei versehentlich in menschliche Siedlungen oder sogar Wohnräume gelangen.
Biologische Besonderheiten und Verhalten
Die Gottesanbeterin ist für den Menschen vollkommen harmlos. Sie besitzt weder Gift noch verfügt sie über einen Stachel, der für den Menschen gefährlich werden könnte. Ihre markanten Fangarme, die ihr den Namen verliehen haben, dienen ausschließlich dem Beutefang.
Das Paarungsverhalten der Insekten ist in der Naturbeobachtung oft ein Thema, da es als besonders drastisch wahrgenommen wird. Ein erheblicher Teil der Männchen stirbt unmittelbar nach der Paarung, da sie den Weibchen als Nahrung dienen. Aus biologischer Sicht ist dies jedoch ein effizienter Prozess: Die Männchen haben ihre Rolle bei der Fortpflanzung erfüllt, während die Weibchen die notwendige Energie für die anstrengende Produktion ihrer Eier gewinnen. Die Eier werden in sogenannten Ootheken abgelegt, die den Winter überdauern, um im nächsten Jahr die nächste Generation hervorzubringen.
Unterstützung durch Bürgerwissenschaft
Der NABU ruft dazu auf, Sichtungen der Gottesanbeterin zu melden. Da die Art durch ihre großen Fangarme nahezu unverwechselbar ist, sind die von Laien eingesandten Fotos meist sehr präzise und weisen kaum Fehlbestimmungen auf. Die Tiere sind in der Regel ruhig und lassen sich gut fotografieren, was sie zu einem idealen Studienobjekt für Naturbegeisterte macht.
Die Beobachtungsphase dauert in der Regel bis Ende September an. Danach ziehen sich die ausgewachsenen Tiere zurück, und der Lebenszyklus der diesjährigen Generation neigt sich dem Ende zu. Die zunehmende Präsenz dieser faszinierenden Insekten in deutschen Gärten unterstreicht den Wandel unserer heimischen Fauna, der eng mit der klimatischen Entwicklung verknüpft ist.