Die neue Ästhetik des Lesens
Lange Zeit galt das Image des belesenen Menschen als eher intellektuell unterkühlt oder gar distanziert. Literaturwissenschaftler wie Hans Ulrich Gumbrecht kokettierten in ihrer Biografie gar damit, kaum Bücher zu beenden. Doch während die akademische Welt eine gewisse Lässigkeit im Umgang mit dem geschriebenen Wort pflegte, hat sich in der Popkultur ein gegenteiliger Trend entwickelt. Unter dem Schlagwort der „Hot Literati“ werden Bücher heute als Lifestyle-Objekte inszeniert, die weit über ihren eigentlichen Inhalt hinausgehen.
Stars als Botschafter der Literatur
Prominente Persönlichkeiten wie Dua Lipa oder Kaia Gerber nutzen ihre Reichweite, um das Lesen als attraktive Freizeitbeschäftigung zu positionieren. In sozialen Netzwerken und durch Kooperationen mit Luxusmarken wird das Buch zum modischen Accessoire. So finden sich literarische Bezüge auf Taschen oder in aufwendig produzierten Werbekampagnen wieder, in denen bekannte Schauspielerinnen in prachtvollen Bibliotheken posieren. Die Botschaft ist klar: Lesen ist nicht nur ein intellektueller Akt, sondern ein Ausdruck von Individualität und Stil.
Zwischen Heiligtum und Gebrauchsgegenstand
Der Umgang mit dem physischen Buch spaltet dabei die Leserschaft in zwei Lager. Auf der einen Seite stehen die „Booktoker“, die ihre Exemplare oft wie Heiligtümer behandeln. Hier ist Perfektion gefragt: Leserillen im Buchrücken gelten als Makel, der nach Möglichkeiten zur Beseitigung verlangt. Die Sorge um den makellosen Zustand der Bibliothek steht im Kontrast zu einer anderen Strömung, die das Buch als Teil des Alltags begreift.
In Anlehnung an den Schriftsteller Flann O’Brien, der bereits in den 1940er-Jahren die Idee einer „Book Handling Agency“ skizzierte, gibt es Bestrebungen, Büchern künstlich Gebrauchsspuren zu verleihen. In Berliner Kreisen wurde diese Idee bereits ironisch umgesetzt: Ungelesene Werke werden dort gegen Gebühr mit Weinflecken oder Anmerkungen versehen, um den Anschein einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Inhalt zu erwecken. Dieser Trend zur Inszenierung zeigt, dass das Buch als Statussymbol fungiert, das den Besitzer interessanter und klüger erscheinen lassen soll.
Ein harmloser Trend?
Die Debatte darüber, ob Bücher lediglich als performative Accessoires dienen, ist nicht neu. Schon vor einem Jahrzehnt sorgte der Internet-Phänomen „Hot Dudes Reading“ für Diskussionen darüber, ob die Ästhetisierung des Lesens eine kulturelle Apokalypse einläutet oder eine erfreuliche Entwicklung darstellt.
Betrachtet man die aktuellen Bemühungen vieler Menschen, durch extreme Maßnahmen wie ästhetische Eingriffe oder radikale körperliche Veränderungen einem bestimmten Schönheitsideal zu entsprechen, wirkt das zur Schau gestellte Buch als Accessoire vergleichsweise harmlos. Ob die Inszenierung dabei stets mit einer tiefen inhaltlichen Auseinandersetzung einhergeht, bleibt zweitrangig. Der kulturelle Wert des Lesens wird durch die neue Sichtbarkeit in jedem Fall in einen Kontext gerückt, der weit über den stillen Lesesessel hinausgeht.