Was geschehen ist – die Kernmeldung
Der Dirigent Sébastien Daucé hat gemeinsam mit dem Ensemble Correspondances eine neue Aufnahme von Francesco Cavallis Oper „La Calisto“ vorgelegt. Das Werk, das aus der Feder des bedeutendsten Schülers von Claudio Monteverdi stammt, wurde im Sommer 2025 beim Festival in Aix-en-Provence aufgeführt. Die nun vorliegende Live-Aufnahme dokumentiert eine musikalische Interpretation, die den Anspruch erhebt, das Werk als eine der bedeutendsten Barockopern neu zu positionieren. Daucé wählte für diese Produktion einen besonderen Ansatz: Da das Originalwerk für eine sehr kleine Besetzung im venezianischen Teatro Sant’Apollinare des Jahres 1651 konzipiert war, erweiterte er den Orchestersatz für die Aufführung auf der großen Freiluftbühne in Aix-en-Provence. Durch die Hinzunahme von Bläsern, Perkussion und zusätzlichen Bratschenstimmen sowie die Ergänzung von instrumentalen Sätzen aus dem Umfeld Cavallis schuf er ein Klangbild, das die historische Aufführungspraxis mit moderner orchestraler Fülle verbindet. Die Aufnahme bei Harmonia Mundi gilt als ein bedeutender Beitrag zur Wiederentdeckung dieses lange unterschätzten Komponisten, dessen Werk oft im Schatten seines Lehrers Monteverdi stand.
Die Einzelheiten der Produktion
Die Neuaufnahme unter der Leitung von Sébastien Daucé zeichnet sich durch eine sorgfältige Rekonstruktion und Erweiterung der Partitur aus. Während Cavalli bei der Uraufführung 1651 lediglich auf sechs Instrumentalisten – drei für das Continuo und drei Streicher – zurückgreifen konnte, nutzte Daucé für die aktuelle Produktion Vorbilder aus Cavallis späterem Schaffen, etwa die prunkvolle Oper „Ercole amante“ von 1660. Diese wurde einst anlässlich der Hochzeit von Ludwig XIV. mit Maria Theresia von Spanien komponiert. Daucé ergänzte das Orchester um zwei Bratschenstimmen sowie Bläser und Perkussion, um eine farbsatte Textur zu erzielen. Zudem wurden fehlende instrumentale Sätze, sogenannte Sinfonie, aus anderen Werken Cavallis und zeitgenössischer norditalienischer Komponisten integriert. Die Besetzung der Hauptrollen ist hochkarätig: Lauranne Oliva übernimmt die Partie der Calisto, während Alex Rosen sowohl den Jupiter als auch die Rolle des Jupiters in der Gestalt der Diana verkörpert. Anna Bonitatibus ist in den Rollen der Juno und der Eternità zu hören, und Paul-Antoine Bénos-Djian singt den Hirten Endimione. Die Aufnahme ist unter der Nummer HMM 902801.03 bei Harmonia Mundi erschienen.
Hintergrund und historische Einordnung
Francesco Cavalli war lange Zeit ein Komponist, dessen Werk zwar in Fachkreisen bekannt, aber in den Spielplänen der Opernhäuser unterrepräsentiert war. Der Schatten seines Lehrers Claudio Monteverdi war über Jahrhunderte zu groß, und die Überlieferung des Aufführungsmaterials galt als lückenhaft. Erst in jüngerer Zeit findet eine intensivere Auseinandersetzung mit seinem Schaffen statt. Ein Beispiel hierfür ist die Wiederentdeckung des Werkes „Eliogabalo“, das 1999 wiedergefunden und 2022 an der Oper Zürich aufgeführt wurde. „La Calisto“ selbst basiert auf einem Libretto von Giovanni Faustini, dem langjährigen Partner Cavallis und Leiter des Teatro Sant’Apollinare. Das Libretto greift den antiken Mythos der Nymphe Calisto auf, die vom Göttervater Jupiter umgarnt wird. Die venezianische Oper des 17. Jahrhunderts zeichnete sich durch eine liberale Moral aus, die in „La Calisto“ in einem Wechselspiel zwischen existenzieller Tragik und bukolischem Vergnügen zum Ausdruck kommt. Diese Freiheit ermöglichte es Cavalli, sich von starren Formen zu lösen und einen fließenden, monodischen Stil zu entwickeln, der den Grundstein für spätere dramatische Ideale legte.
Die Beteiligten und ihre Rollen
Im Zentrum der Produktion steht der Dirigent Sébastien Daucé, der das Ensemble Correspondances leitet. Daucé zeichnet verantwortlich für die musikalische Konzeption und die Erweiterung des Orchestersatzes. Die Regie der Aufführung in Aix-en-Provence lag in den Händen von Jetske Mijnssen, die die Bühne durch Elemente wie höfischen Tanz belebte. Auf der Seite der Solisten beeindruckt Lauranne Oliva in der Titelrolle der Calisto; ihre Interpretation des Lamentos „Piangete“ und der Elegie „Restino imbalsamate“ wird für ihr Gespür für Phrasenhöhepunkte gelobt. Alex Rosen übernimmt eine technisch anspruchsvolle Doppelrolle: Er muss als Jupiter in der Verkleidung als Diana die Kopfstimme sicher führen, während er gleichzeitig als Jupiter mit seinem Bass Autorität vermittelt. Anna Bonitatibus verkörpert die Juno und die Eternità, während Paul-Antoine Bénos-Djian als Endimione mit einem voluminösen Countertenor überzeugt. Diese Künstler bilden ein Ensemble, das die kleinteilige Struktur der Cavalli-Partitur in einen Rausch konzentrierter Sinnlichkeit verwandelt, wobei die instrumentale und vokale Ebene organisch miteinander verschmelzen.
Einordnung der musikalischen Qualität
Den Berichten zufolge stellt diese Aufnahme einen Wendepunkt in der Wahrnehmung von Cavallis Musik dar. Einzuordnen ist das so: Während frühere Aufnahmen, etwa die 1995 unter René Jacobs entstandene Einspielung, oft eine spröde Klanguniformität aufwiesen, besticht die neue Produktion durch eine enorme Farbigkeit. Die Entscheidung Daucés, die Partitur durch zusätzliche Instrumentalsätze zu vervollständigen, wird als „im besten Sinne authentische Aufführungspraxis“ gewertet. Musikalisch zeigt sich hier, wie weit Cavalli bereits Mitte des 17. Jahrhunderts von dem starren Wechselspiel zwischen Da-capo-Arien und Rezitativen der späteren Opera seria entfernt war. Sein Stil ist geprägt von einem geschmeidigen Übergang zwischen rezitativischen Passagen und flüchtigen Ariosi. Diese Struktur, die beim bloßen Lesen der Partitur oder in weniger inspirierten Aufnahmen zäh wirken kann, entfaltet sich hier zu einer dramatischen Dichte, die laut der Kritik bereits an die Ideale von Gluck und Wagner erinnert. Die dunkle Klangfarbe des Ensembles, kombiniert mit schimmernden Bläsern, verleiht dem Werk eine neue, sinnliche Dimension.
Offene Fragen zur Werkgeschichte
Obwohl die Aufnahme viele Aspekte der Musik Cavallis erhellt, bleiben einige Fragen zur ursprünglichen Aufführungspraxis und den genauen Intentionen des Librettisten Giovanni Faustini bestehen. Der Quelltext lässt offen, inwieweit die von Daucé vorgenommenen Ergänzungen der „Sinfonie“ den tatsächlichen, aber verlorenen Vorstellungen Cavallis entsprechen oder ob sie eine moderne Interpretation darstellen, die über das historisch Belegbare hinausgeht. Zudem wird nicht explizit geklärt, wie die zeitgenössische Rezeption in Venedig im Jahr 1651 auf die spezifische Behandlung des Mythos reagierte, insbesondere auf die Abweichung von Ovids Vorlage, in der die Vergewaltigung der Calisto bei Faustini in ein einvernehmliches Spiel umgedeutet wird. Auch bleibt die Frage unbeantwortet, wie die Balance zwischen der „geifernden Juno“ und der „göttlichen Sexualmoral“ in der damaligen Zeit genau wahrgenommen wurde, da das Libretto eine für das 17. Jahrhundert typische, aber heute schwer zu dechiffrierende Mischung aus Tragik und Komik darstellt.
Wie es weitergeht
Die Veröffentlichung der Aufnahme bei Harmonia Mundi ist ein fester Bestandteil der aktuellen Bemühungen, das Werk Francesco Cavallis dauerhaft in den Spielplänen der internationalen Opernhäuser zu etablieren. Nachdem die Produktion in Aix-en-Provence bereits erfolgreich aufgeführt wurde, dient die Live-Aufnahme nun als Referenz für zukünftige Interpretationen. Ob und wann weitere Werke Cavallis in einer ähnlich aufwendigen Weise rekonstruiert und auf die Bühne gebracht werden, ist zwar nicht explizit terminiert, doch der Erfolg dieser Produktion unterstreicht das wachsende Interesse an der Barockoper jenseits der bekannten Namen. Für Musikliebhaber bietet die Aufnahme eine fundierte Grundlage, um die Entwicklung der Operngeschichte vom frühen Barock bis hin zur späteren Opera seria nachzuvollziehen. Die künstlerische Arbeit von Sébastien Daucé und dem Ensemble Correspondances setzt damit einen Maßstab für die Auseinandersetzung mit „bekannten Unbekannten“ der Musikgeschichte, die nun, wie im Fall von Cavalli, zunehmend in die erste Riege der Barockopern aufrücken.