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Forscherin: Marokko "ist quasi der Grenzpolizist" der EU
Schlagzeilen · 04.08.2026 18:34

Forscherin: Marokko "ist quasi der Grenzpolizist" der EU

Kurz: Die Migrationsforscherin Judith Kohlenberger analysiert die Krise in Ceuta und erklärt, warum die EU durch ihre Abhängigkeit von Marokko erpressbar bleibt.

Die Krise in Ceuta als Stresstest für Europa

Der jüngste massive Ansturm auf die spanische Exklave Ceuta, bei dem zeitweise bis zu 60.000 Menschen die Grenze erreichten, hat die europäische Migrationspolitik in den Fokus gerückt. Die Ereignisse legten eine tiefgreifende Uneinigkeit innerhalb der Europäischen Union offen. Während Spanien den Vorwurf erhob, andere EU-Staaten würden die Situation politisch instrumentalisieren, reagierte die Gemeinschaft zunächst zögerlich und wenig koordiniert. Erst nach einer kurzfristig einberufenen Videokonferenz signalisierten die EU-Staaten eine geschlossene Haltung und kündigten an, künftig durch Frühwarnsysteme und eine besser abgestimmte Krisenkommunikation vorbereitet zu sein.

Die Rolle der Migrationsforschung

Die Migrationsforscherin Judith Kohlenberger von der WU Wien bewertet das Vorgehen der EU kritisch. Ihrer Ansicht nach hat die Union den Stresstest in Ceuta zunächst nicht bestanden. Sie bemängelt, dass die neuen europäischen Asylregeln, die erst kurz zuvor in Kraft getreten waren, kaum als Grundlage für ein geordnetes Krisenmanagement genutzt wurden. Stattdessen sei die Kommunikation einseitig von Spanien geführt worden, anstatt auf das europäische Instrumentarium zu setzen.

Politische Instrumentalisierung und Schengen

Im Zuge der Debatte wurden auch radikale Forderungen laut. So brachte etwa Giorgia Meloni den Ausschluss Spaniens aus dem Schengenraum ins Spiel. Kohlenberger ordnet solche Vorstöße als innenpolitisches Kalkül ein, bei dem es primär um die Stärkung der eigenen Marke und das Gewinnen von Wählerstimmen gehe. Die Infragestellung der Personenfreizügigkeit hält sie für verfehlt, da Schengen nicht das geeignete System sei, um Migrationsbewegungen an den Außengrenzen zu regulieren.

Ursachen der Migration: Perspektivlosigkeit in Marokko

Die Analyse der Herkunft und Motivation der Menschen in Ceuta zeigt ein klares Bild: Ein Großteil der Ankommenden waren marokkanische Staatsangehörige, darunter viele Jugendliche und junge Erwachsene. Laut Kohlenberger stand bei dieser Gruppe nicht der Asylgedanke im Vordergrund, sondern der Wunsch nach ökonomischen Perspektiven. Die Jugendarbeitslosigkeit in Marokko, die bei etwa 38 Prozent liegt, gilt als zentraler Treiber. Zudem kursierten Falschinformationen über Arbeitsmöglichkeiten und dauerhafte Aufenthaltschancen in Spanien, was viele der Ankömmlinge letztlich wieder zur Rückkehr bewegte.

Die EU in der Abhängigkeit: Marokko als Türsteher

Ein zentraler Punkt der Kritik ist die strategische Abhängigkeit der EU von Drittstaaten. Kohlenberger bezeichnet Marokko sowie Länder wie Tunesien und Libyen als „Torwächter“ oder „Grenzpolizisten“ Europas. Diese Staaten seien sich ihrer Machtposition bewusst. Da die größte Sorge der EU die Ankunft von Migranten sei, habe man diesen Ländern einen Hebel in die Hand gegeben, der gezielt zur Erpressung genutzt werden könne. Solange Migration als Druckmittel fungiere und keine sachliche Debatte über die Steuerung stattfinde, bleibe die EU in dieser verwundbaren Position.

Rechtliche Bedenken bei der Grenzsicherung

Neben der politischen Dimension gibt es rechtliche Bedenken. Kohlenberger kritisiert, dass sofortige Rückführungen, wie sie in der Praxis vorkommen, nicht mit dem Völkerrecht oder dem Unionsrecht vereinbar seien. Dies gelte insbesondere für Menschen, die schwimmend die Grenze erreichen. Gleichzeitig betont sie, dass Ceuta bereits vor dem Ansturm eine der am stärksten gesicherten Grenzanlagen weltweit war. Eine weitere rein technische Aufrüstung der Grenze sei daher nicht die Lösung für das komplexe Problem.

Ausblick: Wiederholung nicht ausgeschlossen

Obwohl die beteiligten Systeme nach dem jüngsten Ereignis alarmiert sind und ein erneuter Ansturm in der unmittelbaren Zukunft als weniger wahrscheinlich gilt, warnt die Forschung davor, solche Vorfälle als Einzelfälle zu betrachten. Grenzstürme in Ceuta und anderen Exklaven haben in der Vergangenheit bereits stattgefunden. Die entscheidende Herausforderung für die EU bleibe daher die Bekämpfung der Fluchtursachen, anstatt sich allein auf die Rolle als „Türsteher“ zu verlassen.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/holzschild-auf-dunklem-marmorhintergrund-38748859/ · Foto: Ann H
Quelle: https://www.zdfheute.de/politik/ausland/ceuta-spanien-migration-eu-marokko-kritik-100.html