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Fedorow fordert Wahlen in der Ukraine - während des Krieges
Politik · 20.08.2026 05:05

Fedorow fordert Wahlen in der Ukraine - während des Krieges

Kurz: Der ehemalige ukrainische Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow fordert trotz des laufenden Krieges Neuwahlen und löst damit eine heftige politische Debatte au

Ein Tabubruch in Zeiten des Krieges

In der Ukraine hat sich eine grundlegende politische Debatte entzündet, die bisher als undenkbar galt. Der ehemalige Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow, der über sieben Jahre lang ein zentraler Bestandteil der Regierung unter Präsident Wolodymyr Selenskyj war, hat sich öffentlich für die Durchführung von Wahlen ausgesprochen. Diese Forderung stellt einen bewussten Bruch mit einem bisherigen gesellschaftlichen und politischen Tabu dar. Bisher herrschte weitgehend Konsens darüber, dass Wahlen während eines aktiven Kriegszustandes das Land destabilisieren könnten und somit dem russischen Aggressor in die Hände spielen würden. Fedorow jedoch argumentiert, dass die Ukraine auch unter den Bedingungen eines Verteidigungskrieges ihre demokratische Identität bewahren müsse. Er betont, dass eine Regierung in regelmäßigen Abständen das Vertrauen der Bevölkerung einholen sollte, um zu legitimieren, ob der eingeschlagene Kurs weiterhin auf Zustimmung stößt. Diese Äußerung wird von Beobachtern in Kiew fast einhellig als ein direkter Frontalangriff auf die aktuelle Staatsführung und insbesondere auf Präsident Selenskyj gewertet.

Die Argumentation des ehemaligen Ministers

In einer veröffentlichten Videobotschaft legte Fedorow seine Beweggründe dar. Er vertritt die Ansicht, dass die ukrainische Bevölkerung das Vertrauen in die aktuelle Führung verloren habe. Als primären Grund für diesen Vertrauensverlust führt er Korruptionsvorwürfe an, die bis in die höchsten Ebenen der Staatsspitze reichen sollen, ohne dabei jedoch spezifische Namen zu nennen. Für Fedorow ist der Wahlakt weit mehr als nur die Abgabe eines Stimmzettels; er sieht darin ein notwendiges Instrument der demokratischen Kontrolle. Er fordert die Regierung auf, sich der kritischen Prüfung durch die Bürger zu stellen, um die eigene Handlungsfähigkeit zu beweisen. Seine Argumentation zielt darauf ab, dass der Krieg kein dauerhaftes Hindernis für die demokratische Mitbestimmung sein dürfe. Damit bringt er eine Dynamik in die ukrainische Innenpolitik, die bisher durch die Notwendigkeit der nationalen Einheit im Kampf gegen Russland weitgehend unterdrückt wurde. Die Forderung steht im direkten Kontrast zur bisherigen offiziellen Linie, die den Kriegszustand als zwingenden Grund für das Aussetzen regulärer Wahlprozesse anführt.

Der historische und rechtliche Kontext

Die aktuelle Debatte ist tief in der Geschichte des laufenden russischen Angriffskrieges verwurzelt. Seit Beginn der großflächigen Invasion steht die Ukraine unter dem sogenannten Kriegszustand, der nach geltendem Recht die Durchführung von Wahlen unmöglich macht. Der Publizist Witalij Portnykow, der selbst als kritischer Beobachter der Regierung Selenskyj gilt, unterstreicht diese rechtliche Hürde. Er betont, dass es nicht der russische Präsident Wladimir Putin sei, der über die Wahlen in der Ukraine entscheide, sondern die objektive Realität des Krieges selbst. Neben den rechtlichen Rahmenbedingungen führen Kritiker der Fedorow-Initiative praktische Gründe an: Ein regulärer Wahlkampf sei unter den Bedingungen täglicher Raketen- und Drohnenangriffe kaum durchführbar. Die Sicherheitslage lasse eine flächendeckende Stimmabgabe nicht zu, da die Infrastruktur und das Leben der Bürger ständig durch russische Angriffe bedroht sind. Diese Argumente spiegeln die Sorge wider, dass der Versuch einer Wahl unter diesen Umständen die Gesellschaft eher spalten als einen könnte.

Die Akteure und ihre unterschiedlichen Perspektiven

Die Diskussion offenbart eine tiefe Spaltung innerhalb der ukrainischen Gesellschaft. Auf der einen Seite stehen Unterstützer von Fedorow, wie etwa Mychajlo Ohorodnykow, ein Wähler der ersten Stunde von Selenskyj, der nun regelmäßig an Demonstrationen teilnimmt. Er gibt an, seine Meinung geändert zu haben, da die Regierung die gesellschaftliche Stimmung ignoriere und Korruptionsfälle das Vertrauen zerrüttet hätten. Auf der anderen Seite stehen Experten wie die in Deutschland studierte Verwaltungswissenschaftlerin Jaroslawa Hryhortschuk. Sie erkennt zwar Fedorows Verdienste um die Digitalisierung des Landes an, äußert sich jedoch skeptisch gegenüber einer digitalen Wahl, die angesichts von Fedorows fachlichem Hintergrund als mögliche Option im Raum steht. Sie hält Online-Wahlen für schlichtweg nicht praktikabel. Auch innerhalb der Regierung gibt es Spannungen; so wurde jüngst eine Vize-Präsidialamtschefin entlassen, was zeitlich mit einer Antikorruptions-Razzia zusammenfiel, wenngleich der Präsident keine expliziten Gründe für die Personalentscheidung nannte.

Einordnung der politischen Dynamik

Einzuordnen ist das Geschehen als ein Symptom wachsender Spannungen zwischen der politischen Elite und Teilen der Bevölkerung. Den Berichten zufolge genießt Fedorow in Umfragen derzeit ein deutlich höheres Vertrauen als Präsident Selenskyj. Kritiker des ehemaligen Ministers werfen ihm daher ein opportunistisches Kalkül vor: Er nutze die Unzufriedenheit über Korruption und den langen Krieg, um sich selbst als Alternative zu positionieren. Die Debatte ist jedoch nicht nur auf persönliche Ambitionen reduziert. Sie berührt den Kern der ukrainischen Identität: Wie viel Demokratie verträgt ein Land im existenziellen Überlebenskampf? Die Forderung, zumindest auf kommunaler Ebene in sichereren Regionen fernab der Front mit Wahlen zu beginnen, zeigt, dass die Befürworter nach Wegen suchen, den demokratischen Prozess trotz der widrigen Umstände wiederzubeleben. Die Situation ist jedoch hochgradig volatil, da jede politische Auseinandersetzung das Risiko birgt, die nationale Widerstandskraft gegen den äußeren Feind zu schwächen.

Offene Fragen und der weitere Verlauf

Der aktuelle Diskurs lässt zahlreiche Fragen unbeantwortet. Es bleibt unklar, wie eine rechtliche Grundlage für Wahlen während des Kriegszustands geschaffen werden könnte, ohne die Verfassung zu brechen oder die Sicherheit der Wähler zu gefährden. Ebenso wenig ist geklärt, wie ein fairer Wahlkampf in einem Land möglich wäre, das täglich unter Beschuss steht und dessen Medienlandschaft stark auf die Kriegführung ausgerichtet ist. Auch die konkreten Pläne Fedorows – etwa ob er tatsächlich eine digitale Wahl anstrebt oder wie er die Korruptionsbekämpfung konkret mit dem Wahlprozess verknüpfen will – bleiben vage. Die Debatte ist jedoch angestoßen und wird die ukrainische Politik in den kommenden Wochen und Monaten weiter beschäftigen. Es bleibt abzuwarten, ob die Regierung auf den Druck reagiert, etwa durch Reformen oder eine offizielle Stellungnahme zur Wahlfrage, oder ob sie den Kurs der bisherigen Aussetzung beibehält. Die gesellschaftliche Diskussion darüber hat jedenfalls eine neue Intensität erreicht, die sich nicht mehr einfach ignorieren lässt.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/stadt-strasse-gebaude-fahnen-11421251/ · Foto: Mathias Reding
Quelle: https://www.tagesschau.de/ausland/europa/ukraine-debatte-wahlen-100.html