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Kleine Holzbohrmuscheln - gewaltiger Schaden
Schlagzeilen · 19.08.2026 14:15

Kleine Holzbohrmuscheln - gewaltiger Schaden

Kurz: In Bremerhaven verursachen Holzbohrmuscheln massive Schäden an historischen Hafenanlagen. Die Sanierungskosten gehen in die Millionen.

Eine unterschätzte Gefahr aus der Tiefe

In Bremerhaven sorgt eine unscheinbare, aber verheerende Bedrohung für massive Probleme an der städtischen Infrastruktur. Die Rede ist von der Holzbohrmuschel, wissenschaftlich unter dem Namen Teredo navalis bekannt. Dieses kleine, wurmartige Lebewesen hat sich in den historischen Hafenbecken der Stadt massiv ausgebreitet und nagt buchstäblich an den Grundfesten der maritimen Anlagen. Die Folgen sind für die Stadtverwaltung und die Betreiber der Hafenanlagen gravierend: Kaimauern haben begonnen abzusacken, was bereits zu weitreichenden Absperrungen und der Stilllegung eines wichtigen Fähranlegers geführt hat. Was auf den ersten Blick wie ein lokales Ärgernis wirken mag, entpuppt sich als ein finanzielles Millionengrab. Die Schäden sind so weitreichend, dass Experten bereits vor einer Ausbreitung der Muschel in weitere norddeutsche Gewässer warnen. Die Situation verdeutlicht, wie anfällig historische Holzkonstruktionen gegenüber biologischen Einflüssen sind, wenn sich Umweltbedingungen verändern. Während die Stadt nun vor der Herausforderung steht, die Sicherheit der Anlagen durch aufwendige Sanierungsarbeiten wiederherzustellen, stellt sich die grundsätzliche Frage nach der Zukunft von Holz als Baustoff im Wasserbau.

Details zu den Schäden und betroffenen Anlagen

Die konkreten Auswirkungen des Muschelbefalls sind in Bremerhaven unübersehbar. Besonders kritisch ist die Lage an der 240 Meter langen Nord-Ost-Kaje sowie an den historischen Brücken, die den Verbindungskanal zwischen dem Alten und dem Neuen Hafen überspannen. Diese Bauwerke galten lange Zeit als sicher, doch die Realität hat die Verantwortlichen eingeholt. Ein besonders prägnantes Beispiel für die Zerstörungskraft der Muscheln ist der Zustieg zur Weserfähre, die eine Verbindung nach Nordenham herstellt. Im Frühsommer dieses Jahres sackte der Anleger plötzlich ab und wies deutliche Risse auf, was die sofortige Stilllegung erforderlich machte. Dies ist umso überraschender, da eine Inspektion der Stützen lediglich drei Jahre zuvor noch keine Mängel festgestellt hatte. Die betroffenen Kajen stützen sich auf massive Holzpfähle aus Fichtenholz, die eine Länge von 15 bis 20 Metern aufweisen und vor etwa einem Jahrhundert errichtet wurden. Diese Konstruktionen sind nun das Ziel der Muscheln, die mit ihren winzigen Schalen das Holz systematisch abtragen. Die Kosten für die Sanierung allein des Verbindungskanals werden derzeit auf rund 32 Millionen Euro geschätzt, wobei die Gesamtkosten für die Stadt nach wie vor nicht exakt bezifferbar sind.

Historischer Kontext und bisherige Entwicklung

Die Holzbohrmuschel ist keineswegs ein neues Phänomen, sondern ein seit Jahrhunderten bekannter Schädling. Bereits im Jahr 1503 beklagte Christoph Kolumbus, dass sogenannte Schiffswürmer seine Schiffe durchlöcherten, was während seiner vierten Amerikafahrt sogar zu einem Schiffbruch vor Jamaika führte. Nach einer Phase der relativen Unauffälligkeit taucht die Muschel seit den 1990er Jahren in Norddeutschland wieder verstärkt auf. Neben Bremerhaven wurden bereits Schäden aus Cuxhaven sowie von den Inselhäfen Wangerooge, Langeoog und Spiekeroog gemeldet. Die rasante Ausbreitung der letzten Jahre kam für die Experten jedoch überraschend. Heiner Behrens von der Entwicklungsgesellschaft Alter/Neuer Hafen räumt ein, dass man zwar wusste, dass die Muschel präsent ist, die Intensität der Vermehrung jedoch nicht vorhersehbar war. Man hatte gehofft, die Sanierung der Gründung erst zu einem späteren Zeitpunkt durchführen zu müssen, doch die biologische Zerstörung verlief deutlich schneller als die Planungen der Ingenieure. Es ist davon auszugehen, dass nahezu alle Kajen, die noch auf den alten Holzpfählen ruhen, von diesem Befall betroffen sind.

Die Akteure und ihre Einschätzungen

Die Bewältigung dieser Krise liegt in den Händen verschiedener Akteure, allen voran Heiner Behrens von der Entwicklungsgesellschaft Alter/Neuer Hafen. Er leitet die Sanierung der ältesten Hafenbecken und steht vor der schwierigen Aufgabe, die Stadt vor weiteren finanziellen Belastungen zu schützen, während er gleichzeitig die Sicherheit der Anlagen garantieren muss. Wissenschaftliche Unterstützung kommt vom Thünen-Institut, wo Holzforscher Christian Brischke die Widerstandsfähigkeit verschiedener Holzarten untersucht. Brischke bezeichnet die Teredo navalis als die gefährlichsten Zerstörer von Holz im Meerwasser. Er erklärt, dass die Larven der Muschel in das Holz eindringen, dort wachsen und komplexe Tunnelsysteme bilden, bis von der ursprünglichen Struktur nur noch eine instabile Außenhülle übrig bleibt. Die Zusammenarbeit zwischen den Ingenieuren, die für die bauliche Instandsetzung zuständig sind, und den Forschern, die nach nachhaltigen Lösungen für den Unterwasserbau suchen, bildet das Zentrum der aktuellen Bemühungen. Die Betroffenen, zu denen auch die Nutzer der Fährverbindungen und die Anwohner in den betroffenen Hafenarealen zählen, müssen sich derweil auf langjährige Einschränkungen und Umleitungen einstellen.

Einordnung der ökologischen und baulichen Situation

Einzuordnen ist die aktuelle Lage als ein komplexes Zusammenspiel aus biologischer Anpassung und baulicher Alterung. Den Berichten zufolge ist die genaue Ursache für die plötzliche, massive Ausbreitung der Muschel noch nicht abschließend geklärt. Holzforscher Christian Brischke deutet an, dass Veränderungen der Wasserqualität, der Wassertemperatur oder des Salzgehaltes eine entscheidende Rolle spielen könnten. Dies ist derzeit Gegenstand laufender wissenschaftlicher Untersuchungen. Die Bewertung der Situation durch die Verantwortlichen fällt nüchtern aus: Holz als Baustoff im Unterwasserbereich hat in der modernen Ingenieurspraxis weitgehend ausgedient. Während man früher auf die Langlebigkeit der Fichtenpfähle vertraute, setzen die Sanierungspläne nun konsequent auf Stahlspundwände und Stahlbeton. Dennoch betont Brischke die ökologische Komponente: Aus Nachhaltigkeitsgründen sei Holz ein wertvoller, regenerativer Rohstoff, auf den man nicht vollständig verzichten sollte. Die Forschung sucht daher nach Wegen, Holz durch spezielle Behandlungen oder die Verwendung seltener Tropenhölzer resistenter gegen den Befall zu machen, um die Balance zwischen ökologischem Anspruch und technischer Notwendigkeit zu finden.

Offene Fragen zur weiteren Entwicklung

Trotz der laufenden Untersuchungen bleiben zahlreiche Fragen unbeantwortet, die für die Stadt Bremerhaven von zentraler Bedeutung sind. Zunächst ist unklar, wie hoch die Gesamtkosten für die Sanierung aller betroffenen Hafenanlagen letztlich ausfallen werden, da die 32 Millionen Euro lediglich einen Teilbereich betreffen. Auch die Frage, warum die Muschel ausgerechnet jetzt eine derartige Aggressivität an den Tag legt, kann derzeit nicht mit Sicherheit beantwortet werden. Die Forschung zu den Umweltfaktoren wie Salzgehalt und Temperatur steht noch am Anfang. Zudem ist unklar, welche anderen Hafenbereiche in der Region noch unentdeckte Schäden aufweisen könnten, da die Inspektionen meist erst bei sichtbaren Deformationen oder Rissen erfolgen. Auch die langfristige Wirksamkeit der geplanten Stahlbeton-Sanierungen im Vergleich zu den historischen Holzkonstruktionen in Bezug auf die gesamte Hafenökologie bleibt ein Thema, das in den kommenden Jahren weiter beobachtet werden muss. Die Forschungsergebnisse zu den behandelten Hölzern stehen ebenfalls noch aus und könnten erst in einigen Jahren Aufschluss darüber geben, ob Holz im Hafenbau eine Zukunft hat.

Ausblick auf die kommenden Jahre

Die Zukunft der Bremerhavener Hafenanlagen ist durch die notwendigen Sanierungsmaßnahmen geprägt, die sich über mehrere Jahre erstrecken werden. Projektleiter Heiner Behrens geht davon aus, dass die Holzbohrmuschel ihren Weg weiter die Weser flussaufwärts fortsetzen wird. Er befürchtet sogar, dass die Muschel ihren Siegeszug durch die Flüsse in ganz Norddeutschland antreten könnte, was weitere Städte vor ähnliche Herausforderungen stellen würde. In Bremerhaven selbst liegt der Fokus nun auf der Umsetzung der Sanierungspläne, bei denen im Wasserbereich primär Stahlspundwände und unter den Bauwerken Stahlbeton zum Einsatz kommen sollen. Während die Bauarbeiten die Infrastruktur über Jahre hinweg belasten werden, laufen die wissenschaftlichen Projekte am Thünen-Institut weiter. Die Forscher untersuchen dort über einen Zeitraum von vier Jahren verschiedene Holzproben, um deren Widerstandsfähigkeit zu testen. Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass chemisch behandelte Hölzer oder spezielle Tropenhölzer wie Itaúba und Iroko eine Alternative darstellen könnten. Ob diese Erkenntnisse jedoch rechtzeitig vorliegen, um die Sanierungsstrategien grundlegend zu beeinflussen, bleibt abzuwarten.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/hintergrund-wallpaper-muscheln-maritim-19867687/ · Foto: Emeline Mansion
Quelle: https://www.zdfheute.de/wissen/bremerhaven-muscheln-schaden-hafen-100.html