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Gaza und die Toten unter den Trümmern - warten auf die Bergung
Politik · 17.10.2026 00:22

Gaza und die Toten unter den Trümmern - warten auf die Bergung

Kurz: Im Gazastreifen liegen tausende Tote unter den Trümmern. Fehlendes Gerät und eine Blockade verhindern Bergungen und Identifizierungen – ein Trauma für Angehörig

Die unsichtbare Tragödie unter den Ruinen

Der Gazastreifen gleicht heute einer weitläufigen Landschaft aus Schutt, Asche und zerstörten Hoffnungen. Wo einst Wohnhäuser standen, ragen heute nur noch verbogene Eisenstangen und zerdrückte Betonplatten in den Himmel. Unter diesen Bergen aus Trümmern verbirgt sich eine humanitäre und persönliche Tragödie, die das Ausmaß der Zerstörung in der Region verdeutlicht: Tausende Tote liegen seit Monaten, teils seit Jahren, unter den Überresten ihrer Häuser begraben. Eine Bergung dieser Leichname ist derzeit kaum möglich, da es an den grundlegendsten Voraussetzungen fehlt. Es mangelt an schwerem Gerät, Treibstoff und den logistischen Kapazitäten, um die tonnenschweren Betonmassen zu bewegen. Für die Angehörigen, die ihre Liebsten bei Luftschlägen verloren haben, bedeutet dieser Zustand ein andauerndes Trauma. Sie warten auf die Möglichkeit, ihre Verstorbenen in Würde bestatten zu können, doch die Realität vor Ort lässt diesen letzten Akt der Menschlichkeit in den meisten Fällen nicht zu. Die Situation ist festgefahren, und die Hoffnung auf eine baldige Bergung schwindet mit jedem Tag, an dem die Trümmer unberührt bleiben.

Ein Einzelschicksal als Spiegel des Leids

Saleh Al Arabid ist einer der vielen Menschen, deren Leben durch den Krieg in Gaza dauerhaft gezeichnet ist. Er klettert regelmäßig über die Reste seines einstigen Zuhauses, in dem er bei einem israelischen Luftschlag im Dezember 2023 beinahe seine gesamte Familie verlor. Seine Schilderungen sind erschütternd: Während er sich im Erdgeschoss aufhielt, um Handys aufzuladen, befanden sich seine Söhne im oberen Stockwerk. Sie überlebten den Angriff nicht. Al Arabid berichtet, dass die Leichen seiner Kinder noch immer unter den Trümmern liegen. Er beschreibt präzise, wo sich die Leichname befinden – im zweiten Stock und in dem darüber liegenden Bereich, wo das Gebäude durch Risse und Brüche instabil geworden ist. Ohne schweres Gerät ist es für ihn und andere Betroffene unmöglich, gegen diese tonnenschweren Betonwände anzukommen. Der Zivilschutz und die zuständigen Behörden seien zwar über die Lage informiert, doch aufgrund der extrem begrenzten Mittel und Ressourcen stehen keine Maschinen zur Verfügung. Die Verzweiflung über die eigene Machtlosigkeit ist bei Al Arabid allgegenwärtig, während er in seinen Träumen weiterhin die Nähe seiner verlorenen Söhne spürt.

Die logistischen und politischen Hindernisse

Die flächendeckende Bergung der Verschütteten scheitert an einer Vielzahl von Faktoren, die eng mit der militärischen Lage und der Blockade des Küstenstreifens verknüpft sind. Der Import von Treibstoff, Ersatzteilen für Maschinen und neuen Baumaschinen ist stark reglementiert oder gänzlich blockiert. Dies macht einen systematischen Einsatz von schwerem Gerät unmöglich. Internationale Hilfsorganisationen versuchen zwar, in diesem schwierigen Umfeld zu vermitteln und punktuell zu unterstützen, doch ihre Arbeit ist stets von der aktuellen Sicherheitslage abhängig. Amani Al Naouq, die für das Internationale Komitee des Roten Kreuzes in Gaza tätig ist, betont, dass ihre Organisation versucht, die Akteure vor Ort gezielt zu entlasten. Wenn der genaue Aufenthaltsort der Verstorbenen bekannt ist, unterstützt das Rote Kreuz die Bergungsbemühungen, etwa durch die Bereitstellung von gemietetem schweren Gerät. Dennoch bleibt dies eine Ausnahme in einer Region, in der die Infrastruktur weitgehend kollabiert ist und die logistischen Herausforderungen die Kapazitäten der Helfer bei weitem übersteigen.

Das bürokratische und medizinische Drama der Identifizierung

Selbst in den seltenen Fällen, in denen eine Bergung erfolgreich durchgeführt werden kann, stehen die Familien vor einer weiteren, oft unüberwindbaren Hürde: der Identifizierung der Toten. Die Wucht der Explosionen und die lange Zeit, in der die Körper unter den Trümmern den Elementen ausgesetzt waren, haben viele Leichname bis zur Unkenntlichkeit entstellt. In einem funktionierenden Gesundheitssystem würden Zahnarztakten oder DNA-Tests Klarheit schaffen. Doch im Gazastreifen ist das Gesundheitssystem weitgehend kollabiert. Laut Amani Al Naouq ist die Durchführung von DNA-Analysen unter den derzeitigen Umständen utopisch. In den Laboren fehlt es an der notwendigen Ausrüstung, und es ist von vornherein kein Material für solche komplexen Untersuchungen vorhanden. Auch medizinische und zahnmedizinische Unterlagen der Betroffenen sind oft nicht mehr zugänglich, da sie bei den Angriffen vernichtet wurden oder die Familien ihre Dokumente bei der Flucht verloren haben. Dieser Mangel an Identifizierungsmöglichkeiten beraubt die Hinterbliebenen der letzten Gewissheit und verhindert eine angemessene Trauerarbeit.

Politische Spannungen und gegenseitige Vorwürfe

Die Problematik der nicht identifizierten Toten ist längst zu einem politischen Zündstoff geworden. Die Vereinten Nationen haben der israelischen Armee vorgeworfen, durch den Abtransport von Trümmern gezielt forensische Spuren zu vernichten. Die Ruinen werden dabei als potenzielle Tatorte betrachtet, und die Beseitigung der Trümmer wird als Zerstörung von Beweismaterial für mögliche Kriegsverbrechen gewertet. Das israelische Militär (IDF) weist diese Vorwürfe entschieden zurück. Auf Anfrage der ARD erklärte die Armee, dass Einsatzkräfte, sollten sie im Zuge operativer Einsätze auf Leichname stoßen, diese mit Würde und Sensibilität behandeln würden. Zudem werde die Bergung in Zusammenarbeit mit dem Roten Halbmond koordiniert. Dennoch bleibt die Kluft zwischen den Vorwürfen der UN und der Darstellung des israelischen Militärs groß. Für die betroffenen Familien vor Ort spielt diese politische Auseinandersetzung jedoch eine untergeordnete Rolle; für sie zählt lediglich der Verlust ihrer Angehörigen und die Unmöglichkeit, sie in Würde zu beerdigen.

Offene Fragen und der Blick in die Zukunft

Der aktuelle Stand der Berichterstattung lässt zahlreiche Fragen offen, die für die betroffenen Menschen in Gaza von entscheidender Bedeutung sind. Es bleibt unklar, wie viele Leichname sich insgesamt noch unter den Trümmern befinden und ob jemals eine vollständige Erfassung stattfinden kann. Ebenso unbeantwortet bleibt die Frage, wie die internationale Gemeinschaft den Zugang zu notwendigem Bergungsgerät langfristig sicherstellen will, ohne die Sicherheitsinteressen der beteiligten Parteien zu gefährden. Auch ob es in absehbarer Zeit zu einer verbesserten Kooperation bei der Identifizierung kommt, ist nicht absehbar. Die Ankündigungen der Vergangenheit, etwa eine Einigung zur Waffenabgabe der Hamas, haben bisher keine spürbaren Verbesserungen für die humanitäre Lage bei der Bergung der Toten gebracht. Für Menschen wie Saleh Al Arabid bleibt die Zukunft ungewiss. Er und tausende andere Familien in Gaza müssen vorerst mit der schmerzhaften Gewissheit leben, dass ihre Liebsten weiterhin in den Trümmerwüsten gefangen sind, während eine Lösung für dieses humanitäre Drama in weiter Ferne liegt.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/modell-eines-tanks-auf-weissem-hintergrund-35546855/ · Foto: Matias Luge
Quelle: https://www.tagesschau.de/ausland/asien/gaza-tote-bergungen-100.html