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heise+ | Vermeintliche Adobe-Alternativen im Test: Was die „Crafting Apps“ leisten
Technik · 13.10.2026 18:00

heise+ | Vermeintliche Adobe-Alternativen im Test: Was die „Crafting Apps“ leisten

Kurz: Ein Entwickler hat mit KI-Unterstützung Nachbauten bekannter Kreativsoftware erstellt. Wir prüfen, ob die 'Crafting Apps' echte Adobe-Alternativen sind.

Was geschehen ist: Die Entstehung der Crafting Apps

In der Welt der Softwareentwicklung sorgt derzeit ein ambitioniertes Projekt für Aufsehen, das die Möglichkeiten moderner KI-gestützter Programmierung eindrucksvoll unter Beweis stellt. Der Softwareentwickler Brandon Thomas aus Atlanta hat das Projekt „ArtCraft“ ins Leben gerufen, mit dem Ziel, kostenlose Alternativen zu etablierten Kreativprogrammen zu schaffen. Auslöser für dieses Vorhaben war der wachsende Unmut über das verbreitete Abo-Modell von Adobe, das viele Anwender zunehmend kritisch betrachten. Thomas nutzte für die Umsetzung seines Vorhabens die KI-Umgebung Claude von Anthropic, um in einem bemerkenswert kurzen Zeitraum von nur etwa zehn Tagen sieben verschiedene Anwendungen zu entwickeln. Diese Programme, die mittlerweile unter dem Namen „Crafting Apps“ bekannt sind, imitieren die Benutzeroberflächen und Funktionen bekannter Software-Giganten. Das Spektrum der Nachbauten hat sich seit dem Start des Projekts sogar noch erweitert und umfasst mittlerweile auch Pendants zu Anwendungen aus dem Microsoft-Office-Paket. Interessierte Nutzer können die Software als native Anwendungen direkt über die offizielle Projektseite herunterladen, wobei der Quellcode für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Damit stellt sich die fundamentale Frage, ob diese durch „Vibe-Coding“ entstandenen Programme tatsächlich als ernsthafte Werkzeuge für den kreativen Alltag taugen oder ob sie lediglich eine optische Fassade ohne echte Substanz bieten.

Die Einzelheiten: Technik und Funktionsweise

Das Projekt ArtCraft setzt auf eine spezifische methodische Herangehensweise, die der Entwickler als „Clean-Room-Neuimplementierung“ in der Programmiersprache Rust bezeichnet. Bei diesem technischen Ansatz wird explizit darauf geachtet, keinen geschützten Programmcode der Originalhersteller zu übernehmen oder deren Software zu dekompilieren. Stattdessen analysierte Brandon Thomas mithilfe des KI-Modells Claude Opus 5.5 die Benutzeroberflächen sowie die Funktionsweisen der Vorbilder. Auf Basis dieser Analysen schrieb er den Code in Rust komplett neu, um das Verhalten der Originale möglichst genau zu imitieren. Zu den bekanntesten Vertretern dieser Serie gehören PhotoCraft, das als Gegenstück zu Adobe Photoshop fungiert, sowie LightCraft, das an Adobe Lightroom angelehnt ist. Auch eine Anwendung namens SoundCraft, die als Alternative zu Pro Tools konzipiert wurde, gehört zum Portfolio. Die Programme stehen als native Downloads unter getartcraft.com/apps zur Verfügung. In der Praxis zeigte sich jedoch bei den Tests, dass der Schein oft trügt. Während die optische Anlehnung an die Vorbilder gelungen ist, offenbaren sich bei der funktionalen Tiefe deutliche Schwächen. So enttäuschten beispielsweise PhotoCraft und LightCraft bei der Verarbeitung von Rohdaten, und auch SoundCraft stieß an seine Grenzen, als es darum ging, externe Erweiterungen zu laden, was für professionelle Anwender ein erhebliches Hindernis darstellt.

Hintergrund: Der Aufstieg des Vibe-Codings

Die Entstehung der Crafting Apps ist eng mit dem Phänomen des sogenannten „Vibe-Codings“ verknüpft, das durch den Einsatz von KI-Sprachmodellen eine neue Ära in der Softwareentwicklung einläutet. Der Begriff beschreibt eine Arbeitsweise, bei der Entwickler durch die Interaktion mit KI-Assistenten komplexe Anwendungen erstellen können, ohne jeden einzelnen Befehl manuell in klassischer Weise zu programmieren. Brandon Thomas hat mit seinem Projekt ArtCraft demonstriert, wie mächtig diese Werkzeuge bereits heute sind, wenn es darum geht, innerhalb weniger Tage funktionale Prototypen oder gar lauffähige Applikationen zu erstellen. Der Hintergrund dieser Entwicklung ist ein wachsender Widerstand gegen die klassischen Vertriebsstrukturen von Software-as-a-Service-Modellen. Viele Nutzer suchen nach Wegen, sich aus der Abhängigkeit von monatlichen Abonnementgebühren zu befreien, was den Boden für solche quelloffenen Alternativprojekte bereitet hat. Die Tatsache, dass ein einzelner Entwickler in der Lage ist, mit KI-Unterstützung eine ganze Reihe von Programmen zu realisieren, die zuvor große Teams über Monate oder Jahre hinweg beschäftigt hätten, markiert einen Wendepunkt in der Softwareindustrie. Dennoch bleibt die Frage nach der langfristigen Wartbarkeit und Zuverlässigkeit solcher KI-generierten Projekte bestehen, da die Komplexität professioneller Software weit über die reine Nachahmung der Oberfläche hinausgeht.

Die Beteiligten: Akteure und Institutionen

Im Zentrum des Projekts steht der Entwickler Brandon Thomas, der aus Atlanta agiert und als treibende Kraft hinter ArtCraft fungiert. Er ist derjenige, der die strategischen Entscheidungen trifft und die KI-Modelle zur Code-Generierung einsetzt. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Unternehmen Anthropic, dessen KI-Modell Claude, insbesondere die Version Opus 5.5, die technische Grundlage für die Entwicklung bildet. Diese KI fungiert als Co-Pilot, der die Analyse der Vorbilder übernimmt und den entsprechenden Programmcode in Rust erstellt. Auf der anderen Seite stehen die großen Softwarekonzerne wie Adobe und Microsoft, deren Produkte als Vorlage für die Nachbauten dienen. Diese Unternehmen sind zwar nicht direkt an der Entwicklung beteiligt, bilden aber den Bezugspunkt für die Kritik des Entwicklers an den aktuellen Lizenzmodellen. Die Nutzergemeinschaft, die sich für quelloffene und abofreie Software interessiert, stellt die Zielgruppe dar, für die diese Programme entwickelt wurden. Sie fungieren gleichzeitig als Tester, die durch ihre Rückmeldungen und die Nutzung der Software den Erfolg oder Misserfolg des Projekts mitbestimmen. Die Dynamik zwischen dem Einzelentwickler, der mächtigen KI-Technologie und den etablierten Marktführern bildet den Kern der aktuellen Debatte um die Zukunft der Softwareentwicklung.

Einordnung: Was das Projekt bedeutet

Einzuordnen ist das Projekt ArtCraft als ein Experiment, das die Grenzen dessen auslotet, was durch KI-gestützte Entwicklung möglich ist. Es ist ein deutliches Signal an die Branche, dass die Barrieren für den Einstieg in die Softwareentwicklung durch KI-Tools drastisch gesunken sind. Die Diskussion um die sogenannte „SaaSpokalypse“ verdeutlicht, dass die traditionellen Geschäftsmodelle von Software-Unternehmen unter Druck geraten könnten, wenn KI-generierte Alternativen eine akzeptable Qualität erreichen. Den Berichten zufolge zeigt das Projekt eindrucksvoll, dass KI-Werkzeuge die Softwarelandschaft in naher Zukunft grundlegend verändern könnten. Allerdings ist bei der Bewertung Vorsicht geboten: Die bloße Nachahmung der Oberfläche ist nicht gleichbedeutend mit der Bereitstellung einer professionellen Arbeitsumgebung. Während die Crafting Apps für Gelegenheitsnutzer oder einfache Aufgaben durchaus nützlich sein können, fehlt es ihnen in der Tiefe an der Robustheit und dem Funktionsumfang, den professionelle Anwender von Adobe Photoshop oder Pro Tools erwarten. Die Bedeutung des Projekts liegt daher weniger im direkten Ersatz der Originale, sondern vielmehr in der Demonstration der technologischen Möglichkeiten, die Vibe-Coding heute bietet und welche Herausforderungen dies für die etablierten Anbieter mit sich bringt.

Offene Fragen: Was bleibt ungeklärt?

Obwohl das Projekt ArtCraft öffentlich zugänglich ist, bleiben einige wesentliche Fragen unbeantwortet. Eine der kritischsten Punkte ist die rechtliche Absicherung der „Clean-Room-Neuimplementierung“. Zwar gibt der Entwickler an, dass kein geschützter Code übernommen wurde, doch lässt sich im Nachhinein kaum objektiv überprüfen, ob und wie die Untersuchung der Vorbilder tatsächlich vom Programmierprozess getrennt wurde. Es bleibt unklar, inwieweit die KI-Modelle bei der Code-Generierung auf Wissen zurückgreifen, das möglicherweise aus urheberrechtlich geschützten Quellen stammt. Zudem ist offen, wie es um die langfristige Sicherheit und Stabilität der Software bestellt ist. Da der Code durch eine KI generiert wurde, stellt sich die Frage, wer die Verantwortung für die Fehlerbehebung und die Implementierung von Sicherheitsupdates übernimmt. Auch die Frage nach der Skalierbarkeit des Projekts bleibt offen: Kann ein einzelner Entwickler, selbst mit KI-Unterstützung, eine Software pflegen, die mit der ständigen Weiterentwicklung der Originale Schritt halten muss? Diese Lücken in der Dokumentation und die Unsicherheit bezüglich der rechtlichen Grauzonen machen den Einsatz in einem professionellen Umfeld derzeit zu einem Wagnis.

Wie es weitergeht: Ausblick und Entwicklung

Die Zukunft der Crafting Apps hängt maßgeblich davon ab, wie sich das Projekt in der Community entwickelt und ob es gelingt, die funktionalen Defizite zu beheben. Der Entwickler Brandon Thomas hat mit der Veröffentlichung des Quellcodes einen Weg gewählt, der auf die Mitarbeit der Community setzt. Es bleibt abzuwarten, ob sich genügend Mitstreiter finden, die bereit sind, die KI-generierten Grundlagen zu verfeinern und die Software für den praktischen Einsatz zu optimieren. Da die Programme als native Anwendungen zum Download bereitstehen, ist eine kontinuierliche Weiterentwicklung technisch möglich. Termine für große Updates oder die Implementierung fehlender Funktionen, wie etwa die Unterstützung für externe Erweiterungen in SoundCraft, wurden jedoch nicht explizit genannt. Entscheidend wird sein, ob das Projekt über das Stadium eines Proof-of-Concept hinauskommt oder ob es als interessantes, aber letztlich unvollständiges Experiment in Erinnerung bleibt. Die Entwicklung der KI-Modelle selbst wird ebenfalls eine entscheidende Rolle spielen; sollten diese in der Lage sein, komplexere logische Zusammenhänge besser zu erfassen, könnten auch die Crafting Apps in Zukunft deutlich leistungsfähiger werden. Der Markt für Kreativsoftware wird diese Entwicklung genau beobachten müssen, da der Druck auf die etablierten SaaS-Modelle durch solche Initiativen zunimmt.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/hande-laptop-tippen-technologie-5483077/ · Foto: cottonbro studio
Quelle: https://www.heise.de/hintergrund/Vermeintliche-Adobe-Alternativen-im-Test-Was-die-Crafting-Apps-leisten-11485961.html?wt_mc=rss.red.ho.ho.atom.beitrag_plus.beitrag_plus