Was geschehen ist – die Kernmeldung
Im Juli 1944, nur drei Monate bevor die Wehrmacht Athen und Mittelgriechenland räumte, organisierten die deutschen Besatzungsbehörden die Deportation von 1673 jüdischen Menschen von der Insel Rhodos sowie 94 weiteren Personen von der benachbarten Insel Kos. Die Zielstation dieser Verschleppung war das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, eine Distanz von etwa 2000 Kilometern. Lange Zeit wurde dieses Ereignis in der historischen Forschung, etwa durch Hagen Fleischer oder in den Schriften von Lea Rosh und Eberhard Jäckel, als Paradebeispiel für einen irrationalen Vernichtungswahn angeführt. Die Argumentation lautete, dass die deutsche Führung wertvollen Transportraum opferte, um eine ideologische Vernichtung voranzutreiben, obwohl dies militärischen Notwendigkeiten widersprach. Auch in der aktuellen Ausstellung des Deutschen Historischen Museums, „Umstrittene Verwandtschaft – Koloniale und nationalsozialistische Gewalt“, wird diese These vertreten. Der Historiker Götz Aly widerspricht dieser Darstellung jedoch entschieden. Er legt dar, dass die Deportation keineswegs einem blinden Wahn entsprang, sondern in ein zweckrationales, wenn auch verbrecherisches Kalkül der Wehrmacht eingebettet war. Die Besatzungstruppen auf Rhodos benötigten dringend Lebensmittel und Devisen, um ihre isolierte Stellung zu halten, und instrumentalisierten den Raub an der jüdischen Bevölkerung, um diesen Bedarf zu decken.
Die Einzelheiten – Zahlen, Namen und Orte
Die historischen Dokumente zeichnen ein präzises Bild der Abläufe. Generalleutnant Ulrich Kleemann (1892–1963), Kommandeur der Sturmdivision Rhodos, erhielt am 10. Mai 1944 den Befehl, die Versorgung der Wehrmachtseinheiten auf der Insel eigenständig zu organisieren. Dies geschah in einer Zeit, in der die deutsche Militärverwaltung auf die drohende Isolierung der Inseln Kreta und Rhodos reagierte. Am 13. Juli 1944 befahl Kleemann die Festsetzung der jüdischen Bevölkerung. Die logistische Durchführung oblag Schiffen wie der „Störtebeker“, der „Horst“ und der „Merkur“. Der Transport, der am 23. Juli begann, erreichte am 31. Juli den Hafen von Piräus. Von dort aus wurden die Menschen in Viehwaggons nach Auschwitz deportiert. Die Bilanz ist erschütternd: Von den insgesamt 1767 Deportierten überlebten nur 163 Menschen. Die Dokumentation durch Michael Molho (1890–1964) verdeutlicht das Grauen an Bord der Schiffe und im Hafen von Piräus, wo den Opfern gewaltsam Goldzähne und Wertsachen entwendet wurden. Die Seetransporthauptstelle Portolago auf Leros hielt in ihrem Kriegstagebuch fest, dass die Schiffe neben militärischem Nachschub wie Schrott und Munition auch die deportierten Juden transportierten. Die „Erfassungskommission für den Judennachlass“, die unter Kleemanns Befehl stand, sicherte die geraubten Güter für die Wehrmacht.
Hintergrund – Der Weg in die Isolation
Rhodos gehörte seit 1912 zu Italien. Nach dem Abfall Italiens von der Achsenmacht im Jahr 1943 entwaffneten deutsche Truppen die italienischen Einheiten. Die deutsche Militärverwaltung übernahm das Kommando, beließ jedoch die lokale Verwaltung und Währung zunächst in italienischer Hand. Die ökonomische Lage verschlechterte sich zusehends. Die italienische Lira war hochgradig inflationär, ebenso wie die griechische Drachme. Da die Wehrmacht ihre Einkäufe auf dem freien Markt nicht mehr mit diesen Währungen tätigen konnte, entstand ein massiver Bedarf an wertbeständigen Zahlungsmitteln, insbesondere Gold. Die deutsche Führung plante, die Inseln Rhodos und Kreta als „feste Plätze“ zu halten, um feindliche Kräfte zu binden. Um diese Strategie trotz der drohenden Abschneidung vom Nachschub durch die Alliierten umzusetzen, mussten die Soldaten autark versorgt werden. Die Enteignung der jüdischen Bevölkerung wurde somit zu einer logistischen Komponente der militärischen Strategie. Die Deportation war kein isolierter Akt des Irrsinns, sondern die brutale Konsequenz einer Entscheidung, die jüdische Gemeinschaft als ökonomische Ressource für die eigene Kriegführung zu missbrauchen.
Die Beteiligten – Akteure und Institutionen
Die Verantwortung für diese Verbrechen liegt bei einer Reihe von Akteuren. Generalleutnant Ulrich Kleemann leitete die Operation auf Rhodos und initiierte die „Erfassungskommission für den Judennachlass“. Der Sicherheitsdienst spielte eine zentrale Rolle bei der Organisation: SS-Obersturmführer Anton Burger (1911–1991) koordinierte die Deportation in enger Abstimmung mit Adolf Eichmann (1906–1962). Unterstützt wurden sie durch den Gestapo-Offizier Friedrich Linnemann. Ein besonders perfider Akteur war der Übersetzer Constantinos Recanati aus Thessaloniki, der als loyaler Vertrauensmann des Sicherheitsdienstes fungierte. Recanati täuschte die jüdische Bevölkerung, indem er sie dazu drängte, ihre Wertsachen – Schmuck, Gold und Wertpapiere – mitzunehmen, was die anschließende Beschlagnahmung durch die Wehrmacht erleichterte. Auch die Seetransporthauptstelle Portolago auf der Insel Leros war maßgeblich an der logistischen Abwicklung des Transports beteiligt. Die beteiligten Schiffe, darunter die „Störtebeker“ und die „Merkur“, unterstanden der deutschen Seekriegsleitung, die den Transport der Deportierten wie eine militärische Nachschubaufgabe behandelte.
Einordnung – Die ökonomische Logik des Verbrechens
Einzuordnen ist das Handeln der deutschen Besatzer als eine Form der „zweckrationalen“ Raubmord-Logik. Den Berichten zufolge ist die These, die Deportation habe jeder militärischen Logik widersprochen, nicht haltbar. Vielmehr zeigt sich, dass die Wehrmacht die Deportation als Mittel zur Finanzierung ihrer eigenen Truppenpräsenz nutzte. Die Enteignung der Juden von Rhodos lieferte die notwendigen Mittel, um Lebensmittel zu kaufen, die auf dem freien Markt sonst nicht mehr zu erwerben gewesen wären. Es ist ein schwerwiegender Fehler der historischen Forschung, diese Tat als „irrwitzig“ oder rein „ideologisch“ abzutun, da dies die ökonomische Dimension des Holocaust verkennt. Die systematische Beraubung, bis hin zum Herausreißen von Goldzähnen, war kein Zeichen von Wahnsinn, sondern Ausdruck einer kalten, bürokratischen Effizienz, die den Wert eines Menschenlebens gegen den Wert von Gold und Nahrungsmitteln aufwog. Die Behauptung, der Holocaust habe sich jedem Kalkül entzogen, dient hierbei eher der Verschleierung der Tatsache, dass die Wehrmacht aktiv und kalkuliert am Raubmord beteiligt war.
Offene Fragen – Was der Quelltext nicht beantwortet
Obwohl die Dokumente die Abläufe und die beteiligten Akteure detailliert benennen, bleiben einige Aspekte im Dunkeln. Der Quelltext macht keine Angaben darüber, ob es innerhalb der Wehrmachtführung auf Rhodos internen Widerstand gegen die Deportationsbefehle gab oder ob diese ohne nennenswerte Kritik umgesetzt wurden. Ebenso bleibt die genaue Verbleibdauer und der Verbleib der geraubten Güter nach dem Krieg unklar; der Text konzentriert sich auf die unmittelbare Enteignung während der Deportationsphase. Auch über die genauen Hintergründe der Entscheidung, warum die britischen Streitkräfte Rhodos bis zum 8. Mai 1945 ignorierten, gibt der Text nur den Hinweis, dass dies der Fall war, liefert aber keine strategische Analyse der alliierten Entscheidungsprozesse. Die Rolle der lokalen griechischen Bevölkerung bei der Deportation wird ebenfalls nicht weiter ausgeführt. Es bleibt zudem offen, inwieweit die beteiligten Offiziere nach dem Krieg für ihre spezifische Rolle bei der Enteignung und Deportation juristisch belangt wurden, da der Text hierzu keine weiterführenden Informationen liefert.
Wie es weitergeht – Historische Aufarbeitung
Die Debatte um die Deportation der Juden von Rhodos ist durch die Kritik von Götz Aly an der Ausstellung des Deutschen Historischen Museums neu entfacht worden. Die Forderung steht im Raum, dass historische Ausstellungen und Publikationen ihre Narrative kritisch hinterfragen müssen, anstatt unreflektiert Thesen zu wiederholen, die den Holocaust als „irrwitzig“ oder „unlogisch“ mystifizieren. Es ist zu erwarten, dass diese Auseinandersetzung zu einer genaueren Prüfung der Rolle der Wehrmacht bei der Enteignung jüdischer Gemeinschaften in den besetzten Gebieten führen wird. Die Dokumente, die Aly anführt, sind leicht verfügbar, was den Druck auf Historiker erhöht, ihre bisherigen Interpretationen auf Basis dieser Primärquellen zu revidieren. Die Auseinandersetzung zeigt, dass die historische Forschung nicht bei der bloßen Feststellung von Grausamkeiten stehen bleiben darf, sondern die ökonomischen und strategischen Strukturen des nationalsozialistischen Vernichtungsapparates präzise analysieren muss, um die volle Verantwortung der beteiligten Institutionen, insbesondere der Wehrmacht, offenzulegen.