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Regional · 26.09.2026 11:54

"Erschreckend aktuell": Das Adorno-Experiment am Frankfurter Institut für Sozialforschung

Kurz: Das Frankfurter Institut für Sozialforschung erschließt das historische 'Gruppenexperiment' von Theodor W. Adorno über Antisemitismus in der Nachkriegszeit.

Was geschehen ist: Die Aufarbeitung des Gruppenexperiments

Kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs initiierte das Frankfurter Institut für Sozialforschung unter der Leitung von Theodor W. Adorno eine umfangreiche sozialwissenschaftliche Untersuchung, die als „Gruppenexperiment“ in die Geschichte einging. Ziel war es, die politische Stimmung, die Einstellung zum Nationalsozialismus und das Ausmaß des Antisemitismus in der jungen Bundesrepublik zu eruieren. Im Winter 1950/51 wurden hierfür rund 130 Gruppengespräche in verschiedenen deutschen Städten geführt und detailliert protokolliert. Die Ergebnisse, die auf über 21.000 Seiten festgehalten wurden, zeichnen ein beklemmendes Bild einer Gesellschaft, die sich nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches keineswegs von judenfeindlichen Narrativen distanziert hatte. Vielmehr zeigten die Protokolle eine tief verwurzelte Abwehrhaltung gegenüber der eigenen Verantwortung für den Holocaust. Theodor W. Adorno, der die Studie leitete, war von der Intensität der antisemitischen Äußerungen derart schockiert, dass er eine Veröffentlichung der Ergebnisse zunächst ablehnte. Er befürchtete, dass eine Konfrontation der Öffentlichkeit mit diesen Ansichten den demokratischen Prozess in Deutschland eher behindern als fördern könnte. Heute, Jahrzehnte später, widmet sich das Institut für Sozialforschung unter der Leitung von Forschenden wie Dirk Braunstein, Leonie Wüst und Bettine Rau der systematischen Aufarbeitung dieses umfangreichen Archivmaterials, um die Kontinuität antisemitischer Denkmuster sichtbar zu machen.

Die Einzelheiten: Protokolle einer mentalen Nachkriegslandschaft

Die Dokumente des Gruppenexperiments sind in roten und blauen Leinenbänden archiviert und bestehen aus auf Schreibmaschinen getippten Durchschlagpapieren, die zahlreiche handschriftliche Korrekturen aufweisen. Über 1.600 Personen nahmen an den Gesprächen teil, wobei ihre Identitäten in den Protokollen anonymisiert wurden. Die Inhalte der Diskussionen lassen tief blicken: Teilnehmer äußerten unverblümt antisemitische Klischees, etwa indem sie Juden pauschal als „faul“ bezeichneten und ihnen unterstellten, durch unredliche Handelsgeschäfte zu Reichtum gekommen zu sein. Leonie Wüst, die als Doktorandin an der Auswertung arbeitet, weist darauf hin, dass diese Narrative eng mit der Behauptung verknüpft waren, Juden hätten auf dem Schwarzmarkt agiert oder seien in Hehlerei verwickelt gewesen. Ein zentrales Element der Gespräche war laut Dirk Braunstein, dem Leiter des Archivs, die Dynamik der Gruppendynamik selbst: Anfangs heterogene Meinungen wurden im Verlauf der Diskussionen abgeschliffen, bis sich die Teilnehmer auf eine gemeinsame Identität als „Schicksalsgruppe“ einigten. Diese Gruppe sah sich in der Opferrolle und wehrte sich vehement gegen die Zumutung, eine Mitschuld am Holocaust empfinden zu müssen. Adorno selbst stellte fest, dass bei der Erwähnung des Grauens von Deportation und Massenmord häufig Euphemismen oder „Hohlräume der Rede“ entstanden, um das Unaussprechliche zu umschiffen.

Hintergrund: Der Auftrag der US-Besatzungsmacht

Die Entstehung des Gruppenexperiments ist untrennbar mit der Rückkehr Theodor W. Adornos aus dem Exil nach Frankfurt verbunden. Der Auftrag zur Durchführung der Studie kam vom U.S. High Commissioner for Germany. Die US-amerikanischen Besatzungsbehörden hatten ein starkes Interesse daran, den Erfolg ihrer „Entnazifizierungs“- und „Reeducation“-Programme zu evaluieren. Man wollte wissenschaftlich fundiert wissen, ob die demokratischen Werte in der deutschen Bevölkerung tatsächlich Fuß gefasst hatten oder ob das nationalsozialistische Gedankengut die gesellschaftliche Mentalität weiterhin dominierte. Adorno, der die Studie als Instrument der gesellschaftlichen Selbstreflexion begriff, kam zu einem ernüchternden Schluss: Die Demokratie hatte sich in den Köpfen der Menschen nicht derart verfestigt, dass sie als eigene, innere Angelegenheit begriffen wurde. Die Studie sollte somit als Spiegelbild der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft dienen, doch die Ergebnisse waren so verstörend, dass sie über Jahrzehnte hinweg nicht in ihrer vollen Breite zugänglich gemacht wurden. Die Entscheidung, das Material nun zu öffnen, markiert einen neuen Abschnitt in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit und der Frage, wie tief die Spuren des Nationalsozialismus in das kollektive Bewusstsein der Deutschen eingegraben waren.

Die Beteiligten: Forschende im Archiv des Instituts

Das Projekt zur Erschließung der Protokolle wird heute von einem Team am Institut für Sozialforschung getragen, das die historische Bedeutung dieser Dokumente neu bewertet. Dirk Braunstein, als Leiter des Archivs, spielt eine zentrale Rolle bei der methodischen Aufarbeitung des Materials. Er beschreibt den Prozess der Meinungsbildung in den damaligen Gruppen als einen Vorgang, bei dem der „Common Sense“ förmlich bei seiner Entstehung beobachtet werden kann. Unterstützt wird er dabei von den Doktorandinnen Leonie Wüst und Bettine Rau. Während Wüst vor allem die inhaltliche Analyse der antisemitischen Narrative vorantreibt, betont Rau die aktuelle Relevanz der historischen Befunde. Die Forschenden treten damit in das Erbe Adornos ein, der das Projekt einst initiierte, um die psychologischen Mechanismen der deutschen Nachkriegsgesellschaft zu verstehen. Ihre Arbeit ist nicht nur eine rein historische Archivierung, sondern eine aktive Auseinandersetzung mit den Dokumenten, die durch Kommentare und historische Einordnungen für die Öffentlichkeit verständlich gemacht werden sollen. Die Beteiligten verstehen ihre Arbeit als notwendigen Schritt, um die ungebrochenen Kontinuitäten des Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft offenzulegen und kritisch zu hinterfragen.

Einordnung: Warum die Dokumente heute relevant sind

Den Berichten zufolge ist die wissenschaftliche Einordnung des Gruppenexperiments von hoher Bedeutung für das Verständnis der deutschen Erinnerungskultur. Einzuordnen ist das so: Die Protokolle fungieren als ein ungeschöntes Archiv der Mentalitätsgeschichte. Bettine Rau betont, dass viele der damals geäußerten Rechtfertigungsstrategien – etwa der Mythos einer kleinen Clique, die für die Verbrechen verantwortlich war, oder die Behauptung, von nichts gewusst zu haben – bis heute in der Gesellschaft präsent sind. Die Forschenden stellen fest, dass diese Denkmuster keineswegs historische Relikte sind, sondern in der Art und Weise, wie heute über den Nationalsozialismus und die Shoah gesprochen wird, unheimlich vertraut wirken. Die Studie zeigt auf, dass der Antisemitismus nach 1945 nicht einfach verschwand, sondern sich in subtilere Formen der Abwehr und Verleugnung transformierte. Dass Adorno die Ergebnisse damals unter Verschluss halten wollte, um die demokratische Entwicklung nicht zu gefährden, wird heute als ein Zeichen für die Schwere der damaligen gesellschaftlichen Blockaden gewertet. Die nun geplante Veröffentlichung soll dazu beitragen, diese Blockaden durch eine fundierte historische Analyse aufzubrechen und den Blick auf die Kontinuitäten zu schärfen.

Offene Fragen: Was die Dokumente nicht klären

Obwohl die Protokolle mit über 21.000 Seiten einen massiven Umfang aufweisen, bleiben bei der Betrachtung des Gruppenexperiments einige Fragen offen. Der Quelltext macht deutlich, dass die Originalmitschnitte der Gespräche nicht mehr existieren, weshalb die Forschung vollständig auf die schriftlichen Protokolle angewiesen ist. Dies wirft die Frage auf, inwieweit die Protokollanten die Dynamik der Gespräche, den Tonfall oder nonverbale Signale der Teilnehmenden korrekt und neutral wiedergegeben haben. Zudem bleibt unklar, wie repräsentativ die Auswahl der 1.600 Befragten für die gesamte damalige Bevölkerung war, da die Gruppengespräche in spezifischen Städten stattfanden. Auch die konkreten Auswirkungen der US-amerikanischen Vorgaben auf die Fragestellung und die Auswahl der Teilnehmergruppen werden im Quelltext nicht in allen Details beleuchtet. Es bleibt offen, wie die damaligen Teilnehmer selbst auf die Erkenntnisse der Studie reagiert hätten, wären sie zu Lebzeiten damit konfrontiert worden. Die Lücke zwischen der damaligen Wahrnehmung der Befragten und der wissenschaftlichen Analyse durch Adorno und sein Team ist ein Bereich, der in der weiteren Forschung sicherlich noch differenzierter betrachtet werden muss, um die volle Tragweite der Ergebnisse zu erfassen.

Wie es weitergeht: Ein Langzeitprojekt zur Aufarbeitung

Das Institut für Sozialforschung hat sich für die Aufarbeitung des Adorno-Gruppenexperiments einen langen Zeitrahmen gesetzt: Auf zwölf Jahre ist das Projekt angelegt. Die Forschenden planen, die umfangreichen Originaldokumente schrittweise auszuwerten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dies soll nicht in einer bloßen Veröffentlichung der Texte bestehen, sondern in einer digitalen Bereitstellung, die durch wissenschaftliche Kommentare und eine fundierte historische Einordnung ergänzt wird. Ziel ist es, die Protokolle in einen Kontext zu setzen, der es ermöglicht, die antisemitischen Narrative und die Abwehrmechanismen der Nachkriegszeit als Teil eines größeren gesellschaftlichen Prozesses zu verstehen. Die schrittweise Veröffentlichung soll sicherstellen, dass die Dokumente nicht aus dem Zusammenhang gerissen werden, sondern als historische Quelle dienen, die zur Reflexion über die eigene Geschichte anregt. Weitere Details zu spezifischen Veröffentlichungsterminen oder digitalen Plattformen wurden im Quelltext nicht genannt, doch der Zeitrahmen von zwölf Jahren unterstreicht den Anspruch des Instituts, eine gründliche und nachhaltige wissenschaftliche Arbeit zu leisten.

Quelle: https://www.hessenschau.de/kultur/erschreckend-aktuell-das-adorno-experiment-am-frankfurter-institut-fuer-sozialforschung-v1,adorno-gruppenexperiment-forschung-100.html