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Kampf gegen rechte Bücher: Kaugummi als Waffe
Kultur · 11.10.2026 13:06

Kampf gegen rechte Bücher: Kaugummi als Waffe

Kurz: Die Autorin Ronya Othmann blickt auf eine eigenwillige Protestaktion gegen rechte Verlage auf der Leipziger Buchmesse zurück und hinterfragt deren Sinnhaftigkei

Ein Akt des Protests mit Kaugummi

Es ist eine Geschichte, die weit in die Vergangenheit zurückreicht, wenngleich sie nicht so weit entfernt liegt, dass man heute von einer völlig anderen Ära sprechen könnte. Die Autorin Ronya Othmann schildert in einem persönlichen Rückblick, wie sie einst auf der Leipziger Buchmesse gegen die Präsenz rechter Verlage vorging. Ausgestattet mit einem gebrochenen Herzen, einer beachtlichen Menge Kaugummis und einem tiefsitzenden Gefühl der Wut, beschloss sie, den Standbetreibern auf ihre eigene, fast schon kindlich anmutende Weise entgegenzutreten. Ihr Vorgehen war physisch und direkt: Sie blätterte in den ausliegenden Werken der Verlage wie Antaios oder Compact und klebte die bereits vorgekauten Kaugummis zwischen die Buchseiten. Ziel war es, die Lektüre der dort angebotenen Inhalte unmöglich zu machen, indem sie die Seiten dauerhaft miteinander verband. Diese Aktion, die sie selbst als Verbrechen bezeichnet, ist mittlerweile verjährt, was ihr die Freiheit gibt, nun offen darüber zu schreiben. Es war ein Versuch, sich gegen das zu wehren, was sie als unerträgliche Präsenz dieser Gruppierungen im öffentlichen Raum der Literaturmesse empfand.

Die Kulisse und die Akteure vor Ort

Die Szenerie der Leipziger Buchmesse bot damals den Rahmen für diese Auseinandersetzung. Othmann beschreibt, wie sie sich für ihren Besuch maskierte, um nicht als sie selbst erkannt zu werden. Mit auffälligem Make-up, bunter Kleidung und einer bewusst unvorteilhaften Zopffrisur wollte sie das Klischee einer harmlosen Spielwarenhändlerin bedienen, die ihre Freizeit mit Hobby Horsing verbringt. In den überfüllten Hallen fand sie schließlich den Bereich, in dem die rechten Verlage ihre Stände aufgebaut hatten. Sie erkannte das Umfeld sofort: Neben den in Anzug, Strickpullover und Sneakern gekleideten Akteuren fielen ihr grobschlächtige, kräftig gebaute Männer auf, die in einschlägiger Markenkleidung auftraten und in ihr nicht das typische Publikum einer Buchmesse zu sein schienen. Auch bekannte Gesichter der rechten Szene, wie der sogenannte „Volkslehrer“ Nikolai Nerling oder der Neonazi Sven Liebich, waren vor Ort präsent. Die Atmosphäre war geprägt von einer Spannung, die sich in Othmanns Entscheidung niederschlug, die Kaugummis als Mittel des Widerstands einzusetzen.

Der Hintergrund der Auseinandersetzung

Die Präsenz rechter Verlage wie Antaios und Compact auf großen Buchmessen war und ist ein kontroverses Thema, das regelmäßig zu Gegenprotesten führt. Bündnisse wie „Verlage gegen Rechts“ oder „Leipzig nimmt Platz“ organisierten bereits damals Aktionen gegen die Teilnahme dieser Verlage. Othmanns persönliche Motivation speiste sich aus einer Mischung aus politischer Ablehnung und einer persönlichen emotionalen Verfassung. Sie beschreibt die Situation als eine, in der sie sich trotz ihrer fehlenden Veröffentlichungen als Besucherin auf der Messe befand. Die Konfrontation war kein Einzelfall, sondern Teil einer wiederkehrenden Debatte über die Grenzen der Meinungsfreiheit und den Umgang mit rechtsextremen Inhalten im Kulturbetrieb. Während die Proteste von Bündnissen oft lautstark und öffentlich stattfanden, wählte Othmann den Weg des stillen, subversiven Vandalismus, der jedoch in einer Umgebung stattfand, die ohnehin von einer permanenten Reibung zwischen verschiedenen politischen Lagern geprägt war.

Die Akteure und ihre Rollen

Die Beteiligten an dieser spezifischen Situation lassen sich in verschiedene Gruppen unterteilen. Auf der einen Seite standen die rechten Verlage, die durch ihre Präsenz und ihre Vertreter wie Nikolai Nerling und Sven Liebich den Raum der Messe für ihre Zwecke nutzten. Auf der anderen Seite agierten die Kritiker, zu denen sich Othmann in diesem Moment zählte, sowie die organisierten Bündnisse wie „Leipzig nimmt Platz“. Die Autorin selbst reflektiert ihre Rolle als eine, die sich zwischen individueller Wut und dem Wunsch nach politischer Wirksamkeit bewegte. Sie beschreibt, wie sie sich beobachtet fühlte, als die „grobschlächtigen Typen“ sie für einen Moment zu lange fixierten, was ihre Angst und ihr Unbehagen steigerte. Die Institution der Buchmesse selbst fungierte dabei als neutraler, aber hart umkämpfter Boden, auf dem die unterschiedlichen Weltanschauungen aufeinanderprallten, ohne dass eine Seite die andere jemals wirklich hätte überzeugen können.

Einordnung der Wirksamkeit

Einzuordnen ist diese Aktion aus heutiger Sicht als Ausdruck einer tiefen Hilflosigkeit. Othmann reflektiert kritisch, dass ihr Vorgehen – das Zusammenkleben von Seiten – in der Praxis kaum Auswirkungen hatte. Den Berichten zufolge war ihr von Anfang an bewusst, dass die betroffenen Bücher im Falle einer Entdeckung einfach ausgetauscht worden wären. Die Aktion diente eher der eigenen psychischen Entlastung als einem tatsächlichen politischen Ziel. Die Mattheit, die sie auf dem Heimweg in der S-Bahn verspürte, war keine übliche Erschöpfung nach einem Messetag, sondern eine traurige Erkenntnis über die Sinnlosigkeit ihres Tuns. Den Berichten zufolge fühlte sie sich nach der Tat nicht besser, sondern eher leer. Die Rechten waren auf der nächsten Messe wieder da, und auch auf der übernächsten. Die politische Realität, etwa der Aufstieg der AfD in Sachsen-Anhalt zur stärksten Kraft, unterstreicht für die Autorin die Vergeblichkeit solcher symbolischen, aber ineffektiven Proteste, die den gesellschaftlichen Diskurs nicht nachhaltig beeinflussen konnten.

Offene Fragen und Lücken

Der Quelltext lässt einige Fragen unbeantwortet, die für ein vollständiges Bild der damaligen Ereignisse hilfreich wären. So bleibt unklar, ob Othmann jemals bei ihrer Aktion direkt erwischt wurde oder ob es zu einer verbalen Konfrontation mit den Standbetreuern kam, über die sie nicht berichtet. Auch die genaue Anzahl der Bücher, die sie auf diese Weise „bearbeitete“, bleibt offen, ebenso wie die Frage, ob sie jemals von den Sicherheitskräften der Messe oder der Polizei angesprochen wurde. Zudem wird nicht explizit thematisiert, ob es innerhalb der Messeleitung zu diesem Zeitpunkt konkrete Anweisungen gab, wie mit solchen Protesten umzugehen sei. Die Lücke zwischen ihrem individuellen Handeln und den organisierten Protesten bleibt ebenfalls bestehen; es wird nicht deutlich, ob sie sich jemals mit den anderen Bündnissen abgestimmt hat oder ob ihr Handeln rein isoliert erfolgte. Auch die Reaktion der anderen Messebesucher auf ihre auffällige Verkleidung wird nur am Rande gestreift, ohne dass deren Wirkung auf das Umfeld genauer analysiert wird.

Der Blick in die Zukunft

Die Schilderung endet mit einer pessimistischen Bestandsaufnahme der aktuellen Lage. Die rechten Verlage haben sich mittlerweile weiterentwickelt und veranstalten heute in eigenen Hallen ihre „alternative“ Buchmesse, was die institutionelle Verfestigung dieser Strukturen verdeutlicht. Es gibt keine Hinweise auf geplante weitere Aktionen dieser Art durch die Autorin; im Gegenteil, der Text liest sich als ein Abschluss mit dieser Form des Protests. Die ausstehenden Fragen zur politischen Entwicklung und zum Umgang mit diesen Verlagen auf großen Messen bleiben bestehen, ohne dass der Text eine Lösung anbietet. Othmanns Fokus liegt nun auf ihrer schriftstellerischen Arbeit, etwa mit ihrem Roman „Vierundsiebzig“ oder ihren Reportagen, womit sie den Weg des politischen Aktivismus durch den des literarischen Zeugnisses ersetzt hat. Die kommenden Buchmessen werden zweifellos weiterhin Orte der Auseinandersetzung bleiben, doch die Kaugummi-Methode gehört für die Autorin der Vergangenheit an, ebenso wie die naive Hoffnung, damit die Welt verändern zu können.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/stadt-wahrzeichen-strasse-deutschland-12577862/ · Foto: Armin Forster
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/frankfurter-buchmesse-2026-mit-kaugummi-gegen-rechte-buecher-accg-201222509.html