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Jochen Schimmang: Man steigt nicht zweimal in denselben Bus
Kultur · 16.10.2026 09:31

Jochen Schimmang: Man steigt nicht zweimal in denselben Bus

Kurz: Jochen Schimmang hinterfragt in seinem neuen Buch die Natur der Erinnerung und das Verbot, an bedeutende Orte der eigenen Vergangenheit zurückzukehren.

Was geschehen ist: Die autobiographische Spurensuche

Der Schriftsteller Jochen Schimmang hat ein neues Buch veröffentlicht, das unter dem Titel „Die Versehrten springen nicht vom Zehner“ in der Edition Nautilus erschienen ist. Der Band versammelt sechs Texte, die der Autor selbst als „Erzählungen“ bezeichnet, wobei er diese Gattungsbezeichnung im Feuilleton-Kontext als Herausforderung an den Leser versteht. Im Zentrum steht eine fundamentale, fast schon dogmatisch formulierte Lebensregel: Die strikte Weigerung, an bedeutende Orte der eigenen Biografie zurückzukehren. Schimmang stellt diese Maxime an den Anfang seines Werkes, um sie im weiteren Verlauf des Buches einer kontinuierlichen Prüfung zu unterziehen. Es handelt sich dabei nicht um eine rein theoretische Abhandlung, sondern um eine tiefgreifende, autobiographisch grundierte Erkundung. Der Autor untersucht, wie Erinnerungen entstehen, wie sie verblassen und warum der Versuch, die Vergangenheit durch eine physische Rückkehr an ihre Schauplätze zu reaktivieren, zwangsläufig scheitern muss. Der Titel des Buches, der auf die Angst eines Schwimmers vor dem Sprung vom Zehnmeterbrett anspielt, fungiert dabei als Metapher für die existenzielle Unsicherheit, die mit solchen Rückblicken verbunden ist. Schimmang konfrontiert sich und den Leser mit der Frage, ob die Bilder, die wir von unserer Vergangenheit bewahren, nicht zwangsläufig wahrer sind als die heutige Realität der Orte, an denen wir einst lebten.

Die Einzelheiten: Zahlen, Namen und Orte

Das Werk umfasst 208 Seiten und ist im Jahr 2026 bei der Edition Nautilus in Hamburg erschienen. Der Preis für das gebundene Buch liegt bei 24 Euro. Schimmang verwebt in seinen Texten verschiedene biographische Stationen. Ein zentraler Punkt ist das Jahr 1975, in dem er ein Zweitstudium der Psychologie an der Ruhr-Universität Bochum begann. Er beschreibt diese Phase unter dem Begriff der „Ruhrromantik“. Dabei spielen auch popkulturelle Referenzen eine Rolle, etwa der Schlager „Nichts ist so schön / wie der Mond von Wanne-Eickel“, den er 1962 als Vierzehnjähriger hörte. Neben dem Autor selbst treten weitere Personen in den Fokus: Sein Vater, ein kommunaler Finanzbeamter, dessen Leben Schimmang anhand von Arbeitszeugnissen rekonstruiert, sowie die Schriftstellerkollegen Jürgen Becker und Christian Linder. Bei Becker hebt er besonders dessen Hände hervor, die er als „Pranken eines Mannes“ beschreibt, der gewohnt war, körperlich zu arbeiten. Die Texte sind zudem durch ein dichtes Netz an Motiven verbunden, das von Schlagern bis hin zum Badeort Ostende reicht. Schimmang nutzt dabei einen präzisen, lakonischen Protokollstil, der durch die wiederholte Bekräftigung seiner Rückkehr-Regel eine eigene Rhythmik entwickelt.

Hintergrund: Die Genese der Erinnerung

Die Entstehung des Buches ist eng mit Schimmangs eigener Lebensgeschichte und seiner literarischen Arbeitsweise verknüpft. Der Autor bekennt sich zu einer Schreibweise, die er selbst als Protokollstil definiert. Diese Methode zeichnet sich durch eine bewusste Unauffälligkeit und eine knappe Aneinanderreihung von äußeren und inneren Tatsachen aus. Historisch betrachtet greift Schimmang auf eine Tradition zurück, die er mit Johann Peter Hebels „Unverhofftem Wiedersehen“ in Verbindung bringt, wobei er den Titel für sein erstes Kapitel „Unverhoffte Sehnsucht“ variiert. Die Entscheidung, nicht an Orte der Vergangenheit zurückzukehren, ist für Schimmang keine bloße Laune, sondern eine bewusste Strategie der Selbstvergewisserung. Er erkennt, dass die Wirklichkeit der Gegenwart die idealisierten Bilder der Vergangenheit zerstören könnte. Die Texte entstanden aus dem Bedürfnis heraus, die Kontingenz biographischer Fakten zu beleuchten. Dabei dient das Ruhrgebiet als ein wesentlicher Schauplatz, der jedoch nicht durch den realen Strukturwandel geprägt wird, sondern durch die selektive Wahrnehmung des Autors. Die Ruinen und Leerstellen, die er beschreibt, sind Projektionsflächen seines eigenen Gedächtnisses, das penibel verzeichnet, woran er sich erinnert – und vor allem, was er vergessen hat.

Die Beteiligten: Personen und Institutionen

Im Zentrum der Betrachtung steht Jochen Schimmang als Autor und Erzähler. Seine Perspektive wird durch den Rezensenten Patrick Bahners ergänzt, der das Werk für die Frankfurter Allgemeine Zeitung einordnet. Bahners reflektiert dabei auch seine eigene Biografie, etwa seine Zeit in Köln, und stellt sich die Frage, ob er Schimmangs Regel der Nicht-Rückkehr unbewusst selbst befolgt. Weitere Akteure sind Schimmangs Vater, dessen berufliche Laufbahn als Finanzbeamter in verschiedenen Städten eine indirekte Rolle spielt, sowie die Schriftsteller Jürgen Becker und Christian Linder. Letzterer wird durch Schimmang gewürdigt, insbesondere durch die Analyse von Linders Reiseberichten, die in der F.A.Z. erschienen waren. Auch die Ruhr-Universität Bochum und die Universitätsbibliothek, die 1975 fertiggestellt wurde, fungieren als wichtige Institutionen im Gefüge der Erinnerung. Die Edition Nautilus tritt als Verlag auf, der das Werk der Öffentlichkeit zugänglich macht. Schimmang setzt sich zudem mit der Rezeption von Literatur auseinander, indem er Linders Stil als Vorbild für eine sachliche, durch Reihung sortierende Erzählweise anführt, die zur Nachahmung einlädt.

Einordnung: Die Bedeutung des Protokollstils

Einzuordnen ist Schimmangs Werk als eine Form der literarischen Selbstbefragung, die den Gattungsbegriff der Erzählung bewusst dehnt. Die von ihm propagierte Regel, nicht an bedeutende Orte zurückzukehren, ist laut den Berichten als ein Imperativ zu verstehen, der sowohl an den Autor selbst als auch an den Leser gerichtet ist. Der Protokollstil, den Schimmang pflegt, ist dabei kein bloßes formales Mittel, sondern ein Ausdruck der Skepsis gegenüber der Verlässlichkeit des Gedächtnisses. Die Redundanz, die in seinen Protokollen auftritt, dient der Bekräftigung und der Absicherung gegen die eigene Vergesslichkeit. Den Berichten zufolge ist das Buch eine Einladung an den Leser, die eigene Umgehungsstrategie bei der lebensgeschichtlichen Selbstvergewisserung zu hinterfragen. Schimmang zeigt auf, dass Erinnerung immer ein Mosaik aus beiläufigen Begegnungen und Beobachtungen ist, das durch die Zeit eine eigene, oft trügerische Wahrheit gewinnt. Die literarische Qualität liegt in der Verbindung von präziser Beobachtung und der Anerkennung der eigenen Lückenhaftigkeit. Das Buch ist somit ein Plädoyer für die Akzeptanz von Leerstellen in der Biografie.

Offene Fragen: Was das Buch nicht klärt

Der Quelltext lässt einige Aspekte der Biografie und der erzählten Ereignisse offen. So bleibt beispielsweise unklar, inwieweit die von Schimmang beschriebenen „biographischen Gegenstände“ – etwa die Arbeitszeugnisse seines Vaters – tatsächlich eine lückenlose Rekonstruktion erlauben oder ob sie lediglich als weitere Versatzstücke einer subjektiven Erzählung dienen. Auch die Frage, warum Schimmang sein Psychologiestudium in Bochum letztlich nicht abschloss, wird zwar erwähnt, aber nicht weiter vertieft. Ebenso bleibt die genaue Natur der „Streitigkeiten in der WG“, die er als Teil seines Gedächtnisprotokolls anführt, im Dunkeln. Der Text gibt keine Auskunft darüber, ob Schimmang nach der Veröffentlichung des Buches plant, seine Regel der Nicht-Rückkehr jemals zu brechen, oder ob das Buch als endgültiger Abschluss dieser Lebensphase zu verstehen ist. Die Lücke zwischen der subjektiven Erinnerung an das WDR-Programm „Hier und heute“ und der objektiven historischen Tatsache, dass es sich um eine Fernsehsendung handelte, wird zwar von Patrick Bahners korrigiert, doch wie Schimmang selbst mit dieser Entlarvung seiner eigenen Erinnerung umgeht, bleibt innerhalb des vorliegenden Textes weitgehend unbeantwortet.

Wie es weitergeht: Ausstehende Reflexionen

Obwohl der Quelltext keine konkreten Termine für weitere Projekte nennt, deutet die Auseinandersetzung mit dem Stil von Christian Linder und Jürgen Becker darauf hin, dass Schimmang seine literarische Methode der „Reihung“ weiterentwickeln könnte. Die Veröffentlichung des Buches im Jahr 2026 markiert einen aktuellen Punkt in seinem Schaffen, der zur weiteren Auseinandersetzung mit der Gattung der autobiographischen Erzählung einlädt. Es bleibt abzuwarten, wie die Leserschaft auf die Aufforderung reagiert, die eigene Vergangenheit nicht mehr physisch aufzusuchen, sondern sie als ein Mosaik aus Erinnerungen zu betrachten. Die Debatte darüber, ob Schimmangs Regel als „Rat des Aberglaubens“ oder als notwendige psychologische Schutzmaßnahme zu werten ist, dürfte nach der Lektüre des Buches in literarischen Kreisen weitergeführt werden. Da das Buch nun vorliegt, liegt die Entscheidung über die Validität dieser „Regel“ beim Leser, der sich nun selbst der Frage stellen muss, ob er die Orte seiner Kindheit und Jugend tatsächlich aufsuchen möchte oder ob er Schimmangs Weg der bewussten Distanzierung folgt.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/mann-sitzung-sitzen-retro-11264471/ · Foto: Sami Abdullah
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/literatur/frankfurter-buchmesse-2026-jochen-schimmangs-autobiographische-erzaehlungen-201268123.html