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Der "größte Öl-Deal der Weltgeschichte"? Experte skeptisch
Schlagzeilen · 29.08.2026 16:13

Der "größte Öl-Deal der Weltgeschichte"? Experte skeptisch

Kurz: Donald Trump feiert ein neues Öl-Abkommen mit Venezuela als historischen Erfolg. Experten warnen jedoch vor massiven Risiken und politischer Instrumentalisierun

Ein umstrittenes Abkommen mit weitreichenden Folgen

US-Präsident Donald Trump hat ein neues Abkommen mit Venezuela verkündet, das er selbst als den „größten Öl-Deal der Weltgeschichte“ bezeichnet. Die Vereinbarung sieht vor, dass sich die Vereinigten Staaten den Zugriff auf mehr als 65 Milliarden Barrel der venezolanischen Erdölreserven sichern. Dies entspricht einer Menge, die die bestehenden US-Ölreserven rechnerisch mehr als verdoppeln könnte. Im Gegenzug wurden Venezuela Zahlungen in einer Größenordnung von fast 100 Milliarden Dollar in Aussicht gestellt. Während die Regierung in Caracas das Abkommen offiziell bestätigt hat und als wirtschaftlichen Erfolg verbucht, reagieren Fachleute mit deutlicher Zurückhaltung. Der Lateinamerika-Experte Professor Wolfgang Muno von der Universität Rostock ordnet die Vereinbarung in einem Gespräch mit ZDFheute live als eine Form der Machtprojektion ein. Seiner Einschätzung nach gehe es Washington weniger um einen klassischen wirtschaftlichen Neuanfang als vielmehr um die absolute Kontrolle über die venezolanischen Ressourcen. Die Ankündigung erfolgt in einer politisch angespannten Phase, in der die US-Regierung nach außen hin Stärke demonstrieren muss, um innenpolitischen Druck abzufedern.

Die technischen und finanziellen Details des Deals

Die vertraglichen Details konzentrieren sich auf rund 17 strategisch bedeutsame Ölfelder, die sich schwerpunktmäßig im Bereich des Orinoco-Deltas im Osten Venezuelas befinden. Die Förderung dieses Rohstoffs stellt jedoch eine enorme logistische Herausforderung dar. Das dort gewonnene Öl wird von Experten als „sehr schwer“ und „sehr zähflüssig“ beschrieben, was die Konsistenz von Asphalt aufweist. Aufgrund dieser physikalischen Eigenschaften ist die Gewinnung äußerst aufwendig und erfordert spezialisierte Raffinerietechnologien, über die derzeit nur wenige Unternehmen verfügen. Bislang waren vor allem US-Konzerne wie Chevron und Halliburton in der Region aktiv, wobei nun auch der spanische Energiekonzern Repsol als möglicher Akteur gehandelt wird. Finanziell ist das Abkommen an strenge Auflagen geknüpft: Die Erlöse aus den Verkäufen fließen nicht direkt in die venezolanische Staatskasse, sondern auf ein spezielles Konto in New York. US-Außenminister Marco Rubio soll dabei die persönliche Kontrolle darüber ausüben, welche Gelder für welche Zwecke innerhalb Venezuelas freigegeben werden, was das Land faktisch unter eine US-Vormundschaft stellt.

Der historische Kontext und die Rolle Venezuelas

Venezuela verfügt weltweit über die größten bekannten Erdölvorkommen, litt jedoch in den vergangenen Jahren unter massiver Misswirtschaft und internationalen Sanktionen. Die Infrastruktur im Erdölsektor ist veraltet, und das Fördervolumen liegt deutlich unter dem Niveau der Ära von Hugo Chávez. Die aktuelle Interimspräsidentin Delcy Rodríguez sieht in dem Deal eine notwendige Chance, frisches Kapital für die Modernisierung des maroden Sektors zu gewinnen. Der Druck auf das Regime ist durch verschiedene Faktoren gewachsen, darunter eine anhaltende wirtschaftliche Krise und die verheerenden Folgen eines kürzlich ereigneten schweren Erdbebens. Bei dieser Naturkatastrophe kamen mehr als 6.000 Menschen ums Leben, unzählige Häuser wurden zerstört, und viele Betroffene leben bis heute in provisorischen Zeltlagern. Die Hoffnung auf internationale Investitionen ist für die Regierung in Caracas daher überlebenswichtig, während das Land historisch eng mit China, Russland und dem Iran verbunden war, bei denen es hohe Schulden angehäuft hat.

Die Akteure und ihre strategischen Interessen

Die Rollenverteilung innerhalb dieses Abkommens ist klar definiert. Auf US-Seite agiert Außenminister Marco Rubio laut Expertenmeinung in einer Art „Vizekönig-Rolle“, die ihm die direkte Kontrolle über Land, Ölvorkommen und die Handelswege ermöglicht. Donald Trump nutzt das Abkommen als politisches Instrument, um sich als Retter der US-Wirtschaft zu inszenieren. Auf venezolanischer Seite versucht Delcy Rodríguez, das Abkommen als Erfolg zu verkaufen, um die eigene politische Stabilität zu sichern. Ein wesentliches Ziel Washingtons ist es zudem, den Einfluss Chinas in Lateinamerika massiv zurückzudrängen. Venezuela hatte in der Vergangenheit rund 60 Milliarden Dollar an Schulden gegenüber China durch Öllieferungen beglichen. Die USA greifen mit diesem Vorgehen auf eine moderne Interpretation der Monroe-Doktrin zurück, die bereits vor 200 Jahren den Ausschluss europäischer oder fremder Mächte aus dem amerikanischen Raum forderte. Trump modernisiert dieses Prinzip nun, um es gezielt gegen den wachsenden Einfluss Pekings in der Region zu richten.

Einordnung der politischen und wirtschaftlichen Lage

Einzuordnen ist der Deal nach Ansicht von Professor Muno als die formale Bestätigung eines Zustands, der bereits seit längerer Zeit existiert: Venezuela agiere faktisch nicht mehr als eigenständiger Staat, sondern als Protektorat der USA. Die wirtschaftliche Skepsis ist jedoch groß. US-Unternehmen zeigen sich zurückhaltend, da die Infrastruktur vor Ort marode ist und die Erinnerung an frühere Enteignungen potenzielle Investoren abschreckt. Eine schnelle Rendite ist den Berichten zufolge nicht zu erwarten. Die Stabilität des Regimes, die für langfristige Investitionen zwingend erforderlich wäre, gilt als äußerst fragil. Da eine Demokratisierung des Landes derzeit nicht absehbar ist, soll der Vertrag die fehlende Rechtssicherheit durch die direkte US-Kontrolle ersetzen. Ob dieses Modell langfristig funktioniert, bleibt abzuwarten, da der Aufbau einer funktionierenden Infrastruktur im Orinoco-Delta enorme Zeiträume in Anspruch nehmen wird. Der Deal erscheint somit eher als ein politisches Signal denn als ein unmittelbar wirksamer wirtschaftlicher Hebel für die amerikanische Energieversorgung.

Die innenpolitische Dimension in den USA

Der Zeitpunkt der Ankündigung ist kein Zufall. Trump steht unter erheblichem innenpolitischem Druck, insbesondere im Hinblick auf die anstehenden Zwischenwahlen. Die Beliebtheitswerte des Präsidenten sind nach dem jüngsten Konflikt mit dem Iran und den damit verbundenen steigenden Spritpreisen deutlich eingebrochen. Es besteht das Risiko, dass die Republikaner die Mehrheiten in beiden Kammern des Kongresses verlieren könnten, was Trump für den Rest seiner Amtszeit zu einer „Lame Duck“ machen würde. Zudem kämpfen die USA mit einer hohen Inflationsrate, und die Federal Reserve hat bereits Zinserhöhungen angedeutet. Der Öl-Deal dient somit als Ablenkungsmanöver vom sogenannten „Iran-Fiasko“. Trump hofft, durch die Aussicht auf eine langfristige Sicherung der Ölreserven die Märkte zu beruhigen, die Ölpreise zu senken und sich als handlungsfähiger Staatsmann zu präsentieren, der die Energieunabhängigkeit und den globalen Einfluss der USA sichert.

Offene Fragen und Unsicherheiten

Viele Aspekte des Abkommens bleiben nach derzeitigem Kenntnisstand ungeklärt. Es ist unklar, ob die angekündigten Investitionen tatsächlich in dem geplanten Umfang fließen werden. Auch die technische Machbarkeit der Vermarktung des zähflüssigen Schweröls unter den gegebenen Bedingungen ist mit großen Fragezeichen versehen. Der Experte Wolfgang Muno spricht in diesem Zusammenhang von „Zukunftsmusik“. Ob die USA tatsächlich in der Lage sind, die Kontrolle über das Land so auszuüben, dass eine stabile Ölförderung gewährleistet ist, ohne in die internen Konflikte Venezuelas tiefer hineingezogen zu werden, bleibt eine der zentralen offenen Fragen. Zudem ist unklar, wie die anderen internationalen Gläubiger Venezuelas, insbesondere China und Russland, auf den faktischen Verlust ihres Einflusses reagieren werden. Die rechtliche Absicherung der Investitionen in einem Land, das durch Instabilität und eine traumatische Geschichte von Enteignungen geprägt ist, bildet ein weiteres erhebliches Risiko, das im offiziellen Narrativ der US-Regierung bisher kaum thematisiert wird.

Ausblick auf die kommenden Entwicklungen

Wie es weitergeht, hängt maßgeblich von der Umsetzung der vertraglichen Vereinbarungen ab. In den kommenden Monaten wird sich zeigen, ob die angekündigten Investitionen von Konzernen wie Chevron oder Repsol tatsächlich getätigt werden oder ob die Unternehmen aufgrund der Sicherheitslage und der technischen Hürden zögern. Die politische Stabilität in Venezuela bleibt der entscheidende Faktor für den Erfolg des Projekts. Sollte sich die Lage im Land weiter verschlechtern, etwa durch die Folgen des Erdbebens oder durch weiteren sozialen Unmut, könnten die Pläne zur Modernisierung der Ölfelder schnell scheitern. Für Trump wird der Erfolg des Deals an der Entwicklung der Ölpreise und der Stimmung bei den Zwischenwahlen gemessen werden. Die internationale Gemeinschaft beobachtet derweil, wie sich die neue Vormundschaft der USA auf die geopolitische Stabilität in Lateinamerika auswirkt. Der Prozess der „Formalisierung“ des Protektoratsstatus wird in den nächsten Jahren ein zentrales Thema der Außenpolitik bleiben, wobei die tatsächliche Förderung des Schweröls wohl erst in ferner Zukunft einen messbaren Einfluss auf die globalen Energiemärkte haben könnte.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/offshore-olplattform-bei-sonnenuntergang-uber-ruhiger-see-33366290/ · Foto: Stephen Leonardi
Quelle: https://www.zdfheute.de/politik/ausland/usa-trump-venezuela-oel-deal-100.html