Ein Zeichen gegen das Vergessen: Der neue Margot-Friedländer-Weg
Am 30. Oktober 2026 fand in Kassel ein besonderer Festakt statt, der weit über eine bloße Straßenumbenennung hinausgeht. Der Zufahrtsweg, der direkt zum Anne-Frank-Haus sowie zur Kita Rothenditmold führt, trägt nun offiziell den Namen Margot-Friedländer-Weg. Mit dieser feierlichen Widmung setzt die Stadt Kassel ein deutliches Zeichen der Erinnerungskultur. Die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer, die Zeit ihres Lebens unermüdlich vor dem Vergessen warnte und den Appell „Seid Menschen!“ zu ihrem zentralen Anliegen machte, wird damit im Stadtbild dauerhaft gewürdigt. Die Einweihung fand im Beisein zahlreicher Gäste statt, darunter offizielle Vertreter der Stadtverwaltung sowie Mitglieder des Ortsbeirats. Besonders hervorzuheben ist, dass die Initiative für diese Umbenennung nicht von der Verwaltung ausging, sondern direkt aus der Mitte der jungen Generation stammte. Jugendliche, die das Anne-Frank-Haus regelmäßig besuchen, hatten den Wunsch geäußert, dem bislang namenlosen Zufahrtsweg eine eigene Identität zu verleihen und dabei eine Persönlichkeit zu ehren, deren Lebenswerk sie tief beeindruckt hat. Die Enthüllung des neuen Straßenschildes an der Ecke Witzenhäuser Straße und Marburger Straße markierte den offiziellen Beginn einer neuen Ära für diesen Ortsteil, der nun eng mit dem Namen einer der bedeutendsten Zeitzeuginnen der deutschen Geschichte verbunden ist.
Details zur feierlichen Zeremonie und den Beteiligten
Die Einweihungsfeierlichkeiten begannen am Nachmittag des 30. Oktober 2026 mit der Enthüllung des Straßenschildes durch die Jugendlichen des Anne-Frank-Hauses. Zu den anwesenden Ehrengästen zählten die Stadtklimarätin Simone Fedderke sowie der Ortsvorsteher Hans Roth. Auch Vertreter des Ortsbeirats Rothenditmold waren erschienen, um den feierlichen Moment zu begleiten. Nach dem offiziellen Akt im Außenbereich verlagerte sich das Geschehen in den großen Saal des Anne-Frank-Hauses, wo die eigentliche Einweihungsfeier abgehalten wurde. Anja Brost und Christoph Müller vom Anne-Frank-Haus nahmen ebenfalls an den Feierlichkeiten teil. Ein zentrales Element der Gestaltung war ein von den Jugendlichen selbst entworfenes Bild, das Zitate von Margot Friedländer in den Mittelpunkt rückte. Die Wahl des Namens ist dabei kein Zufall: Margot Friedländer, die am 9. Mai 2025 in Berlin im Alter von 103 Jahren verstarb, hatte sich nach ihrer Rückkehr nach Deutschland intensiv der Aufklärungsarbeit gewidmet. Dass nun ein Weg, der zu einer Einrichtung der Kinder- und Jugendförderung führt, ihren Namen trägt, fügt sich in ihr Lebensmotto ein, junge Menschen zu „Zweit-Zeugen“ zu machen, die das Wissen über die Verbrechen des Nationalsozialismus in die Zukunft tragen sollen.
Der Weg zur Umbenennung: Ein Beteiligungsprojekt mit Geschichte
Die Geschichte hinter der Namensgebung ist eng mit praktischen Problemen des Alltags verknüpft, die jedoch durch bürgerschaftliches Engagement in eine sinnvolle Richtung gelenkt wurden. Über einen längeren Zeitraum hinweg stellte sich die postalische Erreichbarkeit des Anne-Frank-Hauses und der Kita Rothenditmold als schwierig dar. Ortsunkundige Besucher, aber auch Lieferdienste und Rettungskräfte wurden durch Navigationssysteme und digitale Kartendienste wie Google Maps regelmäßig in die Irre geführt, da der Zufahrtsweg keine eindeutige Adresse besaß. Die Jugendlichen, die das Jugendzentrum nutzen, erkannten diesen Missstand und entwickelten die Idee, dem Weg einen offiziellen Namen zu geben. Sie wünschten sich eine Bezeichnung, die nicht nur die Orientierung erleichtert, sondern auch einen inhaltlichen Mehrwert bietet. Der Vorschlag, den Weg durch den Rothenbergpark nach Margot Friedländer zu benennen, stieß im Ortsbeirat Rothenditmold auf offene Ohren. In der Sitzung am 12. Juni 2025 wurde das Vorhaben einstimmig beschlossen. Dieser demokratische Prozess fand schließlich seine Fortsetzung im Magistrat der Stadt Kassel, der am 12. August 2025 grünes Licht für die Umbenennung gab. Damit wurde ein Wunsch der Jugend erfolgreich in die Tat umgesetzt.
Die Akteure hinter dem Projekt: Jugend und Politik im Dialog
Die Realisierung des Margot-Friedländer-Wegs ist das Ergebnis einer engen Zusammenarbeit zwischen der jungen Generation und den politischen Entscheidungsträgern der Stadt Kassel. Die Jugendlichen des Anne-Frank-Hauses fungierten als Impulsgeber. Ihr Engagement wurde von der Stadtklimarätin Simone Fedderke in ihrer Rede besonders hervorgehoben. Sie betonte, dass Margot Friedländer bei ihrer Rückkehr aus den USA nach Deutschland stets den Dialog mit der Jugend gesucht habe. Die Verstorbene besuchte zahlreiche Schulen und sprach offen über ihre Erlebnisse während der Zeit des Nationalsozialismus. Die Stadtklimarätin lobte die Jugendlichen dafür, dass sie dieses Erbe aktiv aufgreifen und durch die Namensgebung sicherstellen, dass die Erinnerung an Friedländer auch nach deren Tod lebendig bleibt. Der Ortsvorsteher Hans Roth und die Mitglieder des Ortsbeirats Rothenditmold spielten eine entscheidende Rolle als Vermittler und Unterstützer, die das Anliegen der Jugendlichen in die offiziellen städtischen Gremien trugen. Diese Konstellation zeigt, wie lokale Politik und jugendliches Engagement erfolgreich zusammenwirken können, um das Stadtbild mit einer bedeutungsvollen Note zu versehen.
Einordnung: Warum dieser Name eine besondere Bedeutung trägt
Einzuordnen ist die Benennung des Weges als Teil einer bundesweiten Entwicklung. Margot Friedländer, die als eine der letzten großen Zeitzeuginnen des Holocaust gilt, hat durch ihre Arbeit eine ganze Generation geprägt. Dass nun in Kassel ein Weg nach ihr benannt wurde, ist ein Ausdruck der Wertschätzung für ihr Lebenswerk. Den Berichten zufolge ist Kassel damit Teil einer wachsenden Zahl von Städten, die sich dazu entschlossen haben, Schulen, Plätze oder Straßen nach der Holocaust-Überlebenden zu benennen. Die Wahl des Ortes – ein Weg, der zu einer Kinder- und Jugendeinrichtung führt – ist dabei symbolträchtig. Es unterstreicht den pädagogischen Auftrag, den Margot Friedländer selbst immer wieder betonte: Die junge Generation soll als „Zweit-Zeuge“ fungieren. Die Umbenennung ist somit mehr als eine rein administrative Maßnahme zur Verbesserung der postalischen Erreichbarkeit; sie ist ein pädagogisches Instrument. Durch die tägliche Konfrontation mit dem Namen auf dem Weg zur Kita oder zum Jugendzentrum wird die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus in den Alltag der Menschen in Rothenditmold integriert. Es ist ein bewusster Akt gegen das Vergessen, der eine Brücke zwischen der schrecklichen Vergangenheit und der Verantwortung der Zukunft schlägt.
Offene Fragen und der Blick in die Zukunft
Obwohl die Einweihung ein abgeschlossener Akt ist, bleiben einige Aspekte des Projekts im Dunkeln. Der Quelltext macht keine Angaben dazu, ob die Umbenennung Auswirkungen auf die postalischen Adressen der angrenzenden Anwohner oder weiterer Einrichtungen im Rothenbergpark hat, die nicht direkt zum Anne-Frank-Haus oder zur Kita gehören. Auch über die genauen Kosten, die durch die Umstellung der Beschilderung und die Anpassung der städtischen Register entstanden sind, liegen keine Informationen vor. Zudem bleibt offen, ob die Stadt Kassel plant, in Zukunft weitere Orte nach anderen Zeitzeugen zu benennen oder ob dies ein einmaliges Projekt im Rahmen der Jugendförderung war. Was die Zukunft betrifft, so ist davon auszugehen, dass das Anne-Frank-Haus den neuen Namen als Anlass nehmen wird, um die pädagogische Arbeit rund um das Leben von Margot Friedländer weiter zu intensivieren. Die Jugendlichen, die das Projekt initiiert haben, haben durch ihren Erfolg bewiesen, dass sie in der Lage sind, politische Prozesse erfolgreich zu beeinflussen. Es bleibt abzuwarten, ob dieses Beispiel Schule macht und weitere Beteiligungsprojekte dieser Art in Kassel nach sich ziehen wird. Die Einweihung markiert somit nicht das Ende der Bemühungen, sondern den Beginn einer dauerhaften Erinnerung an einem Ort, der nun offiziell den Namen Margot Friedländer trägt.