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Chemiepark Leuna: Sicherheitsvorfälle bremsen grünen Wasserstoff aus
Technik · 20.08.2026 12:00

Chemiepark Leuna: Sicherheitsvorfälle bremsen grünen Wasserstoff aus

Kurz: Sicherheitsbedenken und ein Unfall verzögern das Leuchtturmprojekt für grünen Wasserstoff von Linde im Chemiepark Leuna um Jahre.

Was geschehen ist – die Kernmeldung

Das ambitionierte Vorhaben des Industriegase-Konzerns Linde, im Chemiepark Leuna in Sachsen-Anhalt grünen Wasserstoff in großem Maßstab zu produzieren, ist ins Stocken geraten. Ursprünglich als weltweit größtes Projekt für PEM-Elektrolyse (Proton Exchange Membrane) angekündigt, sollte die Anlage bereits im Jahr 2022 in Betrieb gehen. Doch vier Jahre nach der offiziellen Ankündigung im Januar 2021 ist die Produktion von grünem Wasserstoff in Leuna faktisch nicht angelaufen. Wie Recherchen nun belegen, sind die Gründe für diese jahrelange Verzögerung nicht etwa in Lieferkettenproblemen oder bürokratischen Hürden zu suchen, sondern in schwerwiegenden Sicherheitsbedenken. Umfangreiche Umbauarbeiten und eine notwendige Neuplanung der Anlage waren erforderlich, um den Betrieb sicherheitstechnisch zu gewährleisten. Erschwerend kam hinzu, dass sich Ende 2025 ein Unfall ereignete, der die Arbeiten zusätzlich zurückwarf. Die Öffentlichkeit wurde über diese kritischen Vorfälle und die daraus resultierenden Stillstände bisher nicht informiert, was den Prozess in ein kritisches Licht rückt.

Die Einzelheiten der Verzögerungen

Die Details zu den Schwierigkeiten in Leuna kamen erst durch eine Kleine Anfrage der Landtagsabgeordneten Kerstin Eisenreich (Die Linke) an die Landesregierung von Sachsen-Anhalt ans Licht. Die Antworten des zuständigen Ministeriums für Wissenschaft, Energie, Klimaschutz und Umwelt bestätigen, dass die Sicherheitsaspekte der primäre Hemmschuh für das Projekt sind. Die Anlage, die auf der Elektrolysetechnologie des britischen Unternehmens ITM Power basiert, erforderte kostspielige und zeitintensive Modifikationen. Ein wesentlicher Punkt in der Chronologie der Ereignisse ist der Unfall Ende 2025, der die Sicherheitslage weiter verschärfte. Während Linde im Jahr 2021 noch optimistisch von einer jährlichen Produktionskapazität von 3.200 Tonnen grünem Wasserstoff sprach, steht dem eine fossile Kapazität von 55.000 Tonnen gegenüber, die Linde weiterhin mittels Dampfreformierung aus Erdgas betreibt. Die versprochene grüne Alternative macht somit nur einen kleinen Bruchteil der gesamten Wasserstoffproduktion am Standort aus, bleibt jedoch aufgrund der technischen Komplexität und der Sicherheitsanforderungen ein Sorgenkind.

Hintergrund des Wasserstoff-Projekts

Linde ist ein langjähriger Akteur im Chemiepark Leuna und versorgt dort zahlreiche Abnehmer sowie die angrenzende Raffinerie von Totalenergies mit Wasserstoff. Bislang basiert dieses Geschäftsmodell fast ausschließlich auf der sogenannten grauen Wasserstoffproduktion, bei der Erdgas in Dampfreformern gespalten wird. Dieser Prozess ist mit massiven CO2-Emissionen verbunden. Als Reaktion auf den wachsenden Druck zur Dekarbonisierung kündigte Linde 2021 an, den Bau eines Elektrolyseurs zu forcieren, statt wie ursprünglich geplant weitere fossile Kapazitäten auszubauen. Das Projekt sollte als Vorzeigemodell für die Energiewende dienen und wurde entsprechend mit rund 15 Millionen Euro durch den Bund und das Land Sachsen-Anhalt subventioniert. Die Technologie sollte dabei von ITM Power geliefert werden, einem Spezialisten für Elektrolysezellen. Doch die Erwartungen, die mit diesem Technologiewechsel verbunden waren, konnten aufgrund der technischen Herausforderungen und der sicherheitsrelevanten Nachbesserungen bislang nicht erfüllt werden.

Die Beteiligten und ihre Rollen

Im Zentrum des Geschehens steht Linde als Betreiber und Hauptverantwortlicher für das Projekt. Das Unternehmen hat sich in der Vergangenheit nur spärlich zu den Verzögerungen geäußert, selbst als der MDR bereits im Juni 2023 über Probleme berichtete. Als technologischer Partner fungiert das britische Unternehmen ITM Power, dessen Geschäftsberichte die Verzögerungen ebenfalls thematisierten. Auf politischer Ebene ist das Ministerium für Wissenschaft, Energie, Klimaschutz und Umwelt von Sachsen-Anhalt involviert, das die Fördergelder mitverantwortet und nun durch die Kleine Anfrage von Kerstin Eisenreich (Die Linke) zur Stellungnahme gezwungen wurde. Ein weiterer Akteur ist der Fährbetreiber Norled in Norwegen, der die MF Hydra betreibt. Die Fähre sollte mit grünem Wasserstoff aus Leuna beliefert werden, doch der tatsächliche Ursprung des Treibstoffs bleibt unklar, da die Anlage in Leuna nicht lieferfähig ist. Die Landesregierung und Linde selbst hielten sich bei Anfragen zu diesen Details lange Zeit bedeckt.

Einordnung der Sicherheitsvorfälle

Einzuordnen ist die Situation als ein klassisches Beispiel für die Herausforderungen beim Hochlauf neuer Wasserstofftechnologien. Wasserstoff ist ein hochgradig explosives Gas, dessen Handhabung in industriellem Maßstab extreme Anforderungen an die Anlagensicherheit stellt. Den Berichten zufolge haben die Sicherheitsbedenken bei der Planung und Errichtung des Elektrolyseurs dazu geführt, dass Linde gezwungen war, das Anlagendesign grundlegend zu überarbeiten. Solche Nachbesserungen sind bei neuartigen Elektrolyseverfahren nicht ungewöhnlich, doch das Ausmaß der Verzögerung und der Unfall Ende 2025 deuten auf erhebliche Schwierigkeiten bei der Skalierung der PEM-Technologie hin. Die mangelnde Transparenz gegenüber der Öffentlichkeit und den Steuerzahlern, die das Projekt mit 15 Millionen Euro fördern, ist aus medienkritischer Sicht ein kritischer Punkt. Während das Projekt als grüner Hoffnungsträger vermarktet wurde, zeigen die internen Probleme, dass der Übergang von fossiler zu grüner Produktion technisch weitaus komplexer ist, als es die ursprünglichen Ankündigungen vermuten ließen.

Offene Fragen zur Situation

Der Quelltext lässt eine Reihe wesentlicher Fragen unbeantwortet, die für die Bewertung des Projekts von Bedeutung wären. So bleibt unklar, welche spezifischen Sicherheitsmängel genau zu den Umbauarbeiten geführt haben und ob diese Probleme systemimmanent bei der verwendeten Technologie von ITM Power sind. Auch die Umstände des Unfalls Ende 2025 werden nicht im Detail erläutert; es ist offen, ob dabei Personen zu Schaden kamen oder ob es sich um einen rein materiellen Vorfall handelte. Zudem bleibt die Frage nach der Herkunft des Wasserstoffs für die norwegische Fähre MF Hydra ungeklärt, da Linde nicht in der Lage ist, den versprochenen grünen Wasserstoff zu liefern. Ebenso fehlen Informationen darüber, ob die bereits geflossenen Subventionen in Höhe von 15 Millionen Euro an Bedingungen geknüpft waren, die durch die Verzögerungen nun verletzt wurden, und ob seitens des Landes Sachsen-Anhalt Konsequenzen oder Rückforderungen geprüft werden.

Wie es weitergeht

Konkrete Termine für eine Inbetriebnahme des Elektrolyseurs werden im Quelltext nicht genannt. Da die Anlage nach wie vor nicht produziert und Linde sich weiterhin bedeckt hält, ist der Zeitplan für den weiteren Verlauf des Projekts völlig offen. Es ist davon auszugehen, dass die Sicherheitsüberprüfungen und die notwendigen Umbauarbeiten den Prozess noch über einen längeren Zeitraum dominieren werden. Die politische Aufarbeitung durch die Kleine Anfrage der Landtagsabgeordneten Kerstin Eisenreich hat jedoch ein Schlaglicht auf die mangelnde Transparenz geworfen, was den Druck auf die beteiligten Akteure erhöhen dürfte. Ob Linde in der Lage sein wird, die technischen Probleme zeitnah zu lösen und die versprochene Kapazität von 3.200 Tonnen pro Jahr tatsächlich zu erreichen, bleibt abzuwarten. Die weitere Entwicklung wird maßgeblich davon abhängen, ob die technologische Partnerschaft mit ITM Power die notwendigen sicherheitstechnischen Standards erfüllen kann oder ob weitere, noch umfangreichere Modifikationen am Design der Anlage erforderlich sein werden.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/rot-dunkel-retro-taste-6916502/ · Foto: Terrence Bowen
Quelle: https://www.golem.de/news/chemiepark-leuna-sicherheitsvorfaelle-bremsen-gruenen-wasserstoff-aus-2608-212042.html