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Großbritanniens Zusammenarbeit mit der EU: Bye, bye, Brexit?
Schlagzeilen · 03.10.2026 11:54

Großbritanniens Zusammenarbeit mit der EU: Bye, bye, Brexit?

Kurz: Zehn Jahre nach dem Brexit-Referendum sorgt Premierminister Andy Burnham mit Aussagen über eine mögliche EU-Rückkehr für neue politische Spekulationen.

Eine neue Dynamik im britisch-europäischen Verhältnis

Zehn Jahre nach dem historischen Referendum, das den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union einleitete, scheint sich das politische Klima zwischen London und Brüssel grundlegend zu wandeln. Der aktuelle britische Premierminister Andy Burnham hat mit einer bemerkenswerten Äußerung die Debatte über eine mögliche Rückkehr seines Landes in die europäische Staatengemeinschaft neu entfacht. Während das zehnjährige Jubiläum des Austritts im Sommer noch von einer eher melancholischen Rückschau geprägt war, bei der unter anderem Protestmärsche von Liverpool nach Brüssel stattfanden, richtet sich der Blick nun nach vorne. Burnham betonte, dass der Brexit insgesamt mehr Schaden als Nutzen angerichtet habe, und ließ verlauten, dass für ihn grundsätzlich alle Optionen auf dem Tisch lägen. Diese Aussage wird in Brüssel aufmerksam registriert, wenngleich man sich dort offiziell zurückhaltend gibt. Die Phase der reinen Konfrontation scheint jedoch einer pragmatischen Phase der Wiederannäherung gewichen zu sein, in der beide Seiten nach Wegen suchen, die durch den Austritt entstandenen Lücken in der Zusammenarbeit zu schließen. Es ist ein Prozess, der von der Erkenntnis getrieben ist, dass die Trennung sowohl politisch als auch wirtschaftlich eine erhebliche Belastung für beide Seiten darstellte.

Die Architektur der neuen Zusammenarbeit

Das Fundament der aktuellen Beziehungen bildet das umfangreiche Handels- und Kooperationsabkommen, das nach zähen Verhandlungen in unzähligen Nachtstunden ausgearbeitet wurde. David McAllister, der als Vorsitzender des Ausschusses für Außenpolitik im EU-Parlament maßgeblich an diesem Prozess beteiligt war, beschreibt das Vertragswerk als eines der komplexesten, das die Europäische Union jemals verhandelt hat. Mit einem Umfang von mehr als 1.200 Seiten regelt es die essenziellen Bereiche des täglichen Austauschs, vergleichbar mit einer Scheidungsvereinbarung, die das Sorgerecht für Kinder oder die Aufteilung von Vermögenswerten festlegt. Die Themenpalette reicht dabei von der Fischerei über den Luftverkehr bis hin zur komplexen Strafverfolgung. Besonders hervorzuheben ist die Rückkehr Großbritanniens in wichtige europäische Programme: Seit 2024 sind britische Institutionen wieder Teil des Copernicus-Programms, was den Zugriff auf wertvolle Klima- und Wetterdaten ermöglicht. Zudem können sich britische Wissenschaftler wieder erfolgreich um Forschungsgelder aus dem Horizon-Programm bewerben. Auch die Wiedereingliederung in das Erasmus-Programm wird als ein bedeutender Schritt für die junge Generation in Großbritannien gewertet, die unter den Reisebeschränkungen und den hohen Kosten des Austritts besonders gelitten hat.

Die historische Last und der Weg in die Gegenwart

Der Weg bis zum heutigen Stand war von einer intensiven Vorgeschichte geprägt. Vor zehn Jahren endete eine von Unwahrheiten dominierte Kampagne mit einem knappen Votum für den Brexit, das die politische Landschaft in Europa nachhaltig veränderte. Die EU schrumpfte durch den Austritt von 28 auf 27 Mitglieder, was den Prozess für beide Seiten schmerzhaft und kostspielig machte. In den vergangenen Jahren wurde in Brüssel intensiv darüber debattiert, wie man mit dem neuen Status des Vereinigten Königreichs umgehen soll. Die Wirtschaft auf beiden Seiten litt unter den neuen Handelshemmnissen, wobei es oft schwierig bleibt, die negativen Auswirkungen des Brexits präzise von anderen Faktoren wie der Corona-Pandemie oder den drastisch gestiegenen Energiepreisen abzugrenzen. Dennoch herrscht in Brüssel der Tenor vor, dass man nach der schmerzhaften Trennung nun nach vorne blicken müsse. Die symbolische Übergabe eines Buches durch eine Gruppe von Wanderern aus Liverpool an die EU-Abgeordneten in Brüssel verdeutlichte im Sommer den Wunsch vieler Bürger nach einer engeren Bindung, auch wenn die politischen Realitäten oft komplexer sind als der Wunsch nach einer einfachen Rückkehr.

Die Akteure im komplexen Geflecht

Die Akteure in diesem Prozess sind vielfältig und verfolgen unterschiedliche Interessen. Premierminister Andy Burnham agiert als treibende Kraft für eine Neuausrichtung der britischen Außenpolitik. Auf europäischer Seite fungiert David McAllister als zentraler Vermittler, der als Brite im EU-Parlament eine Brückenfunktion einnimmt. Er warnt jedoch vor allzu großen Erwartungen und betont, dass ein Land, das die EU verlassen hat, nicht dieselben Privilegien genießen kann wie ein aktives Mitglied. Seitens der Europäischen Kommission äußert sich die Sprecherin Paola Pinho vorsichtig und betont, dass man keine Glaskugel besitze, um die zukünftige Entwicklung vorherzusagen. Ein weiterer EU-Sprecher unterstrich, dass die britische Regierung eingeladen sei, ihre Vorstellungen für eine weitere Entwicklung der Beziehungen darzulegen, wobei man sich offen für verschiedene Optionen zeige. Die Akteure stehen somit vor der Herausforderung, zwischen den starren Regeln des Binnenmarktes und dem Wunsch nach einer pragmatischen Zusammenarbeit zu navigieren, während sie gleichzeitig die sicherheitspolitischen Notwendigkeiten im Blick behalten müssen.

Einordnung der neuen Töne

Einzuordnen ist die aktuelle Situation als eine Phase der vorsichtigen Annäherung, die jedoch keineswegs eine sofortige Rückkehr Großbritanniens in die EU impliziert. Die größten Hürden bestehen nach wie vor im freien Personen- und Warenverkehr. Während EU-Bürger und Briten für Reisen nun Visa oder Reisegenehmigungen benötigen, kämpfen Unternehmen mit bürokratischen Hürden wie Zollformularen, Einfuhrumsatzsteuer und komplexen Lieferantenerklärungen. Den Berichten zufolge ist die wirtschaftliche Belastung durch diese Barrieren erheblich. Die Idee einer assoziierten Mitgliedschaft, analog zum Modell Kanadas, wird in Brüssel als ein möglicher dritter Weg zwischen Ehe und Scheidung diskutiert. Diese Option könnte als pragmatische Lösung dienen, um die Zusammenarbeit zu vertiefen, ohne die institutionellen Strukturen der EU erneut infrage zu stellen. Es bleibt jedoch festzuhalten, dass die politische Rhetorik von Premierminister Burnham zwar Beitrittsfantasien befeuert, die tatsächliche Umsetzung jedoch an den harten Realitäten des EU-Rechts und den innenpolitischen Befindlichkeiten in Großbritannien scheitern könnte.

Offene Fragen und die Zukunft der Beziehungen

Der Quelltext lässt eine Reihe zentraler Fragen unbeantwortet. Es bleibt unklar, welche konkreten Schritte die britische Regierung unter Burnham plant, um die von ihm angedeuteten Optionen zu realisieren. Ebenso wenig wird spezifiziert, wie die EU auf ein formelles Beitrittsgesuch reagieren würde, sollte ein solches tatsächlich gestellt werden. Die genauen Details der angestrebten sicherheitspolitischen Zusammenarbeit, insbesondere in Bezug auf die Geheimdienstarbeit und die Aufrüstung, bleiben vage. Auch die Frage, ob die britische Bevölkerung eine Rückkehr in die EU mehrheitlich unterstützen würde, wird im Text nicht thematisiert. Für die nähere Zukunft ist jedoch ein konkreter Termin gesetzt: Im November findet das zweite EU-UK-Gipfeltreffen statt. Bis zu diesem Zeitpunkt wird erwartet, dass die Zusammenarbeit insbesondere in den Bereichen Verteidigung der Ukraine, Geheimdienstaustausch und allgemeine sicherheitspolitische Kooperation intensiviert wird. Die kommenden Monate werden zeigen, ob der neue Ton aus London zu einer dauerhaften Vertiefung der Beziehungen führen kann oder ob es bei einer rein rhetorischen Annäherung bleibt, die die tiefgreifenden systemischen Probleme des Brexits nicht lösen kann.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/espresso-fruhstuck-nachrichten-news-3944425/ · Foto: cottonbro studio
Quelle: https://www.tagesschau.de/ausland/europa/grossbritannien-zusammenarbeit-eu-100.html