News aus aller Welt
Start
FIlmfestival in Sachsen: Sie kennen keine andere Heimat
Kultur · 11.10.2026 22:34

FIlmfestival in Sachsen: Sie kennen keine andere Heimat

Kurz: In Werdau fand das erste ostdeutsch-postmigrantische Filmfest „Kino Central“ statt. Die Veranstalterinnen setzen ein Zeichen gegen Rassismus in Sachsen.

Ein neues kulturelles Zeichen in sächsischer Kleinstadt

In der sächsischen Kleinstadt Werdau hat eine bemerkenswerte kulturelle Initiative stattgefunden: Das erste ostdeutsch-postmigrantische Filmfest unter dem Namen „Kino Central“. Die Veranstaltung, die in der Alten Tuchfabrik ausgerichtet wurde, markiert einen Wendepunkt für die lokale Kulturszene. Hinter dem Projekt stehen vor allem Nachfahrinnen vietnamesischer Vertragsarbeiter, die sich in der Werdauer Initiative gegen Rassismus (W.I.R.) organisiert haben. Ihr Ziel ist es, den öffentlichen Raum nicht der AfD zu überlassen und eine Plattform für Geschichten zu schaffen, die in der deutschen Filmlandschaft bisher unterrepräsentiert waren. Die Atmosphäre vor Ort war geprägt von Gemeinschaft und dem Wunsch nach Sichtbarkeit. Dass dieses Festival ausgerechnet in einer Region stattfindet, die politisch stark durch rechtsextreme Tendenzen herausgefordert wird, unterstreicht die Dringlichkeit und den Mut der Organisatorinnen. Für die Beteiligten ist es weit mehr als ein Filmereignis; es ist ein Akt der Selbstbehauptung und ein Bekenntnis zu einer Heimat, die sie als ihre eigene begreifen, auch wenn sie sich dort oft fremd fühlen müssen.

Die Akteure und ihre Motivation

Die treibenden Kräfte hinter „Kino Central“ sind Phương Thúy Nguyễn, Michelle Martin und Ngoc Le Ba. Für Nguyễn ist das Festival eine persönliche Rückkehr zu ihren Wurzeln. Nach ihrem Abitur im Jahr 2009 hatte sie Werdau verlassen, mit dem festen Vorsatz, nie wieder zurückzukehren. Doch die Ereignisse der Jahre ab 2016, insbesondere die Zunahme rassistischer Übergriffe im Zuge der Flüchtlingswelle, veränderten ihre Perspektive radikal. Sie erkannte, dass ein Rückzug in eine vermeintlich sichere Blase in Berlin keine Lösung darstellt. Die Erkenntnis, dass sie keine andere Heimat kennen und daher hier für ein besseres Miteinander kämpfen müssen, wurde zum Antrieb für die Gründung der Initiative W.I.R. Gemeinsam mit ihren Mitstreiterinnen hat sie über ein Jahr lang Archive durchforstet, Filme gesichtet und ein Programm kuratiert, das die vielfältigen Lebensrealitäten in der DDR und im heutigen Ostdeutschland widerspiegelt. Die Arbeit der Frauen ist ehrenamtlich und wird durch die Kulturstiftung des Freistaats Sachsen sowie die Bundeszentrale für politische Bildung unterstützt.

Ein Programm jenseits des Mainstreams

Das Filmprogramm von „Kino Central“ ist in seiner Art einzigartig in Deutschland, da es sich explizit auf ostdeutsche Filmschaffende und postmigrantische Perspektiven konzentriert. Gezeigt wurden Werke wie der Dokumentarfilm „Im Osten was Neues“ aus dem Jahr 2025, der sich mit der Transformation eines ehemaligen Rechtsextremisten befasst, der heute eine Fußballmannschaft mit Geflüchteten trainiert. Ein weiterer Beitrag war der Kurzfilm „Poeler Luft“ (2024), in dem die schwarze Schauspielerin Massiamy Diaby an den Ort ihrer Kindheit zurückkehrt. Zudem bot das Festival eine Reihe von Kurzfilmen, die das Leben internationaler Studierender in der DDR der sechziger bis achtziger Jahre dokumentieren. Diese Auswahl verdeutlicht den Anspruch der Veranstalterinnen, Migration nicht als Randerscheinung, sondern als integralen Bestandteil der ostdeutschen Geschichte und Gegenwart zu begreifen. Die Filme dienen als Ausgangspunkt für tiefgreifende Diskussionen über Zugehörigkeit, Identität und die Auswirkungen von Migrationsbewegungen auf die gesamte Gesellschaft, unabhängig von der individuellen Herkunft der Zuschauer.

Die historische Einbettung der Initiative

Der Name „Kino Central“ ist eine bewusste Hommage an ein ehemaliges Lichtspielhaus, das Werdau bis Anfang der neunziger Jahre prägte. Die Veranstalterinnen sehen ihre Arbeit als eine Art Wiederbelebung dieser kulturellen Tradition, wobei sie den Begriff „auferstanden aus Ruinen“ – eine Anspielung auf die ehemalige DDR-Hymne – nutzen, um den Prozess der kulturellen Neugründung zu beschreiben. Seit zehn Jahren ist die Initiative W.I.R. in Werdau aktiv, organisiert Filmscreenings in Schulen und führt Workshops durch, in denen rassistische Stereotype kritisch hinterfragt werden. Die Arbeit der Gruppe ist eine direkte Reaktion auf das soziale Klima in Sachsen. Die Veranstalterinnen betonen, dass Fragen der Teilhabe alle Gesellschaftsmitglieder betreffen. Durch die Verknüpfung von historischem Filmmaterial mit aktuellen Dokumentationen schaffen sie einen Raum, in dem die Kontinuität von Rassismus, aber auch die Beständigkeit von Widerstand und Solidarität sichtbar gemacht werden können.

Die Rolle der lokalen Politik und Gesellschaft

Obwohl die AfD seit 2024 die meisten Sitze im Werdauer Gemeinderat hält, berichten die Organisatorinnen von keinem direkten Widerstand gegen die Durchführung des Festivals. Der Bürgermeister der Stadt unterstützt die Initiative W.I.R. ausdrücklich. Dennoch ist das gesellschaftliche Klima angespannt. Michelle Martin berichtet von einer schleichenden Entfremdung: Organisationen und Einzelpersonen im Ort hätten ihre Unterstützung zurückgezogen, oft mit dem Verweis auf eine gewünschte Neutralität. Martin stellt diese Haltung in Frage und fragt rhetorisch, was Neutralität angesichts von Rassismus bedeuten soll. Diese Beobachtung wirft ein Schlaglicht auf die Schwierigkeiten zivilgesellschaftlichen Engagements in Regionen, in denen rechtsextreme Parteien an Einfluss gewinnen. Die Initiative sieht sich in der Pflicht, für sich und ihre Mitmenschen einzustehen, auch wenn dies bedeutet, sich gegen den Druck der Anpassung zu stellen. Die Unterstützung durch staatliche Stellen wie die Bundeszentrale für politische Bildung ist dabei ein wichtiger, wenn auch nicht ausreichender Rückhalt.

Perspektiven von Zeitzeugen

Ein besonderer Höhepunkt des Festivals waren die Paneldiskussionen nach den Filmvorführungen. Besonders eindrücklich war der Auftritt von Vũ Thị Hoàng Hà und Carlos Pinto, die beide als Studierende aus Vietnam beziehungsweise Angola in die DDR kamen und nach der Wende in Ostdeutschland blieben. Vũ Thị Hoàng Hà, die seit 1987 in Magdeburg lebt und sich dort im Beirat für Integration und Migration engagiert, berichtete von der emotionalen Belastung durch die aktuelle politische Lage. Die Wahl von AfD-Politikern in hohe Ämter in Sachsen-Anhalt habe bei ihr ein Gefühl der Ausgrenzung ausgelöst. Sie beschrieb, wie sie sich nach fast fünfzig Jahren in Deutschland plötzlich wieder an den Rand gedrängt fühlt. Doch der Besuch in Werdau und der Austausch mit den Menschen vor Ort gaben ihr neue Kraft. Diese persönlichen Zeugnisse verdeutlichen, dass das Filmfest auch eine therapeutische und stärkende Funktion für die betroffene Community erfüllt.

Einzuordnende Entwicklungen und Bewertungen

Den Berichten zufolge ist das Festival ein Versuch, die Deutungshoheit über die ostdeutsche Identität zurückzugewinnen. Die Veranstalterinnen positionieren sich gegen eine Engführung des Heimatbegriffs, wie sie von rechtsextremen Kräften propagiert wird. Einzuordnen ist das Engagement als ein bewusster Gegenentwurf zur politischen Stimmung. Dass das Festival trotz des politischen Umfelds stattfinden konnte, deutet auf ein vorhandenes, wenn auch unter Druck stehendes Potenzial für zivilgesellschaftliches Handeln hin. Die Einbeziehung von Filmen über internationale Studierende in der DDR zeigt zudem, dass die Geschichte der Migration im Osten Deutschlands komplexer ist, als es in der öffentlichen Wahrnehmung oft dargestellt wird. Die Veranstaltung fungiert somit als ein Archiv der Erfahrungen, das dazu dient, die eigene Geschichte gegen Vereinnahmungsversuche zu verteidigen. Die Resonanz der rund 40 Gäste am ersten Tag zeigt, dass ein Bedürfnis nach solchen Räumen des Austauschs besteht.

Offene Fragen und kommende Schritte

Der Quelltext lässt einige Fragen offen, etwa wie sich die langfristige Finanzierung der Initiative gestalten wird, da die Arbeit bisher rein ehrenamtlich erfolgt. Auch bleibt unklar, wie die Initiative W.I.R. konkret mit der zunehmenden Isolation durch lokale Institutionen umgehen will, die sich auf Neutralität berufen. Es wird nicht explizit benannt, welche weiteren Filme für zukünftige Ausgaben des Festivals geplant sind oder ob das Format „Kino Central“ dauerhaft in Werdau etabliert werden kann. Ebenso bleibt offen, wie die Stadtverwaltung langfristig zu dem Projekt stehen wird, sollte der politische Druck auf den Bürgermeister weiter steigen. Die Veranstalterinnen haben bisher keine konkreten Termine für eine Fortsetzung genannt, doch die erfolgreiche Durchführung des ersten Festivals legt den Grundstein für weitere Aktivitäten. Die kommenden Monate werden zeigen, ob „Kino Central“ als feste Größe in der sächsischen Kulturlandschaft Bestand haben wird oder ob es bei dieser einen, wenn auch bedeutenden, Veranstaltung bleiben muss.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/wahrzeichen-architektur-palast-geschichte-19239088/ · Foto: Wolfgang Weiser
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien-und-film/kino-central-werdau-filmfest-gegen-rassismus-in-sachsen-201306870.html