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IW-Studie: Fachkräftemangel bremst Infrastruktur-Projekte aus
Wirtschaft · 19.10.2026 10:07

IW-Studie: Fachkräftemangel bremst Infrastruktur-Projekte aus

Kurz: Eine neue IW-Studie warnt: Der Fachkräftemangel könnte die staatlichen Investitionen von 500 Milliarden Euro in die deutsche Infrastruktur massiv gefährden.

Was geschehen ist – die Kernmeldung

Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat eine alarmierende Analyse zur aktuellen Lage des deutschen Arbeitsmarktes im Kontext staatlicher Großprojekte vorgelegt. Die zentrale Botschaft der Kölner Forscher ist eindeutig: Die ambitionierten Pläne der Bundesregierung, massiv in die Modernisierung der nationalen Infrastruktur zu investieren, drohen an einem akuten Mangel an qualifiziertem Personal zu scheitern. Konkret geht es um ein staatliches Sondervermögen in Höhe von 500 Milliarden Euro, das für die Bereiche Brückenbau, Netzausbau und Digitalisierung vorgesehen ist. Die Studie verdeutlicht, dass die Bereitstellung finanzieller Mittel allein nicht ausreicht, um die notwendigen Kapazitäten für die Umsetzung dieser komplexen Vorhaben zu schaffen. Es fehlt schlichtweg an den Menschen, die diese Projekte planen, technisch realisieren und im Anschluss betreiben können. Damit wird der Fachkräftemangel zu einem entscheidenden Nadelöhr für die deutsche Wirtschaftspolitik, das die Wirksamkeit der staatlichen Investitionsagenda fundamental infrage stellt.

Die Einzelheiten der Fachkräftelücke

Die Daten des IW zeichnen ein präzises Bild der Engpässe. Im Zeitraum zwischen Juli 2025 und Juni 2026 fehlten im Durchschnitt 148.047 Fachkräfte, die spezifisch für die Umsetzung der Investitionsagenda benötigt würden. Besonders gravierend ist die Situation in drei Kernbereichen: Infrastruktur, Energiewende und Digitalisierung. Auf diese drei Sektoren entfallen zusammengenommen 44 Prozent der gesamten Fachkräftelücke über alle Berufsgruppen hinweg. Besonders kritisch ist der Bedarf an technischen Spezialisten für die physische Umsetzung der Projekte. Hierzu zählen Berufe in der Bauelektrik, der Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik sowie der elektrischen Betriebstechnik und dem Maschinenbau. In diesen Feldern werden vor allem Fachkräfte mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung gesucht. Die Forscher betonen, dass die Nachfrage durch die staatlichen Mittel aus dem Sondervermögen weiter ansteigen wird, während das Angebot an qualifizierten Arbeitskräften ohne massive Gegenmaßnahmen nur unzureichend mitwächst.

Hintergrund und bisheriger Verlauf

Der Fachkräftemangel ist kein neues Phänomen, sondern ein strukturelles Problem, das primär durch die demografische Entwicklung in Deutschland getrieben wird. Zuwanderung kann diesen Trend nur teilweise kompensieren. Die aktuelle Situation ist zudem durch eine Reihe historischer Belastungen geprägt. Seit Beginn des Jahres 2020 haben die Corona-Pandemie, der Ukraine-Krieg und der Nahost-Konflikt die deutsche Wirtschaft massiv unter Druck gesetzt. Laut IW-Berechnungen sind der Privatwirtschaft dadurch Investitionen in dreistelliger Milliardenhöhe entgangen. Die Unternehmen investierten rund 470 Milliarden Euro weniger, als es der historische Trend hätte erwarten lassen. Während der Staat seine Investitionen seit 2019 um 20 Prozent gesteigert hat, liegen die privaten Investitionen auch im zweiten Quartal 2026 noch mehr als zehn Prozent unter dem Durchschnittswert von 2019. Die nun geplanten staatlichen Investitionen sollen diesen Investitionsstau auflösen und das Wachstum ankurbeln, stoßen jedoch auf einen bereits überlasteten Arbeitsmarkt.

Die Beteiligten und ihre Rollen

Verschiedene Akteure sind in diesen komplexen Prozess involviert. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) fungiert als analytische Instanz, die mit ihren Studien die strukturellen Probleme aufzeigt. Michael Grömling, der Konjunkturchef des IW, ordnet die staatlichen Bemühungen kritisch ein und betont, dass öffentliche Ausgaben private Investitionen nicht vollständig ersetzen können. Die Bundesregierung steht unter Zugzwang, da sie ihre Prognosen für das Wirtschaftswachstum – 1,3 Prozent für 2026 und 1,1 Prozent für 2027 – maßgeblich auf staatliche Infrastrukturinvestitionen stützt. Auch internationale Institutionen wie der Internationale Währungsfonds beobachten die Entwicklung in Deutschland genau. Zudem sind junge Menschen als potenzielle Auszubildende im Fokus, wobei sich Trends wie ein steigendes Interesse an Gesundheitsberufen oder die Nutzung von Künstlicher Intelligenz im Handwerk als neue Faktoren für die Berufswahl herauskristallisiert haben, die jedoch den Fachkräftemangel in der Baubranche bisher nicht beheben konnten.

Einordnung der wirtschaftlichen Lage

Den Berichten zufolge ist die Situation als strukturelle Herausforderung einzuordnen, die weit über kurzfristige konjunkturelle Schwankungen hinausgeht. Das IW warnt, dass unbesetzte Stellen nicht nur einen unmittelbaren Verlust an Wertschöpfung bedeuten, sondern langfristig die Innovationskraft und das allgemeine Wirtschaftswachstum in Deutschland schwächen. Die Prognose für das Jahr 2028, in dem das Wachstum auf nur noch 0,6 Prozent sinken soll, unterstreicht die Dringlichkeit. Einzuordnen ist das so: Die Politik versucht mit dem Investitionsgipfel, privates Kapital zu mobilisieren, um die Investitionslaune zu verbessern. Doch selbst wenn das Kapital vorhanden ist, bleibt die physische Umsetzung das Nadelöhr. Die Abhängigkeit der Wachstumsziele von einer ausreichenden Zahl an Fachkräften ist ein riskantes Unterfangen, da die demografische Lücke durch die reine Bereitstellung von Geldern nicht geschlossen werden kann. Ohne eine effektive Strategie zur Gewinnung und Ausbildung von Personal droht das Sondervermögen sein Ziel der Modernisierung zu verfehlen.

Offene Fragen und Lücken

Der Quelltext lässt einige wesentliche Fragen unbeantwortet, die für eine vollständige Bewertung der Situation notwendig wären. Zunächst bleibt unklar, welche konkreten „energischen Gegenmaßnahmen“ das IW empfiehlt, um das Arbeitsangebot kurzfristig zu erhöhen. Es wird zwar auf die demografische Entwicklung verwiesen, doch bleibt offen, wie genau die Bundesregierung auf die spezifische Lücke in den technischen Berufen reagieren will. Zudem fehlen Details dazu, inwieweit die Digitalisierung oder eine Automatisierung durch Künstliche Intelligenz die benötigte Fachkräfteanzahl bei Infrastrukturprojekten reduzieren könnte. Auch bleibt ungeklärt, wie die Verteilung der 500 Milliarden Euro zeitlich gestaffelt ist und ob es Priorisierungen innerhalb der Projekte gibt, falls der Fachkräftemangel in einem Bereich besonders kritisch wird. Die Studie benennt zwar den Bedarf, lässt aber offen, ob es bereits Pläne für eine gezielte Umschulung oder eine forcierte Anwerbung von Fachkräften aus dem Ausland in den spezifisch genannten technischen Sektoren gibt.

Wie es weitergeht

Die politische Agenda sieht für die kommende Zeit wichtige Schritte vor. Am Montag beginnt der Investitionsgipfel der Bundesregierung, bei dem es darum geht, privates Kapital nach Deutschland zu locken und die Investitionslaune der Wirtschaft zu verbessern. Dieser Gipfel wird ein Gradmesser dafür sein, ob die Regierung die Warnungen der Wirtschaftsökonomen in ihre Strategie integriert. Die wirtschaftlichen Prognosen für die Jahre 2027 und 2028 stehen unter dem Vorbehalt, dass die staatlichen Investitionen tatsächlich wie geplant umgesetzt werden können. Da der Fachkräftemangel laut IW eines der größten strukturellen Probleme bleibt, wird der Erfolg der Investitionsoffensive maßgeblich davon abhängen, ob es gelingt, die Lücke von über 148.000 benötigten Fachkräften zu schließen. Die kommenden Monate werden zeigen, ob die Regierung neben der Bereitstellung der 500 Milliarden Euro auch die notwendigen arbeitsmarktpolitischen Weichenstellungen vornimmt, um die physische Umsetzung der Infrastrukturprojekte abzusichern.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/schild-reich-verwischen-verschwimmen-4386152/ · Foto: https://kaboompics.com/
Quelle: https://www.tagesschau.de/wirtschaft/fachkraeftemaengel-infrastruktur-iw-studie-100.html