Ein ungewöhnlicher Lernort für junge Menschen
Das Stadion des Fußball-Bundesligisten FC Schalke 04, die Veltins-Arena in Gelsenkirchen, dient regelmäßig als Schauplatz für ein pädagogisches Vorhaben der besonderen Art. Statt in den gewohnten Räumlichkeiten eines Klassenzimmers finden sich dort Jugendliche ein, um sich intensiv mit gesellschaftlich relevanten Themen auseinanderzusetzen. Das Projekt mit dem Titel "Schalke macht Schule" transformiert die Arena temporär in einen Ort der politischen Bildung und Demokratieförderung. Zielgruppe sind dabei vor allem Heranwachsende, die im schulischen Alltag oft als bildungsbenachteiligt gelten. Das Konzept ist eingebettet in das bundesweite Netzwerk "Lernort Stadion", welches Fußballstadien als außerschulische Lernorte nutzt, um Jugendliche zu erreichen, die im klassischen Schulsystem möglicherweise weniger motiviert sind. Die Atmosphäre des Stadions, die für viele junge Menschen eine hohe Faszination ausübt, soll dabei helfen, Hemmschwellen abzubauen und eine Lernumgebung zu schaffen, in der sich die Schülerinnen und Schüler wertgeschätzt fühlen. Die Jugendlichen, die unter anderem vom Berufskolleg Am Goldberg in Gelsenkirchen stammen, erleben dort einen Schultag, der sich deutlich von ihrem gewohnten Rhythmus unterscheidet. Die Größe und die Bedeutung des Stadions als Ort der Zusammenkunft tragen dazu bei, dass die Lerninhalte eine andere Gewichtung erfahren als in einem starren Frontalunterricht. Es ist ein bewusster Bruch mit der Routine, der Raum für neue Perspektiven und eine aktive Teilhabe an gesellschaftlichen Diskursen bietet.
Die inhaltliche Ausgestaltung der Projekttage
Die inhaltliche Arbeit innerhalb von "Schalke macht Schule" ist breit gefächert und orientiert sich an den Bedürfnissen der Jugendlichen. Ein aktueller Schwerpunkt lag auf dem Thema "Fast Fashion", bei dem die ökologischen und sozialen Auswirkungen der globalen Modeindustrie beleuchtet wurden. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurden mit Fakten konfrontiert, die ihr Konsumverhalten hinterfragen sollten. So wurde beispielsweise durch ein Quiz verdeutlicht, dass eine Person in Deutschland statistisch gesehen etwa 95 Kleidungsstücke besitzt – eine Zahl, die bei den Jugendlichen für Erstaunen sorgte. Ein weiterer Schockmoment war die Erkenntnis über den massiven Wasserverbrauch bei der Produktion eines einzigen Baumwoll-T-Shirts, der im Schnitt 2.700 Liter beträgt. Diese Zahlen dienten als Ausgangspunkt für lebhafte Gruppendiskussionen. Die Jugendlichen reflektierten dabei nicht nur über ihren eigenen Konsum, sondern entwickelten auch Ideen zur globalen Gerechtigkeit, etwa indem sie die Umleitung von Ressourcen in wasserarme Regionen thematisierten. Neben dem fachlichen Wissen über Nachhaltigkeit stehen soziale Kompetenzen im Fokus. Themen wie Zivilcourage, Anti-Diskriminierung und die Bedeutung von Regeln in einer Gemeinschaft werden durch interaktive Methoden vermittelt, die in der Schule aufgrund von Zeitmangel oder Lehrplanvorgaben oft zu kurz kommen.
Ursprung und Netzwerk des Projekts
Das Projekt "Schalke macht Schule" ist kein isoliertes Vorhaben, sondern Teil eines größeren, strukturierten Netzwerks. Es ist eng verknüpft mit dem bundesweiten Verbund "Lernort Stadion", der darauf abzielt, die Strahlkraft von Profifußballvereinen für Bildungszwecke nutzbar zu machen. In Gelsenkirchen wird dieses Vorhaben durch eine Kooperation verschiedener Akteure getragen. Neben dem FC Schalke 04 sind die Stiftung "Schalke hilft!", der Verband Gelsensport sowie die Bundesliga Stiftung maßgeblich an der Umsetzung beteiligt. Diese institutionelle Unterstützung ermöglicht es, die logistischen Herausforderungen zu bewältigen und eine professionelle pädagogische Begleitung sicherzustellen. Die Entstehung des Projekts ist vor dem Hintergrund einer zunehmenden Herausforderung im Bildungssystem zu sehen. Angesichts der Tatsache, dass im Schuljahr 2024/25 rund 65.000 Jugendliche die Schule ohne Abschluss verließen – ein Höchstwert seit zwei Jahrzehnten –, gewinnen solche alternativen Bildungsangebote an Bedeutung. Sie sollen als Brücke dienen, um Jugendliche wieder für Lernprozesse zu begeistern und sie in ihrer persönlichen Entwicklung zu stärken. Das Stadion fungiert dabei als neutraler Boden, der frei von der üblichen schulischen Leistungsbewertung ist und somit Raum für eine offenere Kommunikation zwischen Lehrkräften und Schülern schafft.
Die Akteure und ihre Rollen im Lernprozess
An dem Projekt sind diverse Personengruppen beteiligt, die jeweils unterschiedliche Rollen einnehmen. Friedrich Schellhase fungiert als Projektkoordinator von "Schalke macht Schule" und betont die Bedeutung der Wertevermittlung. Sein Ziel ist es, den Jugendlichen ein Bewusstsein für ihr eigenes Handeln und ihre Sprache zu geben, insbesondere im Hinblick auf Diskriminierung. Auf der Seite der Lehrenden, wie etwa Philipp Liese, wird das Projekt als Chance gesehen, eine andere Art der Interaktion mit den Schülern zu pflegen. Außerhalb des Klassenzimmers haben die Jugendlichen die Möglichkeit, ihre Meinung zu äußern und gehört zu werden, was im regulären Unterrichtsalltag oft untergeht. Auch externe Experten werden eingebunden, wie beispielsweise Christina Hermes, die als Gründerin des "Klimaflügels" den Workshop zum Thema Fast Fashion leitete. Sie sieht ihre Aufgabe darin, Wissen zu vermitteln, das die Schüler befähigt, fundierte Entscheidungen zu treffen. Die Schülerinnen und Schüler selbst, wie die 16-jährige Lara, der 16-jährige Abulfaz, die 17-jährige Samira, der 17-jährige Ahmad, die 17-jährige Amy und der 16-jährige Henry, bringen ihre eigenen Perspektiven ein. Ihre Rückmeldungen zeigen, dass sie den Projekttag als wertvolle Erfahrung wahrnehmen, die über eine bloße Ablenkung vom Unterricht hinausgeht und sie dazu anregt, ihr eigenes Verhalten kritisch zu hinterfragen.
Einordnung der pädagogischen Wirkung
Einzuordnen ist das Projekt als Versuch, politische Bildung durch eine emotionale Bindung an einen außerschulischen Ort attraktiver und wirksamer zu gestalten. Den Berichten zufolge ist der Erfolg solcher Maßnahmen nicht zwingend an einer sofortigen Verhaltensänderung der Jugendlichen messbar, sondern an der Sensibilisierung für komplexe Themen. Die pädagogische Methodik setzt auf Gruppenarbeit und den Austausch von Meinungen, wodurch die Schülerinnen und Schüler lernen, für ihre Positionen einzustehen und diese in einer Gemeinschaft zu vertreten. Dies ist ein zentraler Baustein der Demokratiebildung. Dass die Jugendlichen nach dem Workshop den Wunsch äußern, Freunde über die Herkunft ihrer Kleidung aufzuklären oder bewusster einzukaufen, deutet darauf hin, dass die Inhalte eine Resonanz erzeugen. Dennoch bleibt die Nachhaltigkeit dieser Impulse eine offene Frage. Projektleiterin Christina Hermes relativiert den Anspruch: Es gehe nicht darum, dass die Jugendlichen ihr Leben von heute auf morgen komplett umstellen, sondern darum, dass sie sich Wissen aneignen, auf das sie in Zukunft zurückgreifen können. Das Stadion dient dabei als Katalysator, der die Aufmerksamkeit der Jugendlichen bindet und eine Atmosphäre schafft, in der Lernen als sinnvoll und relevant empfunden wird.
Die Lücken im Bildungsansatz
Obwohl das Projekt "Schalke macht Schule" positive Rückmeldungen von den Beteiligten erhält, bleiben einige Fragen unbeantwortet. Der Quelltext macht keine Angaben darüber, wie die Langzeitwirkung dieser Workshops evaluiert wird. Es ist unklar, ob und wie die im Stadion gewonnenen Erkenntnisse in den regulären Schulalltag zurückfließen und dort weiterverfolgt werden. Ebenso bleibt offen, wie viele Schülerinnen und Schüler insgesamt von diesem Angebot profitieren können und ob es eine Skalierbarkeit gibt, die über einzelne Projekttage hinausgeht. Auch die Frage nach der Finanzierung und der langfristigen Sicherung der Kooperation zwischen den verschiedenen Stiftungen und dem Verein wird nicht detailliert erörtert. Zudem ist nicht ersichtlich, wie mit Schülern umgegangen wird, die sich den Inhalten gegenüber verschließen oder deren soziale Benachteiligung so tiefgreifend ist, dass ein eintägiger Workshop kaum ausreicht, um eine nachhaltige Veränderung zu bewirken. Die Herausforderung, die bildungspolitische Krise – verdeutlicht durch die hohe Zahl der Schulabbrecher – allein durch solche Projekte zu lösen, wird im Text nicht weiter thematisiert, was die Grenzen des Ansatzes aufzeigt.
Ausblick auf die Zukunft des Projekts
Wie es mit dem Projekt weitergeht, ist insofern klar, als dass das Netzwerk "Lernort Stadion" kontinuierlich an der inhaltlichen Ausgestaltung arbeitet. Die Verantwortlichen betonen, dass die Methoden der Demokratieförderung, die auf Gruppenarbeit und dem Einnehmen von Standpunkten basieren, auch bei zukünftigen Themen beibehalten werden sollen. Es ist davon auszugehen, dass die Kooperation zwischen dem FC Schalke 04, den Stiftungen und den Bildungseinrichtungen fortgesetzt wird, da das Format als erfolgreich bewertet wird. Konkrete Termine für kommende Workshops oder eine Ausweitung des Programms auf weitere Schulen werden im Quelltext nicht explizit genannt. Es bleibt bei der Ankündigung, dass das Stadion weiterhin als Ort der Wertevermittlung dienen soll, um Jugendlichen jene Kompetenzen mitzugeben, die sie für ihre Teilhabe an der Gesellschaft benötigen. Die Beteiligten setzen darauf, dass durch die kontinuierliche Arbeit eine Basis geschaffen wird, auf der die Jugendlichen aufbauen können. Ob weitere Themenfelder in das Portfolio aufgenommen werden oder ob das bestehende Programm eine inhaltliche Vertiefung erfährt, bleibt den zukünftigen Planungen der Projektverantwortlichen überlassen, die den Fokus weiterhin auf die Relevanz für die Lebenswelt der Jugendlichen legen wollen.
Die gesellschaftliche Bedeutung der Initiative
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass das Projekt "Schalke macht Schule" ein Beispiel dafür ist, wie gesellschaftliche Verantwortung von Sportvereinen konkret gelebt werden kann. Indem der FC Schalke 04 seine Infrastruktur für Bildungszwecke zur Verfügung stellt, leistet der Verein einen Beitrag zur sozialen Integration und zur Förderung demokratischer Werte. Die Verbindung von Sport, Bildung und Politik schafft einen Raum, der für viele Jugendliche niederschwelliger ist als das klassische Schulgebäude. Die Einbindung von Themen wie Fast Fashion oder Diskriminierung zeigt, dass das Projekt am Puls der Zeit arbeitet und die Lebensrealität der Jugendlichen ernst nimmt. Die Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler, die ihre Begeisterung für den Lernort Stadion zum Ausdruck bringen, unterstreichen die Wirksamkeit dieses Ansatzes. Es bleibt ein wichtiger Baustein in der deutschen Bildungslandschaft, der zeigt, dass Bildung nicht nur in Klassenzimmern stattfindet, sondern überall dort, wo junge Menschen motiviert werden können, sich mit ihrer Umwelt auseinanderzusetzen. Die Arbeit der Projektkoordinatoren und Lehrkräfte ist dabei essenziell, um die Brücke zwischen der Faszination des Stadions und den ernsten Themen der politischen Bildung zu schlagen und so eine nachhaltige Wirkung zu erzielen.